Kommentar zur Krim-Krise : Deutschland steht eine große Entscheidung bevor

Während die Krim sich über das Ergebnis ihres Referendums freut, steht Deutschland eine große Entscheidungen noch bevor. Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu verhängen, heißt für Deutschland auch Macht auszuspielen.

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Die Krim will zu Russland gehören - eine Entscheidung mit schweren Konsequenzen.
Die Krim will zu Russland gehören - eine Entscheidung mit schweren Konsequenzen.Foto: Reuters

Von Ohnmacht ist viel die Rede. Zu viel. Der Westen beobachtet, wie der größte Staat der Welt noch ein wenig größer wird. „Warum die Aufregung?“, fragen die einen: Hier geht es um eine Halbinsel, die kleiner ist als Brandenburg.

Auf der Krim leben vorwiegend Russen, Moskau nimmt sich also nur, was Moskau gehört. „Empört euch!“, rufen die anderen, darunter jene, die sich noch erinnern, wie der Westen einst mutig eingeschritten ist, als Russland versucht hat, die Kontrolle über ein anderes Fleckchen Erde zu bekommen: Berlin (West).

Es ist also nachvollziehbar, warum Deutsche, Polen und Balten die Krim- Krise so emotional diskutieren. Es ist mitunter sogar unterhaltsam, wie Medien die psychische Gesundheit von Wladimir Putin zu ergründen versuchen. Oder wie es um die Willensstärke von Barack Obama bestellt ist.

Bei dieser Art der Betrachtung der Krim-Krise als Thriller kann man leicht vergessen, dass Deutschland diesmal – anders als bis 1989 – nicht in der zweiten Kinoreihe hockt, als unser Land Schauplatz war, aber kein Protagonist. 2014 steckt Deutschland mittendrin im Film. Das ist eine gute Nachricht. Denn hier geht es nicht um einen neuen Kalten Krieg, einen Kampf der Systeme, um einen Rüstungswettlauf. Sondern es geht um Wirtschaft.

Mehr als Symbolpolitik

Das erscheint nicht so unterhaltsam. Daher übersieht man leicht, dass sich gerade Beispielloses vollzieht: Deutschland dürfte am heutigen Montag erstmals Wirtschaftssanktionen gegen einen anderen großen Industriestaat verhängen. Das ist viel mehr als Symbolpolitik, es ist das Ausspielen von Größe und Macht in bisher nicht gekanntem Ausmaß.

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Während die Welt am vergangenen Freitag nach London blickte, wo sich die Außenminister der USA und Russlands über Stunden berieten, ohne irgendetwas zu erreichen, traf sich Kanzlerin Angela Merkel in München mit den Chefs der wichtigsten Wirtschaftsverbände. Im Anschluss erklärten die, ja, bei einem Konflikt mit Russland stünde im Extremfall ein bilaterales Handelsvolumen von 76 Milliarden Euro im Jahr auf dem Spiel. Und ja, 400 000 Arbeitsplätze in Deutschland hingen am Geschäft mit Russland. „Aber Völkerrecht geht über alles“, sagte Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer stellte klar, dass die Unternehmer hinter der Bundesregierung stehen, wenn es um Sanktionen geht. „Da hilft Kraftmeierei der Wirtschaft nicht.“

Deutschland erwartet Opfer auch von seinen Bürgern

Das sind neue Töne. Sie bedeuten, dass Regierung und Wirtschaft der nach den USA, China und Japan viertgrößten Volkswirtschaft der Welt gemeinsam Opfer in Kauf nehmen. Gut möglich, dass sich irgendwann nicht mehr so viele Bundesbürger für Sanktionen aussprechen, wenn tatsächlich erste Jobs verloren gehen und wenn die Preise für Strom und Heizwärmepreise steigen, weil Gas aus teureren Quellen beschafft werden muss. Die Stimmung könnte kippen, wenn der Bundesfinanzminister Steuern erhöht, weil ihm womöglich ein paar Milliarden aus dem Russlandgeschäft fehlen.

Sanktionen treffen Russland und Putin stärker als Deutschland

Aber das ist morgen. Heute nimmt Deutschland Opfer in Kauf. Keine Angst haben: Das ist stark. Russland hat, sollten die Wirtschaftsbeziehungen wirklich eingefroren werden, viel mehr zu verlieren. Der Wert des Rubels fällt schon, er wird weiter fallen, je weiter Moskau isoliert wird. Das macht den einfachen Russen wie den Oligarchen gleichermaßen das Leben schwer.

Und das wiederum ist für Putin viel gefährlicher als jeder Beschluss bei den UN oder der Nato.

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