Es geht nicht nur um Versorgungssicherheit: Das Wüsten-Solarprojekt Desertec könnte Orient und Okzident neu verknüpfen
Ist es ein Masterplan, eine Vision, eine Fiktion oder Utopie? Große Worte begleiten die Debatte über den Wüstenstrom. Andere bevorzugen die Begriffe Fantasie oder gar Irrsinn in dem Zusammenhang. Nüchtern betrachtet ist zunächst einmal die Idee: Solarthermische Kraftwerke in der Sahara könnten Europa teilweise mit Strom versorgen und unsere Industriegesellschaft aus ihrer Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen befreien. Am heutigen Montag wollen sich erstmals Vertreter von zwölf Unternehmen in München an einen Tisch setzen, um darüber zu beraten.
Faszinierend an dem Wüstenstrom ist zum einen die Technik – auch wenn das Prinzip, Sonnenlicht mit gebogenen Spiegeln zu bündeln, uralt ist. Fast interessanter ist der Diskurs darüber und seine Genese. Da braut sich was zusammen, etwas Demokratisches, über Grenzen hinweg Verbindendes – das aber noch klein und zerbrechlich ist.
Seit etwa sechs Jahren wird die Idee auf Basis einer Initiative von deutschen Klimaforschern und dem Club of Rome intensiver in Fachkreisen diskutiert. Sie haben das sogenannte Desertec-Konzept entwickelt. Seit es vor etwa vier Wochen bekannt wurde, dass es zum ersten Wüstenstrom-Gipfel kommt, mischen sich auch Nicht- Akademiker ein. In Internetforen und Leserbriefen an ihre Zeitung diskutieren, ja streiten sie leidenschaftlich über Gleich- und Wechselstrom, Leitungsverluste und Einspeisevergütungen. Sie vergleichen Wirkungsgrade solarthermischer Kraftwerke mit denen von Photovoltaikanlagen. Wer kannte bisher überhaupt den Unterschied?
Dass auch technische Laien in die Debatte einsteigen, zeigt, worum es geht: Rohstoffknappheit, und davon ausgehend um Friedenspolitik, neuen Kolonialismus, Terrorgefahr. Es geht um Versorgungssicherheit, um die Großindustrie gegen den Mittelstand. Wüstenstrom kann zum Mega-Thema werden, weil er die Gesellschaft durchdringt. Umwelt, Technik, Politik, Wirtschaft, auch die Kultur: Können Morgenland und Abendland nach Jahrhunderten blutiger Konflikte alte Verbindungen neu knüpfen? Womöglich ist das „Super- Grid“ – jenes Leitungsnetz, das man über Europa, Nordafrika und den Mittleren Osten spannen müsste, um den Wüstenstrom mit Windkraft aus der Nordsee zu kombinieren – sogar eine Antwort auf Goethes west-östlichen Divan: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“
Zu wirr, zu weit gedacht? Vielleicht. Aber Spinnereien sind bei diesem Thema möglich, sogar nötig. Anders lässt sich keine Idee verfolgen, von der selbst jene Forscher, die den Plan erstellten, sagen, dass es bis zum Jahr 2050 dauern könnte, bis er Wirklichkeit wird. Desertec wäre (anders als die Mondlandung) ein Mehr-Generationen-Projekt. Nur Konzerne, die tatsächlich davon überzeugt sind, dass sie mit der Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien im großen Stil Geld verdienen können, werden so ein Projekt langfristig stemmen wollen und können. Und diese Firmen sind darauf angewiesen, dass es weiterhin neugierige Kleinkünstler, Krankenschwestern und Lehrer gibt, die sich nach Feierabend einmischen, die Fehler aufzeigen, quer denken oder einfach nur laut von einer kohlendioxidfreien Welt träumen.
Was nach diesem Wüstengipfel von München deshalb niemand braucht, sind Kleingeister, die motzen, weil nicht sofort klar ist, ob das Projekt jetzt 400 oder 500 Milliarden Euro kosten würde, und wer es bezahlen soll. Nicht nur dieses Stromnetz, sondern vor allem die Debatte darüber könnte Kontinente verbinden und ist daher zu wichtig, um sie im Keim zu ersticken.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 13.07.2009)
Kommentare [ 9 ] Kommentar hinzufügen »
Dass RWE daran mitwirken will kann man bestenfalls mit dem erhöhten Verlust-Abschreibungsbedarf des Konzern erklären, sonst wären die RWE-Manager schlicht inkompetent.
