Kommentar zur Stadtentwicklung : Jetzt ist die Chance da

Investoren, Experten und Anwohner streiten sich über alte und neue Bauprojekte in Berlin. Der Architekt Matthias Sauerbruch spricht lieber über die Chancen, statt nur über die Probleme des Wandels.

Matthias Sauerbruch
Matthias Sauerbruch: „An vielen Stellen ist nur liebloses Klischee entstanden. Berlin hat Besseres verdient.“
Matthias Sauerbruch: „An vielen Stellen ist nur liebloses Klischee entstanden. Berlin hat Besseres verdient.“Foto: picture-alliance/dpa

Die im Tagesspiegel begonnene Diskussion um die Zukunft der Stadt Berlin ist sehr zu begrüßen, ist sie doch ein Zeichen, dass sich die Stadt allmählich aus der Stimmann-Starre zu lösen beginnt. In den 15 Jahren des Nachwende-Senatsbaudirektors wurde immer wieder die Bedeutung der „Stadt“ vor dem Einzelprojekt betont. Wichtig sei nur der öffentliche Raum, Bauten sind dazu da, diesen zu begrenzen. Ähnlich verhielt es sich bei dem deklamatorischen Umgangsstil dieses Stadtdiktierers. Wichtig waren die simpel definierten Gesamtziele und jede Methoden gut genug, sie durchzusetzen. Im Gegensatz zur gegenwärtigen Praxis gab es unter seiner Ägide keine offene Diskussion unter Investoren, Architekten und anderen Beteiligten mit einem breiten Meinungsbild. Bei Stimmann war man dabei oder eben nicht.

Und so sind nun auch die Ergebnisse: Das Lehrter Stadtquartier zum Beispiel eigentlich ist ein Erfolg im Stimannschen Sinne: Es gibt eine vordefinierte Struktur öffentlicher Räume, die nur noch mit Architektur aufzufüllen ist. Dass diese Struktur möglicherweise an jedem Bedarf vorbeigedacht wurde und dass die Architektur, die da nun gebaut wird, bestenfalls als mittelmäßig zu bezeichnen ist, ist eine Nebenwirkung seiner Methode. Darüberhinaus wird in der ganzen Stadt (am Nordbahnhof, im KPM Viertel, am BND etc.) mehr als sichtbar, dass die Architektur die Stadt macht so wie der Ton die Musik. Das immer wieder hergebetete Schema, dass man nur den „richtigen“ Strategien folgen müsse, um eine lebendige, dem 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert ähnliche Stadt entstehen zu lassen, hat sich nicht eingestellt. Statt Sozialutopie ist an vielen Stellen touristisches Pastiche entstanden, an anderen einfach nur liebloses Klischee. Berlin hat Besseres verdient.

Während jetzt einige ein „Konzept für Berlin“ einfordern, atme ich erst einmal auf, dass es vielleicht einen Moment gibt, zeitgenössische Stadtsituationen jenseits von allzu buchstäblichen „Master-Plänen“ denken zu können und tatsächlich entstehen zu lassen und zwar nicht per Dekret, sondern aus einer offenen Diskussion heraus. Die Stadt ist voller intelligenter und kreativer Kräfte, die es zu nutzen gilt; nicht Kontrolle wird benötigt, sondern die Ermutigung von Unabhängigkeit, Initiative, Professionalität und Exzellenz.

Natürlich würde man sich wünschen, dass Berlin einen Regierenden Bürgermeister hätte, der/die sich um ein tragfähiges Leitbild für die Zukunft der Stadt kümmert, so wie Ken Livingston seinen London Plan oder Mayor Bloomberg den PLANYC 2030 entwickeln ließen. Die Senatorin und die Senatsbaudirektorin haben jedenfalls mit ihren Prä-IBA Werkstätten eine erste Initiative ergriffen, die man durchaus mit den Stadtforum-Treffen der frühen 90er Jahre vergleichen kann. Selbst wenn es schwer fällt, nach Jahren der Resignation dieses Gefühl unbegrenzter Möglichkeiten wieder aufleben zu lassen, das die Diskussion damals beflügelte, ist die Chance jetzt gegeben – man muss sie nur annehmen wollen. Es mag auch mühsamer sein, sich in die Komplexität tatsächlicher Projekte in Zeiten der Armut öffentlicher Kassen hineinzudenken und vielleicht auch weniger „sexy“, aber dafür potenziell nachhaltiger, interessanter, und letztlich wird solche Sorgfalt zu Ergebnissen führen, denen auch international wieder Aufmerksamkeit geschenkt werden könnte.

Die Kollegen, die sich im augenblicklichen Architekturgeschehen in der Stadt nicht ausreichend berücksichtigt fühlen, sollten bedenken, dass sich die Situation in Berlin in den letzten Jahren ungleich verbessert hat. Was sie als Einschränkung ihrer Freiheit wahrnehmen, ist in Wirklichkeit ein Freiraum, der in den vergangenen 20 Jahren mühsam erarbeitet werden musste. Ein Anfang ist gemacht; es wäre jetzt die Aufgabe aller „stakeholder“, insbesondere auch der Architekten, sich konstruktiv in die Diskussion um diese Stadt einzulassen, die Mechanismen demokratischer Planung zu nutzen und sich mit ihrer Intelligenz und ihrem Talent für ihre Stadt zu engagieren.

Matthias Sauerbruch führt mit seiner Partnerin Louisa Hutton seit 1993 ein Architekturbüro in Berlin, das heute mit rund 90 Mitarbeitern in ganz Europa tätig ist. Er ist seit 25 Jahren Hochschullehrer.

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