Mit der Ablehnung einer Parkraumzone in Charlottenburg-Wilmersdorf feiern Bürgerbegehren in Berlin einen ersten Erfolg. Wenn man auch über die Sache streiten kann: Direkte Demokratie ist unterm Strich ein großer Gewinn für die Stadt.
Es stimmt nicht, dass die Menschen politikverdrossen sind. Im Gegenteil. Die Bürger ärgern sich, wenn die Politik an ihrem Alltag vorbeiläuft. Wenn sie das dumme Gefühl beschleicht: Wir können eh nichts machen! Dann wird auch die Wahl zur Qual und Demokratie zur lästigen Nebensache. Die Leute wollen lieber selbst anpacken, Einfluss nehmen, ohne in eine Partei eintreten zu müssen. So ist es kein Zufall, dass Volks- und Bürgerbegehren als legale Instrumente direkter Demokratie sich in Berlin binnen weniger Jahre zu einem Erfolgsmodell entwickelt haben.
Nun der erste spektakuläre Erfolg: In Charlottenburg-Wilmersdorf, Kernbestandteil des Berliner Westens, rot-grün dominiert, siegen in einer Bürgerbefragung die Gegner einer neuen Parkraumzone. Wirtschaft und Kirche, Liberale und Christdemokraten haben sich zusammengetan, um einen klassischen kommunalen Konflikt, den Streit um die Parkgebühr, mit neuen Mitteln auszufechten. Vor allem die Grünen schmerzt es, dass ihre Erfindung, das gesetzlich verankerte Plebiszit, sich in diesem Fall erfolgreich gegen eine grüne, umweltschützende Verkehrspolitik wendet. Darf das denn sein?
Es soll sogar sein. Des Bürgers Wille ist heilig, selbst wenn er – vermeintlich oder tatsächlich – unvernünftig ist. Wenn die Menschen bereit sind, außerhalb der Parlamente und Rathäuser ihr Lebensumfeld mitzugestalten, dann dürfen sie dabei auch Fehler machen. Die bisherigen Erfahrungen in Berlin (mit Volksbegehren im Land) und Bürgerbegehren (in den Bezirken) zeigen aber, dass die direkte Demokratie unter dem Strich ein großer Gewinn ist. Ein Ansporn für die Politiker, ihre Vorhaben ordentlich zu erklären und die Bürger dafür zu mobilisieren. Und ein Erfolgserlebnis für die Wähler, eben nicht nur alle paar Jahre wählen gehen, sondern zwischendurch ein bisschen Demokratie zu wagen. Und sei es nur, sich um das Schwimmbad um die Ecke, den Umbau eines Platzes oder die Erhaltung einer Schule im Kiez zu kümmern. Das ist mindestens so politisch wie eine Rede im Bundestag.
Grafik: Tsp
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(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 25.09.2007)
Kommentare [ 4 ] Kommentar hinzufügen »
es geht schließlich um geld. Ich meine umumweltschutz, verkehrssicherheit.
Es ist erstaunlich, wie sehr die bürgerlichen Kreise von den Linken in Sachen Mobilisierung, Vernetzung, Kampagnenfähigkeit gelernt und aufgeschlossen haben. CDU und FDP besetzen so systemtisch die für die Menschen wirklich wichtigen Politikfelder. Die Profilierung von Rot-Rot in Sachen Kultur und Hauptstadtarchitektur läuft dagegen zunehmend ins Leere. Herr Wowereit sollte sich vielleicht weniger um das Stadtschloss oder die Staatsoper, sondern mehr um die Stadtpolitik kümmern.
Als ein "Fan" der direkten Demokratie von Kindesbeinen an, sehe ich, daß "die Begabungen" der Menschen sich letztlich ihren Platz "erobern" - hier wie dort.
Doch leider werden sie, die Begabungen, in toto ebend nicht zum Erhalt des Lebens eingesetzt.
Sollte es doch eher einer frühen Erkenntnis von mir entsprechen, daß der Mensch auf der Welt ist, um sich möglichst schnell wieder aus dem Wege zu räumen. Wobei "man" ja auch lebend "weggeräumt" sein kann, gelle?
Lieber kurz und heftig als lang und...
Dabei haben wir doch "nur" dieses eine Leben zum leben.
gruß
klaus w.
Dat KlaKoWa
Und auch dem aktuellen Tempelhof-Volksbegehren attestiert Rot-rot schon jetzt, dass sie sich nicht daran halten werden.
Die gesamte Volksgesetzgebung ist ein Mogelpackung, eine Demokratie-Sabotage erster Güte. Dafür hat die Allparteienkoalition im Abgeordnetenhaus letztes Jahr gesorgt.
Drei Bürgerentscheid-Schwalben machen noch keinen Demokratie-Sommer.