Warum ich für das Amt des Präsidenten des Zentralrates der Juden kandidiere. Henryk M. Broder erläutert seine Gründe in diesem Beitrag für den Tagesspiegel.
Ich habe nach reiflicher Überlegung beschlossen, mich um das Amt des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland zu bewerben. Das Procedere ist nicht ganz einfach, man muss der Repräsentantenversammlung einer jüdischen Gemeinde angehören und von dieser nominiert werden. Nachdem mir aber zwei kleine Gemeinden ihre Unterstützung zugesagt haben, sind das keine unüberwindlichen Hindernisse. In zwei Jahren werde ich 65, ich habe immer das getan, was ich tun wollte. Jetzt ist die Zeit gekommen, das zu tun, was ich tun sollte.
Die offizielle Vertretung der Juden in Deutschland befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Die Präsidentin – intern „Tante Charly“ genannt – scheint von dem Job überfordert. Wer die Pressemitteilungen liest, die von ihrem Büro herausgegeben werden, erfährt, dass ein Besuch bei der Frau des Bundespräsidenten zu den wichtigsten Erfahrungen ihres Lebens gehört. Ihre Stellvertreter belauern sich gegenseitig und warten darauf, wer als Erster aus der Deckung geht.
Was der Zentralrat tut oder unterlässt, das entscheidet dessen Generalsekretär, der die schwindende Bedeutung der Organisation durch taktische Allianzen und sinnfreien Aktionismus auszugleichen versucht. Zuletzt hat er den ehemaligen Berliner Finanzsenator, Thilo Sarrazin, wegen dessen kritischen Äußerungen über integrationsunwillige Migranten in eine Reihe mit Hitler und Goebbels gestellt und sich bald darauf für diese Entgleisung auf eine Weise entschuldigt, die vor allem eines demonstrierte: dass er keine Ahnung hat, wovon er redet.
Der Zentralrat vertritt eine kleine Minderheit, etwa 100 000 Juden, von denen die meisten nach 1989 aus der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik gekommen sind, sein Wort hat aber Gewicht. Besser gesagt: Es hatte Gewicht. Inzwischen werden dessen Stellungnahmen kaum noch wahrgenommen, weil er sich inflationär zu allem und jedem äußert. Den Rücktritt eines Ministerpräsidenten zu fordern, weil dieser sich in der Wortwahl vergriffen und von einer „Pogromstimmung gegen Manager“ gesprochen hat, ist nicht nur unangemessen sondern auch dumm. Man soll keine Forderungen erheben, zu deren Durchsetzung man nicht in der Lage ist. Es sei denn, man will sich vorsätzlich blamieren.
Der Zentralrat versteht sich als eine Art Frühwarnsystem gegen politischen Extremismus und andere aufziehende Gefahren. Das war die Rolle, die den kapitolinischen Gänsen im alten Rom zukam. Dennoch haben sie den Untergang Roms nicht verhindern können.
Es kann nicht die Aufgabe des Zentralrates sein, sich als das gute Gewissen Deutschlands aufzuführen. Es bringt auch nichts, „Wehret den Anfängen!“ zu schreien, wenn eine Handvoll Neonazis durch Möllenhagen in Mecklenburg-Vorpommern marschiert, und das Verbot der NPD zu fordern, was die Partei, die im Begriff ist, sich selbst zu zerlegen, nur in ihrer Scheinbedeutung bestätigt. Ebenso ist es nicht die Aufgabe des Zentralrates, den übrigen 79,9 Millionen Deutschen vorzuschreiben, wie sie mit ihrer Geschichte umgehen sollten. Liebesbeweise, die erzwungen werden, sind keine.
Der Zentralrat tritt als Reue-Entgegennahme-Instanz auf und stellt Unbedenklichkeitserklärungen aus, wobei es weder nach oben noch nach unten eine Schamgrenze gibt. Der Zentralrat hat seine Beziehungen zum Vatikan und zur deutschen Bischofskonferenz im Zuge der „Williamson-Affäre“ zeitweise abgebrochen; wenn ein Theater in der Provinz Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ aufführen will, eilt der Generalsekretär persönlich hin, um den Theaterleuten zu sagen, was sie machen beziehungsweise nicht machen sollen. Wenn das keine Beschäftigungstherapie ist, dann ist es nur lächerlich.
