Kommentar zur Wahl in Berlin : Wowereit: Weiter, aber nicht so

19.09.2011 08:04 UhrVon Lorenz Maroldt
  • Auf Nummer sicher: Eine Koalition mit den Piraten würde für eine stabile linke Mehrheit in Berlin sorgen. - Foto: dpa/Davids
  • Im Wahllokal in der Gudvanger Straße wurden angesichts des großen Wählerandrangs mehr Wahlkabinen eingerichtet. Dadurch geriet nicht nur der Betrieb, sondern auch die Einrichtung... - Foto: Regina Tretbar
  • Wer nicht weiß, wie es geht: Hier wird dem Wähler geholfen. Wer noch unsicher ist, kann sich vor der Entscheidung beim Kickern locker machen. - Foto: dpa

Rot-Rot ist Geschichte. Die CDU hat sich regeneriert, die Piraten entern das Abgeordnetenhaus. Wowereit stagniert und kann weitermachen. Doch die Aura des dreifachen Wahlsiegers ist auf Bundesebene kaum präsentabel.

Nach zehn Jahren endet in Berlin eine Ära: Rot-Rot ist Geschichte, eine dritte Auflage der Koalition von Sozialdemokraten und Sozialisten wird es nicht geben. Die Linke, von der SPD so lange umarmt, bis ihr die Luft wegblieb, sinkt langsam dahin, sie ist nicht mehr zu halten, sie ist raus aus der Regierung, die Wähler in ihrer Mehrzahl wollen das so nicht mehr.

Klaus Wowereit aber wird bleiben. „Berlin verstehen“, das war sein Slogan, und damit kam er noch ausreichend gut genug an. „Damit sich was ändert“, die Kampagne der CDU, garniert mit 100 Lösungen für 100 Probleme, zielte dagegen mit zu großen Kanonen über die Wähler hinweg.

Es gibt keine Wechselstimmung in dieser Stadt, das hat selbst die Opposition kurz vor der Wahl anerkannt. Aber damit sich ein bisschen was ändert, haben die Wähler eben ein bisschen anders gewählt – und auch der CDU mehr Stimmen gegeben als in den Jahren zuvor.

Wowereit kann also weitermachen, die SPD bleibt klar die stärkste Partei, die Grünen wurden – gemessen an deren Erwartungen – gestutzt, die CDU ist noch auf Abstand. Doch kann er sich richtig freuen? Je länger der Wahlkampf dauerte, desto klarer wurde, dass Wowereit eigentlich am liebsten so weitermachen würde bis ans Ende seiner Tage als Bürgermeister, bequem regieren mit einer willigen Linken. Den Grünen traut er nicht so recht über den Weg, außerdem gehen sie ihm auf die Nerven, schon jetzt, mit ihren vorgezogenen Koalitionsbedingungen, als ob sie ihm die Richtung diktieren könnten. Das Leben ist doch kein ständiger Koalitionsausschuss, nicht für einen Klaus Wowereit!

Mit den Grünen könnte es genau so kommen, und das bei einem gefährlich knappen Vorsprung vor der Opposition. Zwar streben starke Kräfte bei Sozialdemokraten und Grünen aufeinander zu und bauen schon an Brücken über die umstrittene Autobahn A 100 hinweg; die mögen halten – aber trägt eine so dünne Mehrheit einen Senat?

Und wie käme es mit der CDU? Wowereit schätzt deren Spitzenkandidaten Frank Henkel; aber gleich hinter dem lauert für ihn das Grauen: politische Figuren von gestern, aus bankskandalösen Zeiten, die zehn Jahre im Schatten auf ihre nächste Chance lauerten und nichts vergessen haben. Nicht nur Wowereit kann nachtragend sein. Mit der CDU wäre das Regieren ebenso anstrengend für ihn – aber etwas sicherer.

Mit beiden Parteien wird Wowereit reden, und eine muss er an den Senatstisch bitten. Die Pose des erfolgreichen Titelverteidigers mag er zwar weiter spielen, und in ein paar Wochen wird die Wahl leidlich vergessen sein. Doch ein wirklich gutes Ergebnis, das weiß auch Wowereit, sieht anders aus. Die CDU hat sich regeneriert. Die Piraten entern das Parlament und zeigen so auch der SPD deren Anspracheschwäche in einem für Berlin typischen Milieu auf, das Wowereit dann offenbar doch nicht so gut versteht.

Und die Sozialdemokraten selbst kommen nicht vom Fleck. Gerade mal jeder sechste erwachsene Berliner mit deutschem Pass stimmte für die SPD – das ist die für Wowereit ernüchternde Zahl, die hinter der miserablen Wahlbeteiligung und dem eigenen mäßigen Ergebnis steckt. Das hat Folgen über Berlin hinaus: Wowereit kann zwar wieder Regierender Bürgermeister werden, aber Kanzlerkandidatenkandidat eher nicht, weder aus eigenem Antrieb noch als Gebetener. Die Aura des dreifachen Wahlsiegers, die keiner der anderen Spitzensozialdemokraten aufweisen kann, ist mit diesem Ergebnis auf Bundesebene kaum präsentabel.

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