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Was Wissen schafft

Pommes frites machen klug – nicht krank

Vermeintliche Krebsauslöser im Essen werden überschätzt. Keine der häufigen Krebsarten steht in statistischem Zusammenhang mit dem Verzehr der Substanzen.
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Gerade hat sich die allgemeine Aufregung um Acrylamid ein wenig gelegt. Nachdem der mögliche Krebsauslöser 2002 in Pommes frites, Chips, Kaffee, Keksen und Brot entdeckt wurde, fanden Studien keinen Zusammenhang mit menschlichen Krebserkrankungen. Doch jetzt schütten Lebensmittelchemiker von der Technischen Universität München noch einmal kräftig Öl ins Feuer: In Pommes & Co. sei noch eine andere, hundertmal gefährlichere Chemikalie enthalten: „Glycidamid“. Um dessen Entstehung zu vermeiden, solle man beim Braten und Frittieren sogar wieder auf gesättigte Fettsäuren umsteigen, also ungesunde Butter und Kokosfett statt Oliven- oder Sonnenblumenöl verwenden.

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln – das kann selbst hartgesottenen Frittenliebhabern den Appetit verderben. Steckt unser täglich Brot wirklich voller Gift?

Die Gefahr durch natürlich in der Nahrung vorkommende Chemikalien wird großenteils überbewertet. Schuld daran ist zum einen der wissenschaftliche Fortschritt: Fast jede Woche werden neue Substanzen entdeckt, die unter Laborbedingungen bei bestimmten Versuchstieren Krebs auslösen können. Zugleich stehen immer bessere Nachweisverfahren zur Verfügung, die bereits winzige Mengen auspüren. Zum anderen gibt es viele unheilbare Krebserkrankungen des Menschen, deren Ursache unbekannt ist. Forschungsberichte über krebserzeugende (karzinogene) Chemikalien in der Nahrung schaffen es deshalb mühelos in die Hauptnachrichten.

Tatsächlich enthält unsere Nahrung jedoch nicht einige wenige, sondern wahrscheinlich tausende Chemikalien, die im Tierexperiment Krebs auslösen könnten – die meisten von ihnen wurden nur noch nicht untersucht. Es macht deshalb wenig Sinn, sich über jeden neu entdeckten Naturstoff aufzuregen, für den es zufällig toxikologische Tierversuche plus ein empfindliches Nachweisverfahren gibt. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob ein epidemiologischer Zusammenhang zwischen einem bestimmten Nahrungsmittel und der Entstehung von Krebs besteht.

Das ist bei Acrylamid und Glycidamid offenbar nicht der Fall. Keine der häufigen Krebsarten steht in statistischem Zusammenhang mit dem Verzehr dieser Substanzen. Nicht einmal bei Fabrikarbeitern, die jahrelang extrem hohen Acrylamidmengen ausgesetzt waren, erhöhte sich die Karzinomrate.

Zudem ist die Konzentration des jetzt in Lebensmitteln entdeckten Glycidamids mit 0,3 bis 1,5 Mikrogramm pro Kilogramm äußerst gering, tausendmal geringer als die von Acrylamid. Glycidamid ist ein Stoffwechselprodukt des Acrylamids (und wahrscheinlich für dessen karzinogene Wirkung im Tierversuch verantwortlich). In der Leber entsteht deshalb aus Acrylamid ohnehin ein Vielfaches der Glycidamid- Menge, die in Lebensmitteln nachgewiesen wurde. Fritten und Chips werden dadurch also keinen Bissen gefährlicher.

Trotzdem steht außer Frage, dass das Erhitzen bei der Zubereitung von Speisen die Konzentration karzinogener Stoffe erhöht – von Acrylamid über Nitrosamine bis zu polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen. Sogar sehr heiße Getränke, wie man sie in Afghanistan und China schätzt, können Krebs verursachen: In diesen Ländern treten Karzinome in Mund und Rachen häufiger auf. Wahrscheinlich steht ein Viertel aller Krebserkrankungen mit der Ernährung in Zusammenhang.

Doch die Alternative, sich von Rohkost zu ernähren, scheint für den Menschen keine artgemäße Option zu sein. Einer aktuellen Theorie zufolge verhalf die Erfindung der Kochkunst vor rund 150 000 Jahren dem Homo sapiens sogar zu einem Entwicklungsschub: Weil Gekochtes mehr verdaubare Nährstoffe enthält, konnte das Gehirn forthin mehr Energie verbrauchen. Vielleicht hat aber auch dem intelligenten Urmenschen das rohe Zeug einfach nicht mehr geschmeckt – dann schon lieber ein paar Karzinogene in Kauf nehmen.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 20.08.2008)
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Kommentare [ 7 ] Kommentar hinzufügen »

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von unbekannt | 20.8.2008 6:18 Uhr
Meiner persönlichen Erfahrung nach .....
..... machen Kartoffeln doof und träge. Und der Gipfel bekloppter Ernährung sind Kartoffel-Chips sowie Pommes Frittes.
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von warthog warthog ist gerade offline | 20.8.2008 10:21 Uhr
Experimente
Da werden wieder Tiere für den ungehemmten Spieltrieb des Menschen verheizt. Es ist ein Unrecht, anderen Lebewesen Krankheiten und Vergiftungen zuzufügen. Jedes Lebewesen hat ein Recht auf Unversehrtheit.
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von teufelsabbiss teufelsabbiss ist gerade offline | 20.8.2008 12:28 Uhr
Sehr heiße Getränke
verursachen auch und vor allem Verbrennungen und das Leben ist lebensgefährlich und endlich!
Sterben wir nicht an BSE, Vogelgrippe, Sars oder an Krebs durch Acrylamid oder Glycilamid, dann eben an etwas Anderem. Aber die Wissenschaftler brauchen Forschungsgelder und da wird eben alle paar Monate eine neue Sau durch's Dorf getrieben.
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von vielleser vielleser ist gerade offline | 20.8.2008 13:16 Uhr
Pommes
Guten Tag,

Pommes machen -meist verbunden mit Ketchup und/oder Majo- primär fett, das dürfte wesentlich Gesundheitsabträglicher sein als Spuren von Karzinogenen.

Schliesslich atme ich zwangsweise innerstädtlich einen Cocktail diversester ekliger Sachen ein, von A wie Abgase bis Z wie Zyanide.

mfg
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von karadeniz karadeniz ist gerade offline | 20.8.2008 19:30 Uhr
Wissenschaftler arbeiten für den Handel
In Deutschland kann man mittlerweiler keiner solchen Nachrichten trauen, da die Wissenschaftler auch Geld verdienen wollen und diese werden auch vom Handel finanziert. Objektivität ist leider nicht mehr gewährleistet.
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von hansenberg hansenberg ist gerade offline | 20.8.2008 20:57 Uhr
Biologik
Ein Mikrobiologe schreibt hier über Krebsrisiken in Pommes Frittes und zelebriert die antihysterische Haltung des Ecknkneipen-Berliners? Nun na, auch der coole Schröder wusste alles über Demokratie in Russland, Merkel alles über Hartz-IV und wir immer schon alles über den Tagesspiegel: Alles halb so wild wie gedruckt.
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von wilhelm wilhelm ist gerade offline | 20.8.2008 21:45 Uhr
joachim.goerner
Tja, Kochen sollte man können: Da werden Kartoffeln zu Delikatesse!

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