KOMMENTAR : Hitlers Heilung?

Peter von Becker wundert sich über den aktuellen "Spiegel"-Titel

Peter von Becker

Wir reiben uns die Augen. Die neueste Ausgabe des „Spiegel“ zeigt ein verschwommenes Foto aus alten Schützengräben und titelt darüber: „90 Jahre Versailler Vertrag – Der verschenkte Frieden“. Das klingt seriös und wenig sensationell, doch der wahre Blickfang ist die beigefügte Botschaft: „Warum auf den Ersten Weltkrieg ein zweiter folgen musste“.

Folgen musste. Das heißt im Klartext: Der Friedensvertrag von Versailles, unterzeichnet am 28. Juni 1919, verursachte den Zweiten Weltkrieg. Und hieraus folgt: Nicht Adolf Hitler war’s, sondern die Westalliierten, also Frankreich, Großbritannien und die USA sind im Grunde verantwortlich für den Krieg. Mit dieser Titelei hat der „Spiegel“ am Montag auch ganzseitig in großen deutschen Tageszeitungen geworben. Schon da werden sich manche Leser im In- und Ausland an den Kopf gefasst haben.

Tatsächlich hatte der Versailler Vertrag dem Deutschen Reich nach dem Ende des verlorenen (und mit begonnenen) Ersten Weltkriegs milliardenschwere Reparationslasten auferlegt, zudem den Verlust aller Kolonien und eines Teils des bisherigen Reichsgebiets beschert. Innere Unruhen, Inflation, Weltwirtschaftskrisen und steigende Arbeitslosigkeit begünstigten dann die Radikalisierung von links und rechts. Zum erfolgreichen Propaganda-Repertoire der Nationalsozialisten gehörte dabei die Sündenbockthese, das „Diktat von Versailles“ sei wesentlich schuld an den Miseren der Weimarer Republik. Hitler denunzierte die demokratischen Parteien der Republik immer wieder als feige Erfüllungsgehilfen des Versailler Vertrags.

All dies ist seit Jahr und Tag historisch gesichertes Wissen. Auch die aktuelle „Spiegel“-Titelgeschichte tut nichts anderes, als dieses Wissen aus jubilarischem Anlass noch einmal nachzuerzählen. Dazu aber wird kein neues Dokument enthüllt und kein neues Forschungsergebnis präsentiert. Ja, das Titel-Diktum, Versailles habe zwangsläufig zum Zweiten Weltkrieg geführt, wird in der Titelgeschichte selbst überhaupt nicht zur Diskussion gestellt. Auch im anschließenden Interview mit Henry Kissinger spricht der ehemalige US-Außenminister in aller Vorsicht nur, wie viele Historiker, vom „Keim für den nächsten Krieg“.

Vielleicht hätte es Hitlers Aufstieg bei einem anderen, klügeren Friedensschluss nicht gegeben. Trotzdem entsprang der Weltkrieg 20 Jahre später nicht zwangsläufig dem Frieden von Versailles, sondern Hitlers Gewaltwahn. Versailles erklärt nicht den Überfall auf Polen und fast ganz Europa und schon gar nicht den Rassenkrieg. Seit seinen Anfängen, schon in „Mein Kampf“ (1925/26), hatte Hitler diesen Krieg propagiert, nicht nur Churchill nannte das Buch den „neuen Koran des Krieges“. Merkwürdig: Sonst lässt sich der „Spiegel“ kein Hitler-Titelbild entgehen („Hitlers Helfer“); doch diesmal kommt der große Diktator nur im Inneren und dabei eher klein ins Bild.

Wir unterstellen keine Reinwaschungsabsicht. Aber eine Torheit ist es schon, wenn sich der „Spiegel“ 70 Jahre nach dem Überfall auf Polen zum Kronzeugen der Kriegsschuldleugner macht.

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