Das Sahara-Solarprojekt ist hingegen aussichtsreicher, sowohl für die nordasfrikanischen Länder als auch für die europäische Industrie. Der Gastbeitrag von Stephan Kohler im TSP v. 09.07.2009 war sehr aufschlusssreich. Er beschreibt die Möglichkeit, den erzeugten Strom nicht nur in Nordafrika zu erzeugen sondern dort einen Energiemarkt zu entwickeln und den Strom auch dort zu verbrauchen. Erst wenn Überschüsse entstünden, wäre an einen Energieexport in Richtung Europa zu denken. Gerade dieser Gedanke hat viel für sich. So würde Solarenergie in Nordafrika wirtschaftliche Entwicklung anstoßen. Ob diese Ideee umgesetzt werden kann, ist aber sehr von der politischen Stabilität der betreffenden Staaten abhängig, die ja alle mehr oder weniger mit islamistischem Untergrund "geschlagen" sind. Aus dieser Sicht sind eben doch viele Fragezeichen zu setzen.
Frage:Wird die Sahara kälter wenn mit der Solartechnik Ernergie abgezweigt wird und welche Folgen hat das?
Auch ist die Überschrift gut gewählt, aber welcher Akademiker (ausser den darunter vertretenen Physikern ) hat auch nur im geringsten eine Ahnung über die Leistungsverluste beim betreiben eines Wechselspannungs Leitungsnetzes gegenüber einem, das mit Gleichspannung betrieben wird.-
Da die Technik für ein Gleichspannungs Leitungsnetz jetzt erst in die Forschung geht, steht für mich dieses Projekt auf sehr wackeligen Beinen!
Grösser, weiter, schneller, höher,- Spinnerter!
Ist eine entsprechende Technik ausgereift, ein wunderbares Projekt!
Aber unter heutigen vorraussetzungen ist die Überschrift für mich eine andere: Abschreibungsprojekt !!!
Außerdem: Bis jetzt haben fast alle anderen regenerativen Energien das Problem, dass die Energie nicht gespeichert werden kann; es ist eben viel billiger (Sonnen-) Wärme in großen "Thermo"- tanks zu speichern als Strom von z.B. Windrädern in Li- Ionen Akkus!
Diese politische "Elite" ist zudem eng verwoben (Filz)mit namhaften Unternehmen und gehoeren einer Lobby an.
Es ist anzunehmen, dass, wie bei den meisten Leuten (nicht nur Banker) vorallem oder nur in die eigene Kasse gewirtschaftet wird. Zudem ist anzunehmen, dass der Staat (wiederum) das Geld der Steuerzahler fuer Garantien in Hoehe von hunderten von Milliarden, zur Verfuegung stellt.
Die zentralregierten Buerger sollten das Recht haben, ueber Grundsatzfragen und grosse Projekte befragt zu werden. Ist das kein Menschenrecht? DAS waere dann ein wenig Demokratie. Die Verfilzung zwischen Politik, Umweltlobby, Industrie, wuerde reduziert und das Risiko von Misswirtschaft reduziert.Den Buergern traue ich einen vernuenftigeren Umgang mit Ihrem Steuergeld zu als den Lobbyisten und Politikern.
Aber eben, die Politische Elite hat Angst vor den Buergern, koennten Sie mitbestimmen, deshalb wird es niemals eine Aenderung diesbezueglich geben und die Buerger zum konsumieren und zuschauen verdammt.
Kun Theo, Thailand
Das Projekt steht für mich dafür, Geld und Macht in den Händen Weniger zu konzentrieren. Wer Kritik übt, wird sofort als "Kleingeist" abqualifiziert. Die Berichterstattung hierzu in verschiedenen Pressebeiträgen kommt mir manchmal beinahe schon wie gleichgeschaltet vor. Ich denke mir meinen Teil dazu.
Stehen denn Aufwand und Ertrag bei "Desertec" in einem vertretbaren Verhältnis? Und wer kommt dafür auf, wenn alles viel, viel teurer wird als geplant? Und wo wird dann gespart?
Die Menschen dies- und jenseits des Mittelmeers jedenfalls benötigen meines Erachtens nicht solche großen Einheiten, sondern mehr dezentrale Anlagen zur Energieerzeugung. Nach meiner Auffassung entspricht dies auch sehr viel eher den Siedlungsstrukturen in Afrika. Dafür sind Solar- und Windenergie allemal geeignet, und kleinere solarthermische Anlagen lassen sich ebenso gut in Spanien oder in vielen Gegenden Afrikas errichten. Wird außerdem noch Energie eingespart (was bereits mit heutigen Technologien allemal möglich ist), erübrigen sich auch gleich solche Mega-Projekte wie "Desertec".
Die Erfahrung hat immer wieder gezeigt, dass Großprojekte für die Mehrheit der Menschen mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen - insbesondere in "ärmeren" Ländern. Erinnert sei an diverse Staudammprojekte, die zunächst als bahnbrechende Innovationen angepriesen wurden und für viele Menschen nur den Verlust ihrer Heimat und noch mehr Armut bedeuten. Jetzt versuchen "wir", die Welt mit "Desertec" zu beglücken. Und diesmal soll nun wirklich alles gut werden?