Zu viele Ostdeutsche träumen sich inzwischen eine DDR zurück, die es so gar nicht gab – eine kleine bunte Welt voller Nischen. Und in den Schulen der neuen Bundesrepublik ist die DDR fast so unterbelichtet, wie es einst die BRD in den Ost-Atlanten war. Robert Ide über den Mauerfall und die zwanzig Jahre danach.
Der erste Gang führte über die Brücke an der Bornholmer Straße, meist Hand in Hand und mit dem Kopf voller Hoffnungen. Unbekannte Brüder und Schwestern warteten auf der Rückseite der eigenen Welt, die bis dahin unerreichbar war, auch sie mit Hoffnungen, viele mit geöffneten Armen. Die Ankunft in einem anderen Land, das doch zum eigenen gehörte zumindest in Gedanken – sie war an der Bornholmer Straße verbunden mit einem Innehalten. Der erste Blick auf die alten Altbauten des Arbeiterbezirks Wedding rief die Frage hervor: Und wo geht’s hier zum Westen?
Die Rückseite der eigenen Welt entdecken, auch wenn sie anders aussieht als erträumt. Vielleicht liegt darin der Sinn des Wortes Wende, das der damalige SED-Chef Egon Krenz ebenso zufällig geprägt hat, wie Günter Schabowski die Mauer fallen ließ – unverzüglich unvermittelt am 9. November des Glücks, heute vor 20 Jahren. Mit einem Sprung die Seiten wechseln, in einer Nacht das Unmögliche tun: Der Schritt hinüber in die eigene Freiheit ging von der Straße aus, er kam von Herzen und aus den Köpfen mutiger Ostdeutscher. Das Blatt, das angeblich nur eine Vorderseite hatte, wurde vom Volke gewendet, nicht von der Politik, und allein der Blick auf die verbotene Rückseite löste einen Gruppenrausch aus: Wahnsinnslust, Freiheitsdrang, auch Angst.
Inzwischen sehnt sich mancher Grenzgänger nach dem Gruppenrausch von ’89, als sich die Tage selbst überholten (erst am Vorabend des 9. November wurde das Neue Forum zugelassen; schon am Nachmorgen wirkte die Bürgerrechtsbewegung selbst im Umbruch). Was schwerer wiegt für die neue Zeit und die herbeidemonstrierte Demokratie: Zu viele Ostdeutsche träumen sich inzwischen eine DDR zurück, die es so gar nicht gab – eine kleine bunte Welt voller Nischen. Dieses auch aus Trotz wegen mancher Einheitsenttäuschung und aus Nostalgie für die eigene Jugend gehütete Traumbild ist unvollständig, weil ihm die harten Grenzen von damals fehlen. So wie schon an der Bornholmer Straße das Traumbild vom Westen nicht vollständig war, weil es sich aus Fernsehbildern zusammengesetzt hatte.
Heute geht Angela Merkel wieder über die Brücke an der Bornholmer Straße – 20 Jahre danach ist es eines der Gedenkrituale eines friedlich vereinten Deutschlands in einem fröhlich feiernden Berlin. Aber bei aller Freude über die selbst gewonnene Freiheit fällt auf: Eine Debatte in der Gesellschaft und in den Familien über das Gestern im Heute, über die Vorder- und Rückseiten von 1989 und 2009, über die kleinen Niederlagen im großen Einheitsgewinn, eine Debatte über das Erbe eines halben Landes für das Ganze ist noch nicht angestoßen worden. Auch nicht von der ostdeutschen Bundeskanzlerin. Auch nicht von den vielen jungen Wostdeutschen, die sich an Ossi-Stammtischen in Frankfurt am Main treffen. Und in den Schulen der neuen Bundesrepublik ist die DDR fast so unterbelichtet, wie es einst die BRD in den Ost-Atlanten war. Dabei ist das Neue ohne das eingravierte Alte gar nicht zu verstehen.
Erinnern jenseits der Rituale beginnt beim Innehalten; wie vor 20 Jahren nach dem Gang über die Grenze. Den Erlebnissen von 1989 wohnt eine Freude über die Freiheit inne, die noch heute von Herzen kommt. Auch eine Sehnsucht nach neuen Hoffnungen und nach geöffneten Armen. Die innere Einheit, nach der Ost-West- Deutschland manchmal so krampfhaft sucht, liegt im Inneren der Menschen verborgen, eher im Privaten als in der Politik. Diese Seite lässt sich noch entdecken, beim Erzählen.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.11.2009)
Kommentare [ 15 ] Kommentar hinzufügen »
Das ist nicht der Punkt.
Viele Ostdeutsche (und Westdeutsche) - und es werden immer mehr - erträumen sich eine Welt, die weniger asozial ist als die heutige.
Dass der DDR nicht gelungen ist, was viele Ostdeutsche wollten, bedeutet aus kurzer historisch Distanz eine Menge. Darüber hinaus aber immer weniger. Traumata sind vergänglicher als Träume.
Gesellschaft gelingt nur SOZIAL. Die gegenwärtige Entwicklung verläuft diametral.
Fortgesetzt ist sie das Ende von Gesellschaft.
Es wird das Ende geben.
Oder etwas deutlich anderes als die Fortsetzung des Asozialen.
