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Sie machen sich selbst ein Bild

Die "Bild" will ihre Leser mit Billigkameras ausstatten, dabei sind Leserreporter verpönt – zu Unrecht, findet Tagesspiegel-Chefredakteurin Mercedes Bunz. "Bild"-Chef Kai Diekmann hat nur erkannt, was bereits seit längerer Zeit eine Tatsache ist: Leser lesen nicht nur Informationen, sie besitzen auch welche.
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Am 4. Dezember bringt die Handelskette Lidl eine Leserreporterkamera auf den Markt und zwar in Zusammenarbeit mit ihrem Gspusi "Bild", also mit jener Zeitung, die seltsamerweise kaum über die Überwachung der Lidl-Mitarbeiter berichtete. Für relativ günstige 70 Euro. Dafür ist man dann an "Bild" gekoppelt: Wenn man das Gerät an seinen Rechner anschließt, öffnet sich ein Programm, mit dem die Filme direkt an das Online-Portal "Bild.de" geschickt werden können. Fies. Und irgendwie clever.

Allerdings nicht neu: Abgeschaut hat "Bild"-Chef Kai Diekmann die Idee bei Flip, einer kleinen Plastikkamera, die in Amerika in den großen Ketten vertrieben wird und die, an den Computer angeschlossen, ihr Material direkt zu "Youtube" schießt. Elegant, einfach zu bedienen und also gut.

Verraten hat Diekmann diesen Trick ausgerechnet der Journalismus-Professor Jeff Jarvis, der in New York an der Graduate School of Journalism unterrichtet und das Medienkritik-Blog "Buzzmachine" betreibt. Er setzte Diekmann diesen Floh ins Ohr, als er ihn vor einem knappen Jahr in Davos mit dem Prinzip von Flip bekannt machte. Mehr noch, Jeff Jarvis hat das Ganze sogar aufgenommen, mit der Flip natürlich, und dann auf Youtube hochgeladen und darüber in seinem Blog berichtet. Ob er dem Journalismus damit wirklich einen Gefallen getan hat, ist noch die Frage.

Die Information ist heute überall

Was sich hier zeigt: Der Journalismus verändert sich. Wir leben in einer Welt, in der wir Informationen nicht mehr mühsam aus dem Dunklen in das Licht bringen müssen. Die Information ist heute überall - daran werden sich auch Journalisten gewöhnen müssen. Sie sind nicht mehr die einzigen Besitzer der Information. Dennoch haben sie etwas anzubieten: Sie garantieren Qualität. Und auch dafür ist es wichtig, den Leser ernst zu nehmen, denn in immer mehr Fällen kennt der Leser nicht nur die bessere Information, heute nimmt er sie auch auf.

Über 32 Millionen Handys wurden alleine 2007 verkauft, mehr als 80 Prozent der Haushalte nutzen sie. Allerdings sind die Teile schon lange nicht mehr nur Mobiltelefone. Sie sind zugleich Aufnahmegeräte, Fotoapparate und Videokameras. Und das heißt: Die Kommunikationsindustrie hat Millionen von Menschen mit einer Ausrüstung ausgestattet, die sich vorher nur Journalisten für ihre Arbeit geleistet haben - Fotografen, Kameramänner und -frauen oder investigative Journalisten.

Tatsächlich sind die eindringlichsten Bilder der letzten Ereignisse allesamt von Laien aufgenommen worden. Ob die Anschläge vom 11. September 2001 oder der Tsunami 2004, ob Abu Ghraib oder die Hinrichtung Saddam Husseins: Es waren private Aufnahmen, die Geschichte geschrieben haben. Diese Entwicklung muss man ernst nehmen.

Das ist keine Entwertung der professionellen Arbeit

Das bedeutet nicht, dass man den Leser, wie "Bild", mit schlechtem Billigmaterial ausstatten muss. Es bedeutet aber auch keine Entwertung der professionellen Arbeit, wie der Deutsche Journalisten Verband (DJV) umgehend klagte. Diekmann hat erkannt, was schon lange Fakt ist: Dass Leser nicht nur Information lesen, sondern auch welche besitzen - und dass darunter auch Information ist, die für Journalisten interessant sein könnte.

Dem Qualitätsjournalismus rund um den DJV ist deshalb dringend geraten, seinen Leser nicht nur als zu bespielendes Gegenüber zu verstehen. Sondern als informationshungrigen, aufgeweckten Menschen, der genau deshalb, weil er wissbegierig und klug ist, selbst etwas anzubieten hat. Kai Diekmann ist für "Bild" vorgeprescht und hat sich an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die nun einmal existiert. Und gerade weil im Journalismus bestimmte Standards gelten sollen: An dieser Front darf man Diekmann auf keinen Fall alleine lassen.

Die Autorin ist Chefredakteurin von tagesspiegel.de.



