Kommentar zur Zuwanderung : Auch wenn Fachkräfte kommen, löst das Ängste aus

Fachkräfte sollen den Wohlstand sichern. Doch eine der Lehren der Schweizer Abstimmung „gegen Masseneinwanderung“ ist: Fremdenfeindlichkeit hat nicht nur etwas mit dem Einkommen zu tun. Auch Hochqualifizierte können eine Bedrohung sein.

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Die Schweizer haben sich in einer Volksabstimmung überraschend dafür ausgesprochen, die Zuwanderung aus der EU zu begrenzen.
Die Schweizer haben sich in einer Volksabstimmung überraschend dafür ausgesprochen, die Zuwanderung aus der EU zu begrenzen.Foto: dpa

Als die Schweizer 2009 über das Minarettverbot abstimmten, wurde bereits das Plakat des Initiativkomitees als rassistisch kritisiert. Zu sehen war die düster wirkende Zeichnung einer Frau mit Gesichtsschleier vor einem auf dem Boden liegenden Schweizerkreuz. Aus dem Kreuz schossen schwarze Minarette hervor, die man mit wenig Fantasie als bedrohliche Raketenwaffen interpretieren konnte.

Bei der Abstimmung über die Vorlage „gegen Masseneinwanderung“ vor eineinhalb Wochen wählten die Initiatoren nun eine ganz andere Bildsprache. Präsentiert wurde ein voller Apfelbaum. Er war im Jahr 2000 als Symbol für wachsenden Wohlstand von Schweizer Wirtschaftsverbänden eingeführt worden, die damit für eine weitere Annäherung an die EU warben. Die Gegner der Personenfreizügigkeit stellten den Wohlstandsbaum allerdings so dar, dass seine Wurzeln Schweizer Grund und Boden zerstören: Wir können an unserem Erfolg zugrunde gehen, sollte das wohl heißen.

Das Ergebnis der Schweizer Abstimmung kann man vor diesem Hintergrund nicht einfach mit den bisher bekannten Gründen für Fremdenfeindlichkeit erklären. Wahrscheinlich wurde es deshalb in Deutschland so stark diskutiert. Auch hierzulande wird die Angst vor Einwanderern bisher mit zwei Thesen in Verbindung gebracht: dass Zuwanderer vor allem dann abgelehnt werden, wenn sie nicht aus eigener Kraft für ihr Auskommen sorgen („Wer betrügt, der fliegt“). Und dass die Angst vor Zuwanderung umso eher zunimmt, je stärker die jeweils andere Kultur als fremdartig wahrgenommen wird („Es darf keine Parallelgesellschaften geben“). Außerdem lautet eine beliebte Floskel: „Bildung ist der Schlüssel zur Integration“. In der Schweiz aber wurden nun gerade Vorbehalte gegen die Zuwanderung von Menschen sichtbar, die besonders gut qualifiziert sind. Es ging den Eidgenossen ja nicht nur darum, die Einwanderung von Armutsflüchtlingen aus Afrika zu beschränken. Es sollten gerade auch deutschen Ärzten oder italienischen Architekten Grenzen aufgezeigt werden.

Nun ließe sich einwenden, dass speziell die Deutschenfeindlichkeit in der Schweiz nicht neu ist. Viele Schweizer bemängeln nicht erst seit kurzem den Hang der Deutschen zu Ruppigkeit und Unfreundlichkeit. Tatsächlich könnte es auch sein, dass gerade eine vermeintliche kulturelle Nähe den Wunsch nach Abgrenzung verstärkt. Der vermehrte Gebrauch von Schwyzerdütsch zum Beispiel hat wohl auch damit zu tun, dass die Schweiz auf anderen Feldern – von der Neutralität bis zum Bankgeheimnis – ihr Alleinstellungsmerkmal verloren hat.

Doch allein mit historischen Ressentiments lässt sich das Abstimmungsresultat nicht erklären. Ein Indiz hierfür ist die Äußerung des damaligen Präsidenten der Studentenvereinigung an der Universität Zürich im Jahr 2007. Er hatte sich darüber beklagt, dass deutsche Professoren für Schweizer Studenten wenig zugänglich seien, dass sie ihre eigenen Mitarbeiter mitbringen würden und damit Karrierechancen für den heimischen Nachwuchs verbauten. Nach Umfragen hegen jüngere Schweizer stärkere Vorbehalte gegen deutsche Zuwanderer als ältere – sie nehmen sie als Konkurrenz wahr.

Das Wirtschaftswachstum der Schweiz beruhte stark auf Zuwanderung

Auf Deutschland übertragen macht sich die Politik also möglicherweise etwas vor, wenn sie in dem Glauben handelt, dass der viel beklagte Fachkräftemangel zu einer größeren Akzeptanz von Zuwanderung führt. Es kann auch das Gegenteil richtig sein: Dass nicht so sehr gering qualifizierte Rumänen als Bedrohung wahrgenommen werden, sondern gut ausgebildete Ingenieure oder Informatiker aus Spanien und Italien. Im Zweifel sind diese nämlich – ähnlich wie die Deutschen in der Schweiz – bereit, für einige tausend Euro im Jahr weniger hier zu arbeiten. Armutsflüchtlinge, die hier Hartz IV beziehen, belasten zwar die Staatskasse – sie sorgen aber nicht dafür, dass sich heimische Facharbeiter oder Hochschulabsolventen vielleicht um die Früchte ihrer Ausbildung gebracht sehen.

Auch das Argument, dass nur durch Zuwanderung der Wohlstand erhalten werden kann, hat die Schweizer nicht von ihrem Votum abgehalten. Dabei beruhte ihr starkes Wirtschaftswachstum tatsächlich wesentlich darauf, dass jedes Jahr 80 000 neue Konsumenten ins Land kamen.

„Europäer extremer als Schweizer“, überschrieb die Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ am Montag einen Artikel: Laut eigener „Exklusiv-Umfrage“ würden 61,8 Prozent der Deutschen der Schweizer Vorlage zustimmen, mutmaßte die Zeitung.

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