Als Präsident des Zentralrates werde ich für ein Ende des kleinkarierten Größenwahns sorgen, der sich immer mehr zumutet, als er zu leisten in der Lage ist. Ich werde mich dafür einsetzen, dass Holocaustleugnung als Straftatbestand aufgehoben wird. Das Gesetz war gut gemeint, hat sich aber als kontraproduktiv erwiesen, indem es Idioten dazu verhilft, sich als Märtyrer im Kampf um die historische Wahrheit zu inszenieren. Unser aller Problem ist nicht der letzte Holocaust, dessen Faktizität außer Frage steht, sondern der Völkermord, der vor unseren Augen im Sudan stattfindet. Wir brauchen nicht noch mehr Holocaustmahnmale und Gedenkstätten, sondern eine aktive Politik im Dienste der Menschenrechte ohne politische Rücksichtnahme auf wirtschaftliche Interessen. Wer vom Kampf der Dissidenten in China und der Verfolgung der Baha’i im Iran nichts wissen will, sollte auch am 27. Januar und am 9. November zu Hause bleiben.
Ich werde mich um gute Beziehungen zu den in Deutschland lebenden Moslems bemühen. Nicht zu religiösen Eiferern oder türkischen Nationalisten, die den Paragrafen 301 des türkischen Strafgesetzbuches („Beleidigung des Türkentums“) verteidigen oder verharmlosen und sich um jede Stellungnahme zu der Armenierfrage drücken, sondern zu solchen, die für eine strikte Trennung von Staat und Religion und für eine säkulare Gesellschaft eintreten.
Ich bin überzeugt, dass es keine partikularen jüdischen Interessen gibt. Ob jemand koscher isst oder halal oder doch lieber Kassler, ist Privatsache. Ebenso wann und zu welchem Gott er betet. Religionsfreiheit beinhaltet auch das Recht, areligiös und antireligiös zu sein und sich über den eigenen und seiner Nachbarn Gott lustig machen zu können, ohne deswegen bedroht zu werden. Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat sind die Werte, die offensiv verteidigt werden müssen.
Von Juden, Christen, Moslems, Atheisten, Agnostikern, Häretikern, von Ariern und Vegetariern, Frauen und Männern, Heteros und Homos – meine Kippa liegt im Ring.
Der Autor ist Reporter beim „Spiegel“ und regelmäßiger Gastkommentator beim Tagesspiegel.
Kommentare [ 182 ] Kommentar hinzufügen »
Immer dann, wenn die Meute seine Texte nicht verträgt.
Hinweise, diesen Mann doch mal zurückzupfeifen werden nicht beantwortet.
Broder aber eine "ernst zu nehmende Persönlichkeit" zu schimpfen, wird seinen Bemühungen um öffentliche Wahrnehmung nun wirklich nicht gerecht.
Allerdings halte ich die Balance zwischen Eitelkeit und Klugheit bei Broder nicht für derart verrutscht, dass er sich auch nur die geringsten Chancen auf das Amt ausrechnet. Und das ist, wie der Berliner sagt, auch gut so!
Freut mich zu hören, allein mir fehlt der Glaube. Ihr gesamtes bisheriges öffentliches Wirken in dieser Frage legt das Gegenteil nahe. Lassen Sie den Job besser bleiben, er verträgt keine rechten Populisten.
Es wird zeit, daß man nicht nur "political correctnes" übt, sondern klar beschreibt was eigentlich los ist in diesem Land...Zentralräte hier und da.
Jeder beschönigt oder protestiert zu seinen Gunsten.
Sarrazins z.T. harsche und ungerechte Kritik hat schon positiv zu einer Diskusssion im Land geführt. Vielleicht gelingt Herrn Broder auch so ein Antoß zum Nachdenken über die Rollen und "Aufgaben" der Zentralräte.Wäre sehr wünschenswert.
ich habe dort nichts zu sagen; hätte ich es, auf meine Stimme könnten Sie zählen.
(Auch wenn mir der nötige Einblick in die … äh … Strukturen des Zentralrats fehlt, glaube ich nicht, dass Sie Chancen haben: Sie sind nicht gerade dafür bekannt, harmonisch im Strom mitzuschwimmen und elegant und diplomatisch unter Problemen hindurchzutauchen. Aber vielleicht liegt das Amt als solches auch gar nicht in ihrer Absicht.)
Gruß, wenn auch nur aus der Anonymität eines Pseudonyms
Wenn's beim Zentralrat der Juden nicht klappen sollte, möge sich Herr Broder doch bitte für andere Ämter bewerben, damit wir endlich mal aus diesem Gesülze und dieser Unbeweglichkeit herausfinden. So würde ich mir Herrn Broder z.B. als Bildungsminister wünschen, der jeden nach Abschluss der Ausbildung/des Studium per Gesetz dazu verfplichtet, einige Jahre im Ausland zu verbringen, damit der Realitätssinn hier nicht vollkommen vor die Hunde geht.
Glückauf HMB !
Und bitte: Werden Sie Zentralrats-Präsident!
Viel Erfolg und viel Spaß beim Tanz mit Tante Charly!
Die jüdische Community, die sich überall auf der Welt als
gesellschaftlich progressiv versteht braucht auch in Deutschland Frischfleisch und Zeitgeist.
Die erhobene Sarrazin-Nazi-Karte aus Kreisen des Zentralrats erschien wie ein Relikt aus West-BRD Zeiten.
Es war wohl das allerletzte mal, dass der Zentralrat sich exclusiv auf dieses Thema kapriziert hat.
Broder hat das erkannt und in seiner wachen Art eine Erneuerung gefordert. Zurecht. Ob eine dringend benötigte Frischzellenkur in Person Henrik M. Broders als Präsident
notwendig wird bleibt abzuwarten.
Broder ist ein instinktsicherer Agent Provocateur und ein Genie
in Eigen-PR, ob das reicht, Hm ????
der aktuelle Generalsekretär des Zentralrats hat sich durch die "Auschwitzkeule" gegen Suppenkasper Sarrazin selbst diskreditiert und Fr. Knobloch hat keine "Message" geschweige denn Ausstrahlung...
zugegeben, frühere Beiträge von Ihnen fanden nicht immer meine Zustimmung. Doch nun, vielleicht auch durch die Altersweisheit(?), kann, nein. muss man Ihnen uneingeschränkt Recht geben. Nicht nur zu den Inhalten Ihres Buches "Kritik der reinen Toleranz", sondern auch zu vorstehendem Artikel beziehungsweise Ihrer Bewerbung, kommen doch die richtigen Akzente zum Ausdruck. Dann kann man den ZDJ auch wieder ernst nehmen, und dann wird man ihm vermutlich auch wieder öfter und lieber zuhören, weil die Antisemikeule weitestgehend wieder da ist, wo Waffen üblicherweise hingehören. Im Waffenschrank. Herauszunehmen nur dann, wenn es unabwendbar ist.
Ich fände es gut, wenn Sie der "Neue" würden.
"hier eckt Broder kaum an
Machen Sie sich die Mühe, diese Forum zu durchforsten und Sie werden festestellen, dass Broder hier kaum aneckt. Ein Möchtegernzentralratsvorssitzender der im nichtjüdischen Milieu derartige Begeisterungsstürme hervorruft, verspricht alles zu vertreten, nur nicht die Interessen der Jüdischen Gemeinde. Das aber ist die Aufgabe des Zentralrats. So unefreulich das für Manchen sein mag: Die Juden entscheiden über ihre Repräsentanz, nicht die Gojim."
Mir direkt aus der Seele gesprochen.
Es auch immer wieder erstaunlich, wie Herr Broder es versteht,
die Massen zu spalten.
Mag man von ihm halten was man will, es wäre sicherlich eine interessante Angelegenheit, ihn an der Spitze des ZRs zu sehen.
Ich persönlich finde allerdings, dass das Problem bei Herrn Broder darin liegt, dass er allzu oft eine ganz bestimmte Meinung vertritt und sich nicht scheut, sie auch intensiv zu vertreten und sich dabei über andere Ansichten lustig zu machen.
Sollte er denn aber doch gewählt werden, würde er nicht nur sich selbst vertreten müssen, sondern sämtliche Juden in Deutschland und deren Ansichten.
Zu sehen, ob er dazu tatsächlich in der Lage ist, d.h. seine eigene, ganz individuelle Meinung zwar einzubringen, sie aber nicht zur allgemeinen zu erheben, und vor allem, wie im Artikel angekündigt, nicht nur über den eigenen zynischen Tellerand, sondern das ganze deutsche religiöse Suppengeschirr zu sehen,
das würde ich wirklich gerne erleben.
Und tatsächlich, irgendwie traue ich ihm das auch zu.
Da ist mir alles, was Herr Broder erwarten ließe denn doch zu eitel und nabelbezogen.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei diesem Vorhaben.