Kommentar zu Europa und der Krim-Krise : Merkel nach Moskau!

Kanzlerin Angela Merkel steht für die vorsichtige Reaktion der Europäischen Union auf Wladimir Putin – dass diese Strategie zum Erfolg führt, ist nun ihr Job.

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Angela Merkel bei ihrer Regierungserklärung im Bundestag
Schärfere Sanktionen gegen Russland: Angela Merkel bei ihrer Regierungserklärung im BundestagFoto: dpa

Es mag unpassend sein, in Europas schwerster Sicherheitskrise seit Ende des Kalten Krieges Fußballvergleiche zu bemühen. Dennoch hat in Brüssel der Regierungsvertreter eines Nachbarlandes die berühmte Definition des englischen Kickers Gary Lineker zitiert, wonach Fußball ein Spiel mit 22 Mann und einem Schiedsrichter sei, an dessen Ende die Deutschen gewinnen: „Bei EU-Gipfeln ist es nun auch so.“

Angela Merkel gegen Wladimir Putin

Tatsächlich ist erstaunlich, wie wortgetreu sich die EU Angela Merkels eher abwartende Haltung gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und weiteren Sanktionsschritten zu eigen macht. Das Duell, von dem die Zukunft dieses Kontinents abhängt, heißt nun Merkel gegen Putin.

Dabei hatte es noch kurz vor dem Treffen ganz verschiedene Ansichten dazu gegeben, wie auf die Ereignisse rund um die Krim reagiert werden soll. Diese erste gewaltsam erzwungene Grenzveränderung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg erfordert etwa aus Sicht der Osteuropäer, Briten oder Schweden eine härtere Antwort, ein Stoppschild, auf dem steht: Bis hierher und nicht weiter. Über ein Ende der Waffenlieferungen beispielsweise hätte man da schon einmal nachdenken können.

Das Merkel-typische Klein-Klein

Auch Merkel weiß, dass Europas Sicherheitsarchitektur der Nachkriegszeit innerhalb weniger Tage zerbröselt ist. Auch sie ist bereit, europäische Werte zu verteidigen, doch sie kalkuliert anders: Die Kanzlerin hat sich auf eine lange Auseinandersetzung eingestellt und will nicht gleich zu Beginn das wenige Pulver verschießen, das den Europäern zur Verfügung steht. Deshalb steigt man im Gegensatz zu den USA noch nicht in wirtschaftliche Strafmaßnahmen ein, deshalb wird die Liste der Personen, die mit Einreise- und Kontensperren belegt werden, nur geringfügig erweitert.

Für dieses Merkel-typische Klein-Klein gibt es gute Argumente – allen voran jenes, dass eine weitere Eskalation erst einmal vermieden wird. Und auch wenn den Briten David Cameron oder den Polen Donald Tusk im Stillen immer noch umtreiben mag, dass Putin diese Antwort als Einladung begreifen könnte, auch andernorts vermeintlich bedrohte Russen zu schützen, so sind die Europäer in gewisser Weise doch neu im Bewusstsein zusammengeschweißt, dass nur ein einiges Europa etwas bewirken kann. Irritierend jedoch ist, dass jede strategische Debatte darüber verhindert wurde, wohin uns dieser Konflikt führt oder was die EU aus eigenen Fehlern der Vergangenheit lernen kann, als die geopolitischen Interessen Moskaus sträflich vernachlässigt wurden.

Die Kanzlerin muss für Europa sprechen

Der Erfolg von Merkels Strategie steht und fällt damit, ob Putin sie als Schwäche oder Entgegenkommen auslegt. Ihn von Letzterem zu überzeugen, ist Sache der Diplomatie. Vielen Beteiligten ist klar, dass sich der Konflikt nur beilegen lässt, wenn irgendwann ein hochrangiger Vertreter des Westens nach Moskau reist, um mit Putin zu verhandeln. Und eigentlich kommt dafür nur Merkel infrage – nicht nur weil sie Russisch und er Deutsch spricht, sondern weil sie mehr denn je für Europa spricht.

Die Kanzlerin sollte jetzt über ihren Schatten springen. Um den Frieden in Europa zu sichern, muss Merkel nach Moskau!

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