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 27.11.2008)
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Kommentare [ 4 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von docxhill docxhill ist gerade offline | 27.11.2008 0:05 Uhr
Digitale Demokratie
Ja, auch diese hat ihre Schattenseiten. Wer die Veränderung nicht wahrhaben will, sollte auch für die Abschaffung des Internets demonstrieren. Oder für den Flughafen Tempelhof. Oder den Wiederaufbau der Mauer.
MTV hat sein Program vor Jahrzehnten nicht ohne Grund mit dem Song "Video killed the radio star" eröffnet. Mehr Informationsquellen bedeuten mehr Infos für alle. Damit kann man effektiv gegen Meinungsunfreiheit kämpfen. Diese zu sortieren wird immer die Arbeit der Journalisten bleiben. Und... welche Idee ist schon wirklich neu? http://www.nowpublic.com/foto4berlin_de_pol_03
Also, nicht heulen, sondern mehr Medienkompetenz für ALLE!
Wie hieß es doch damals in der Sesamstraße? Bewegtbild mit einer Volxkamera ist ein kleiner Schritt in diese Richtung.
Es geht nicht um die technische Qualität, sondern die Relevanz der Information. Diese Wahl hat nur das (Online-) Volk. Ohne Informationsevolution wären wir alle nicht hier. Die Produktionskompetenz kommt nicht durch den Besitz der technischen Mittel, sondern das Wissen sie kreativ
nutzen zu können. Danke für die Aufmerksamkeit.
Comment
von hdgerdes hdgerdes ist gerade offline | 27.11.2008 9:00 Uhr
Nun ist es etwas schlicht,
"Medienkompetenz für alle" zu fordern, weil das ja jeder halbwegs gebildete Mensch unterschreiben wird.
Schwierig wird es doch dann, wenn "die Information" schon vor der Möglichkeit seiner Rezeption von den vielen kleinen, bunten Bildchen und Filmchen erschlagen wird.
Man hat ja heute schon zu häufig den Eindruck, dass der ausgewogenen und kritischen Information nur noch dann ein Stellenwert zugesprochen wird, wenn sich seine Verwertung monetär quantifizieren lässt.
Das hier angesprochene Thema ist zwar "Pop", aber eben auch nicht mehr.
Recht hat 'docxhill' mit seiner Bemerkung zur Relevanz der Information. Doch kommt man nicht umhin, sich auch Gedanken darüber zu machen, was denn nach wessen Maßstäben relevant ist. Und an der Klärung dieser Frage beginnt das lustige Schattenboxen.
Wenn ich Bilder und Filmchen suche, weiß ich, wo ich was finde. Das reicht mir, da das Angebot unerschöpflich ist.
Verständnis habe ich dafür, dass einige ihren Bereich und ihre Fachkompetenz etwas aufzupumpen versuchen, dafür natürlich beizeiten für den theoretischen Unterbau sorgen müssen und daher u. a. auf die unbedingte Notwendigkeit, auf die technischen Möglichkeiten und die fix voranpreschende Konkurrenz hinweisen.
Doch was den 'aufgeweckten und informationshungrigen Leser' angeht, der im 'Besitz von wertvollen Informationen ist', da bin ich ganz bestimmt nicht so gut und umfassend informiert wie Frau Bunz, die Herrn Diekmann und seine Bild-Zeitung als Leitmedium auf diesem Feld ausgemacht hat.
Ich mag's auch einfach:
-> www.riesenmaschine.de
Und die ein oder andere Information finde ich auch hier:
-> http://turi-2.blog.de
und dort fand ich unter der Meldung:
-> "Meistgeklickter Link gestern morgen: Veronica Ferres vor dem Ehe-Aus" Quelle: Bild.de
das Zitat (mit Foto) von Frau Bunz:
-> "Diekmann hat erkannt, was schon lange Fakt ist: Dass Leser nicht nur Information lesen, sondern auch welche besitzen."

Schöne Aussichten.
Comment
von hdgerdes hdgerdes ist gerade offline | 27.11.2008 11:23 Uhr
Nun habe ich gerade erst festgestellt,
dass dieser Text ein Recycling-Produkt dieses Textes von Frau Bunz vom 25.11.08 ist:
-
"Bild rüstet Leserreporter auf - na und?"
-> www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Leserreporter-Kai-Diekmann;art141,2669997
-
Wo sind die "informationshungrigen und aufgeweckten" JournalistInnen, die den LeserInnen etwas anzubieten haben?
Ist dieser Text nun als Hinweis darauf zu verstehen, dass der TSP die Unterstützung seiner LeserInnen braucht, da er sonst auf die Zweitverwertung von etwas älteren Artikeln zurückgreifen muss?
Comment
von andrea andrea ist gerade offline | 27.11.2008 18:56 Uhr
Quo vadis?
Bei Niggemeier schon im Jahr 2006 zu lesen -
der Tagesspiegel springt auf diesen Trend-Zug
hoffentlich nicht auf. Treue Leser werden's danken!

"...ja, ich bin ein betroffener und ich habe die sanitäter
und feuerwehrmänner gesehen die fotografieren und
deren bilder in den zeitungen erscheinen.

mittlerweile halten feuerwehrmänner mehr handys hoch
als löschschläuche. die polizei steht machtlos daneben,
wenn bei einem unfall die leichen fotografiert werden…
von den bürgerjournalisten.

wir machen das nicht.

ach ja, mein einkommen ist um ca. 50% gesunken seit es diese „leser reporter” gibt.

die gewerkschaft zuckt nur mit der schulter.
willkommen in der neuen zeit."

Den Dingen auf den Grund zu gehen, ist Aufgabe und Kunst
einer guten Zeitung und des Qualitätsjournalismus -
nicht, billigen Voyeurismus per Bild und Video zu bedienen.

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