Dass es dort auch Menschenverachtung gab, ist eine andere Frage.
Auch dass Schulklassen sich anschauen, WAS DDR war. Es war gewiss nicht nur jene Gedenkstätte, auf die sie einige ideologische Weihrauchhändler bisweilen glauben kondensieren zu können.
Und Menschenverachtung ist 1989 überhaupt nicht ausgestorben.
Untersuchen wir einmal, wer oder was verlogen ist:
Sofern Sie unter Ihrer „ehemaligen Unterdrückungsorganisation“ die LINKEN verstehen, ist dieser Unsinn nun 20 Jahre nach 89 gründlich abgedroschen.
Selbst wenn der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, so wird er doch meist ganz woanders gegessen. Und dann mundet er sogar bisweilen.
Alles kommt irgendwoher, aber alles ist irgendwann auch anders.
Und die LINKEN sind heute eine demokratische Partei, deren Gesellschaftsrezeption mit wachsender Tendenz mittlerweile von Millionen Menschen mitgetragen wird. Nicht weil es um die DDR ginge. Sondern weil gesellschaftliche Entwicklung als antigesellschaftlich und selbstzerstörend empfunden wird … und als sich vom Grundgesetz zunehmend entfernend.
Das hat mit der Gegenwart zu tun. Fast nur mit dieser.
„Der alte Mief der Unterdrückung“ weht heute viel mehr aus den moderigen Kellern von Manchester als aus denen von Hohenschönhausen.
Das hat damit zu tun, dass letztere Keller im Unterschied zu den sich öffnenden ersteren verschlossen wurden.
Ein Biermann, der frisch in die BRD ausgewiesen, Franz Josef Strauß postwendend noch als schwarzen Wüterich restgeißelte … wandelte zum Kumpanen des Irakkrieges des schwarzen Gotteskriegers George W. Bush: "Ich bin für diesen Krieg, damit das ganz und gar klar ist!" rief er im März 2003 von der Konzertbühne. Im Spiegel verspottete er die Kriegsgegner als "Nationalpazifisten", die "Frieden irgendwie geiler als Krieg finden".
Zwar wisse er auch nicht, warum der amerikanische Präsident die Beweise über die Massenvernichtungswaffen zurückhalte, "Ich behaupte aber, dass absolut jeder weiß, ob er nun für oder gegen den Krieg ist, dass Saddam all diese Waffen besitzt."
Wer Realitäten nicht sehen will, sondern selbst bestimmt, was Realitäten sind, der zeigt Geist von Leuten wie Wolf Biermann, mit denen Wolf Biermann völlig verständlich "nicht mal mehr übers Wetter reden will".
Sie finden wahrscheinlich Harz VI schlimmer.
Gut. Dann also: Eine Familie von nur Arbeitsloser kann heute ein weit besseres Auto haben, als jede Werktätige der DDR, wenn sie 15 Jahre gewartet hatte. Kein Thema? Gut. Nur nebenbei: Was fahren Sie?
Zum Thema Verlogenheit: Sarah Wagenknecht hat kürzlich zur Zensur gesagt (wir wissen noch, was dem passierte, der eine einzige Zeitung aus dem Westen mit rüber nahm) - sie hat also gesagt:
Das mit der Zensur war nicht so, man konnte doch alles mögliche lesen in der DDR. Es war halt Mangel. Es gab halt nicht immer alles... (Das wäre genug. Aber jetzt kommts:) Im Kapitalismus sei das genauso, denn Bücher kosten Geld und das hat hier nicht jeder so viel.
Das zu ihrem Vergleich der Keller.
Christa Luft (auch die werden Sie kennen) predigte noch viele Jahre nach 89, die DDR sei eine der zehn stärksten Industrienation der Welt gewesen. Das Bild, ein tolles Land sei im Interesse des westdeutschen Kapitals systematisch zugrunde gerichtet worden, ist eigentlich zum schmunzeln. Man muß nur einen Tag in der DDR verbracht haben. Das Eigentliche ist, dass die SED sich posthum noch der Seelen bemächtigt, indem die PDS das gleichgeschaltete Kollektivdenken mißbraucht: Wer in der DDR lebte war Teil von ihr, und wer nicht selbst schlecht sein will, darf sie nicht schimpfen. Oder nur so ein bißchen, liebevoll, wie Gregor Gysi das gern zu Amüsement und Verblödung des Fernsehpubnlikums macht.
So träumen Sie weiter Ihren Traum vom veritablen Hartz, dem schöneren Auto, den guten Zeitungen.
Sie dürfen auch Schmunzeln.
Und auch mir werden Sie es gestatten.
Aus meiner Sicht ist der größte Unterschied zwischen den Systemen, daß die heutige Gesellschaft ständig und tagtäglich neue Chancen produziert, massenhaft, auch wenn nicht jeder damit glücklich wird. Darin enthalten ist auch die Chance zu einer höheren Stufe von Sozialstaat. Ich weigere mich, das naiv zu nennen.
Die DDR war ein schier endloser grauer Kellergang, wo das Leben für jeden Einzelnen in erheblichem Grade vorbestimmt war von der Geburt bis zur Altersschwäche. Begleitet von einem riesigen Sortiment an Lügen, Losungen und Trugbildern. