Kommentar : Hilfe für Afrika ist ein Gewinn

Afrika als billiger Produktionsstandort, junge Afrikaner für alternde Wohlstandsgesellschaften: So gewinnt das Wort von der Hilfe zur Selbsthilfe neue Bedeutung. Wir helfen vor allem uns selbst, indem wir Afrika helfen.

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Als die Vereinten Nationen vor zehn Jahren acht gute Vorsätze der Entwicklungshilfe formulierten, sprachen sie vollmundig von Millenniumszielen. Jahre oder Jahrzehnte waren nicht genug, es musste gleich ein ganzes Jahrtausend sein. Es galt schließlich, die Welt zu retten. Immerhin wurden die Ziele zum konkreten Bezugspunkt für weitere Vorgaben von G 8, G 20 und Europäischer Union. Doch auf dem neuerlichen Millenniumsgipfel in New York müssen sich nun die versammelten Staats- und Regierungschefs vorhalten lassen, dass sie weit hinter Plan liegen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gestand ein, dass deutsche Entwicklungshilfe längst noch nicht die angestrebten 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht.

Von Scham keine Spur, die Show geht weiter, so bizarr sie auch sein mag. Drei Tage lang wird auf höchster Ebene konferiert, dabei steht die Abschlusserklärung schon zu Beginn fest. Also war schon alles gesagt, bevor der erste Redner ans Pult trat. Auf gut 30 Seiten haben die Unterhändler festgehalten, dass es zwar Fortschritte gibt, aber auch „Herausforderungen und Chancen“, wie die eklatantesten Misserfolge genannt werden. Von „Licht und Schatten“ sprach die Kanzlerin.

Allein in den Ländern südlich der Sahara leben immer noch 100 Millionen Menschen in Hunger und bitterster Armut. Tatsächlich gibt es aber nicht nur schlechte Nachrichten aus Afrika. Viele Länder kommen inzwischen auf ansehnliches Wirtschaftswachstum, mehr Kinder werden eingeschult und mehr Menschen haben Zugang zu HIV-Medikamenten. Der Millenniumsgipfel von 2000, die G8-Treffen in Gleneagles und Heiligendamm, die Bemühungen von Popstars wie Bono, Bob Geldof und Herbert Grönemeyer haben etwas erreicht. Wenn es doch nur schneller ginge!

In ihrer knapp zehnminütigen Rede suchte Merkel die Ursache für die gemischte Bilanz vor allem bei den Nehmerländern, verlangte „mehr Ergebnisorientierung“ und gute Regierungsführung. Von einem neuen Miteinander sprach sie und blieb doch dem alten Denkmuster treu, das Hilfen als milde Gaben versteht. „Wir sind keine Kinder“, sagt die afrikanische Ökonomin Dambisa Moyo und fordert ein Ende bevormundender Geldflüsse.

In der Tat: Wenn afrikanische Staaten als wirkliche Partner gesehen würden, hätten beide Seiten mehr davon. Denn es gibt ja auf diesem Nachbarkontinent Europas nicht nur Armut, Gewalt und Krankheiten, sondern boomende Volkswirtschaften, junge Menschen und unermessliche Rohstoffe. Es ist kein Zufall, dass sich China mit Milliarden und Abermilliarden engagiert, nicht als Helfer, sondern als Investor.

Das sollte deutschen Politikern, Managern und Unternehmern zu denken geben. Afrika ist Zukunft. Irgendwann werden die Löhne in Asien westliches Niveau erreicht haben, und spätestens dann werden die Konzerne Afrika als billigen Produktionsstandort entdecken. Und irgendwann werden alternde Wohlstandsgesellschaften junge Afrikaner anwerben wollen, um den eigenen Lebensstandard zu erhalten. So gewinnt das Wort von der Hilfe zur Selbsthilfe neue Bedeutung: Wir helfen vor allem uns selbst, indem wir Afrika helfen.

Am Ende wird es wohl mehr als fünf Jahre dauern, bis sich die Lebensverhältnisse dort im Sinne der Millenniumsziele entwickelt haben – aber weniger als ein Jahrtausend. Denn gerade wer auf Europa blickt, auf Krieg und Genozid, weiß doch, wie schnell die Entwicklung zum Guten auch gehen kann. Dass Deutschland heute eine der größten Volkswirtschaften und Exportnationen der Welt ist (und eine stabile Demokratie noch dazu), hat mit den Care-Paketen von einst nur noch am Rande zu tun, sondern erklärt sich aus vielen kleinen und großen unternehmerischen Entscheidungen. Die deutsche Firma, die heute in Afrika produziert, könnte in ein, zwei Jahrzehnten an der Spitze eines lukrativen Trends stehen. Anstatt immer nur von China und Indien zu schwärmen, sollten sich deutsche Unternehmen ihre Chancen in Afrika erschließen. Aus Risiken erwächst Gewinn.

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