Kommentar : Quietschlebendig

Der Osten ist kein „demografisches Notstandsgebiet“, sondern längst im Aufbruch. Demografischer Notstand muss also nicht automatisch fehlender Wohlstand heißen.

Thorsten Metzner

Zu Honeckers Zeiten kursierte in der damaligen DDR ein Witz: Die „Arbeiter- und Bauern-Republik“ habe schon vor Jahren am Abgrund gestanden. „Heute sind wir einen großen Schritt weiter.“ Es dauerte noch, bis das erodierte System zusammenbrechen sollte. Ist jetzt vielleicht für den Osten Deutschlands der Moment gekommen?

Angesichts der ständigen Abgesänge auf den Osten liegt dieser Eindruck zumindest nahe. In schöner Regelmäßigkeit wird seit fast zwei Jahrzehnten seine Verelendung prophezeit. Von den Linken, oder auch vom damaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD), der die neuen Länder „auf der Kippe“ sah – ohne dass dies eintrat. Im Gegenteil, es ging bei allen Problemen und gewiss zu langsam aufwärts zwischen Rügen und Erzgebirge.

Trotzdem ist es jetzt, mit leicht veränderter Melodie, wieder einmal so weit: Das Berlin-Institut sieht Ostdeutschland also auf dem Weg zum „demografischen Notstandsgebiet Europas“. Nun ist lange bekannt, dass die neuen Länder von Rückgängen der Bevölkerung extrem heimgesucht werden, weil sich Anfang der 90er in der großen Unsicherheit nach der Zeitenwende kaum jemand traute, seinen Kinderwunsch zu erfüllen. Eine Binsenweisheit ist es auch, dass aus diesem Landstrich, der wie Brandenburg, Vorpommern oder die Altmark schon seit Jahrhunderten ärmlich war, nicht erst seit 1990, sondern im Grunde schon seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges unzählige Menschen ihr Glück woanders suchten. Rund Zwei Millionen wanderten westwärts ab, vor und nach 1989. Ein Aderlass, der in Europa ohne Beispiel ist, der den Osten dynamischen, leistungsbereiten Nachwuchs verlieren lässt – und junge Frauen, künftige Mütter. Ein ewiger Kreislauf? Ohne Ausweg?

Mitnichten! Trotz dieser Dramatik ist es eine Geschichte, die längst nicht mehr von Resignation, sondern von Aufbruch zeugt. Die Ostländer, es blieb ihnen gar nichts anderes übrig, haben zusätzlich zu den wirtschaftlichen und sozialen Brüchen auch die demografischen Herausforderungen anpacken müssen. Man hat etwa in Brandenburg jede zweite Schule geschlossen. Man legt in Sachsen oder Schwerin Landkreise zusammen. Man sucht Lösungen für den Nahverkehr, man lässt rollende Läden und die Gemeindeschwester „über Land“ fahren. Vor allem aber fördert man Wachstumsinseln, die wie die westlichste Stadt des Ostens, Potsdam, wie Dresden, Leipzig, Jena ausstrahlen. Ostdeutschland wäre dabei längst weiter, wenn die Metropole Berlin endlich auch zu einem wirtschaftlich dynamischen Magneten würde wie Prag, Warschau oder Moskau.

„Demografischer Notstand“, also wenige Menschen in weitem Land, heißt nicht automatisch fehlender Wohlstand. Es kann sich auch in dünn besiedelten Naturlandschaften gut leben lassen. In Ostdeutschland läuft in Ländern, Städten und Dörfern dieses Experiment längst, Versuch und Irrtum, Rückschläge inbegriffen. Von der Wissenschaft kam bislang nichts – außer Horrorszenarien.

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