Kommentar : Wir Maßlosen

Klaus Zumwinkel ist nicht allein: Warum Anstand keine Richtschnur mehr ist

Ursula Weidenfeld

Klaus Zumwinkel hat keine 24 Stunden gebraucht, um vom allseits geachteten Vorzeigemanager zum angeprangerten Steuerhinterzieher zu werden. In den kommenden Wochen werden vermutlich weitere Rücktritte, öffentliche Schuldbekenntnisse und Durchsuchungen fällig werden. Wenn es stimmt, dass noch etwa 1000 ähnliche Fälle bei der Staatsanwaltschaft bekannt sind, wird die nächste spektakuläre Durchsuchung nicht lang auf sich warten lassen.

Die Maßstäbe für gutes Wirtschaften, ehrhaftes Handeln und vorbildhaftes Leben haben sich in den vergangenen Jahren offenbar dramatisch verschoben. Da leitet einer der besten und fähigsten Manager des Landes 18 Jahre lang eins der größten Unternehmen. Eine Firma, an der die Allgemeinheit sogar Eigentumsrechte hat. Der Mann macht aus einer Behörde ein Unternehmen, das Weltgeltung erlangt. Umgekehrt aber macht die Firma auch ihn groß: Sie ermöglicht es ihm, seine Fähigkeiten zu entwickeln, sie schafft das Umfeld, das ihn zu einem der wichtigsten Manager Europas macht.

An welchem Punkt verliert man das Bewusstsein dafür, dass man der Allgemeinheit etwas schuldet für die Chancen, die sie einem gegeben hat – zumindest den regulären Betrag, den der Staat an Steuern und Abgaben verlangt? Ist es der Tag, an dem die letzten Kritiker und Rivalen das Feld geräumt haben in der Firma? Der Zeitpunkt, an dem einem niemand mehr widerspricht? Ist es der Monat, in dem der Bruder die elterliche Firma verkauft und das Ererbte angelegt werden muss? Ist es das Jahr, in dem man zu glauben beginnt, das Engagement des Unternehmens im Sport, für das Bonner Beethoven-Haus oder für wissenschaftliche Einrichtungen sei das eigene gute Werk?

Fast jeder hat das Gefühl, dass er zu viel Steuern bezahlt, es gibt kaum jemanden, der nicht schon einmal daran gedacht hätte, die Versicherung zu beschummeln. Viele Krankenversicherte finden es in Ordnung, zumindest so viel Gesundheitsleistungen zu konsumieren, dass sie den Beitrag rechtfertigen. Und wenn der Arbeitgeber erst nach drei Tagen die Krankschreibung verlangt, dann ist er doch selbst schuld, oder? Auch im Kleinen haben sich die Maßstäbe längst verändert, auch hier gilt Anstand nicht überall als der gesellschaftlich anerkannte Maßstab für das eigene Handeln.

Und doch gibt es einen Unterschied. Von den wirtschaftlichen und politischen Leistungseliten eines Landes erwarten die Mitarbeiter, die Kunden, die Steuerbürger zu Recht, dass sie Vorbilder sind. Dessen aber scheinen sie sich nicht immer bewusst zu sein. Nicht weniger dramatisch als die möglichen Steuersünden des Post-Chefs ist das Versagen der Vorstände und Aufsichtsräte der Industriekreditbank, der KfW-Bankengruppe, bei der SachsenLB und der WestLB. Dass sich bei Siemens und bei Volkswagen die gewählten Arbeitnehmervertreter von den eigenen Vorständen bestechen ließen, zeigt ebenfalls, mit welcher Dynamik sich Maßstäbe ehrbaren Handelns verändern können.

Ein Wort zu der Frage, ob im Fall Zumwinkel Deals vor Gericht erlaubt sein sollten oder nicht (was der SPD-Vorsitzende Kurt Beck verhindern will). Wenn jedem anderen Bürger in solchen Fällen ein Deal angeboten würde, dann muss Klaus Zumwinkel auch einen machen dürfen. Der Rechtsstaat muss seine Maßstäbe verteidigen – auch denen gegenüber, die ihre eigenen verloren haben.

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