Kommentar : So lässt sich's gut träumen

Die DDR war keine Alternative zum kapitalistischen System. Sie war eine Diktatur in der die Machthabenden sich unter keinen Umständen von ihrer Position verdrängen lassen wollten. Zwischen Ostalgie und Verteufelung verliert sich heute die Aufarbeitung der DDR.

Antje Sirleschtov

Katharina Thalbach sagt, sie sei noch heute – fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer – stolz darauf, am Experiment DDR teilgenommen zu haben. Man kann dem zunächst einmal nur zustimmen. Gerade jetzt, so kurz vor dem 13. August, an dem sich der Bau der Berliner Mauer 1961 jährt, ist es richtig daran zu erinnern, dass die Reduzierung von 40 Jahren DDR auf die Mauer und den Bespitzelungsapparat der Staatssicherheit nicht ausreicht. Weil sie das Land, in dem 17 Millionen Ostdeutsche zum Teil die wichtigsten Jahre ihres Lebens verbracht haben, in Opfer und Täter einteilt. Eine Klassifizierung, die der Realität vor 1989 nicht im geringsten gerecht wird. Und eine Erinnerungspraxis, die der dringenden Korrektur bedarf.

Warum es heute immer noch notwendig ist, eine differenziertere Betrachtung der DDR einzufordern? Katharina Thalbachs Begründung gibt dafür den entscheidenden Hinweis: Dieser Teil ihres Lebens in der DDR, sagt die Schauspielerin, habe ihr gezeigt, dass der Kapitalismus kein Naturgesetz sei. Das allerdings kann man nur als eine späte Verklärung des Sozialismus verstehen, eine Rechtfertigung für das „Experiment“, auf deutschem Boden eine Alternative zum Ausbeutersystem des Kapitalismus zu errichten. Und genau hier hört die Zustimmung auf.

Nein, die DDR war kein lobenswerter Versuch, der Ausbeutung von Arbeitern und Bauern durch Kapitalisten ein Land der Glückseligkeit für alle Menschen entgegenzusetzen. Wer das glaubt, ist Honecker und Co. auf den Leim gegangen. Der unbedingte Machtanspruch der Diktatur hat zur Zerstörung von Menschenleben, zur Ausbeutung von Natur und Gesundheit geführt. Nur, wer das negiert, kann heute zurückblicken und angesichts von Arbeitslosigkeit und Hartz IV wehmütig an die Alternative zum Kapitalismus erinnern.

Dass dieser Blick zurück auf die DDR dominierender wird, je mehr der real existierende Sozialismus verblasst, nützt vor allem jenen, die politischen Nutzen daraus ziehen wollen. So lässt es sich gut träumen vom Sozialismus – diesmal ohne Mauer und Stacheldraht. Eine Antwort auf die Frage, wie diese DDR entstehen und so lange bestehen konnte, rückt derweil weiter weg. Zwischen Nippes-DDR, der Es-war-doch-nicht- alles-schlecht-Mentalität und den Greuel-Gedenkstätten an Stasi- Terror und Mauertote verliert sich die Aufarbeitung der DDR. Und gehen wichtige Fragen verloren, die sich ein Land, in dem zweimal hintereinander Diktaturen bestehen konnten, stellen und darauf Antworten suchen sollte.

Schon heute wissen die Schüler kaum noch etwas über das Leben ihrer Eltern und Großeltern in dieser DDR, wird etwa über die Verantwortung des Einzelnen für den jahrzehntelangen Bestand einer Diktatur weitestgehend geschwiegen. Ein paar überführte Täter, fast 17 Millionen gefühlte Opfer. Kann das wirklich das letzte Wort über die DDR gewesen sein?

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