Kommentar : Hier werden Sie geholfen!

Wenn man wirklich und nachhaltig die Armut bekämpfen möchte, müsste man nicht bei den Armen, sondern bei der Armenhilfe anfangen. Am besten mit einem kleinen Experiment: Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Treberhilfe tauschen ihre Jobs mit den Trebern.

Henryk M. Broder
Henryk Broder
Henryk M. Broder, "Spiegel"-Reporter, Blogger und regelmäßiger Gastkommentator beim Tagesspiegel.Foto: privat

Im Prinzip ist der Sozialstaat eine prima Idee. Diejenigen, die mehr haben, als sie zum Leben brauchen, helfen denjenigen, die mit dem, was sie haben, nicht über die Runden kommen. Dafür werden Steuern erhoben, der Staat sorgt für die Umverteilung der Mittel.

Und dann gibt es noch die ganz Armen, die nichts haben und deswegen vollständig auf Hilfe angewiesen sind. Sie bekommen ein Dach über den Kopf, Nahrung und Kleidung und etwas Geld zur freien Verfügung. Auch das ist richtig so. Niemand soll frieren, hungern und in Lumpen rumlaufen müssen, nur weil er Pech im Leben hatte.

Allerdings muss man sich inzwischen fragen, wer auf wen angewiesen ist: Die Armen auf die Armenhilfe oder die Armenhilfe auf die Armen. Im Zusammenhang mit dem Skandal um den Chef der Berliner Treberhilfe wird immer wieder darauf hingewiesen, was für eine wichtige Arbeit die Treberhelfer leisten und wie schrecklich es wäre, wenn die 280 Mitarbeiter des Vereins ihre Jobs verlieren würden, nur weil der Chef der Firma es ein wenig zu toll getrieben und übers Jahr gerechnet mehr als die Bundeskanzlerin verdient hat. Der primäre Zweck der Treberhilfe ist es also nicht, die Treber von der Straße zu holen, sie dauerhaft zu resozialisieren, der primäre Zweck der Treberhilfe ist es, die Arbeitsplätze der Treberhelfer zu erhalten. Und diese hängen wiederum davon ab, dass es genug Treber gibt, denen geholfen werden muss, in Berlin sollen es derzeit etwa 3000 sein, auf jeden Treberhelfer kommen also etwa 11 Treber.

Nun weiß jeder Kriminalist, dass es nicht klug wäre, die Kriminalität ganz abzuschaffen, denn dann hätte der Kriminalist nichts mehr zu tun. Jede kluge Katze lässt ein paar Mäuse übrig; und es ist schon vorgekommen, dass Feuerwehrleute eine alte Scheune angezündet haben, um sich hinterher beim Einsatz besonders hervorzutun.

So ist es auch mit der Armut und der Armenhilfe. Die Armenhilfe ist nicht dazu da, die Armut zu beseitigen, sondern sie zu verwalten und am Leben zu erhalten. Andernfalls wären die Armenhelfer arm dran, und statt hinter dem Schalter zu sitzen (und im besten Fall mit einem Maserati zu fahren und in einer Villa am See zu wohnen), müssten sie vor dem Schalter stehen und Formulare ausfüllen.

Deswegen hat niemand ein Interesse daran, die Armut abzuschaffen, am wenigsten die Mitarbeiter der Armenhilfe. Wer sägt gerne den Ast ab, auf dem er sitzt?

Freilich: Wenn man wirklich und nachhaltig die Armut bekämpfen möchte, müsste man nicht bei den Armen, sondern bei der Armenhilfe anfangen. Am besten mit einem kleinen Experiment. Die 280 hauptamtlichen Mitarbeiter der Treberhilfe tauschen ihre Jobs mit den Trebern. Das heißt, die Treberhelfer gehen auf die Straße, und die Treber ziehen in deren Büros ein.

Nach nur einer Woche wären die früheren Treber resozialisiert und die ehemaligen Treberhelfer so weit, dass sie jeden Job annehmen würden, nur um von der Straße wegzukommen. Notfalls sogar bei der Treberhilfe.

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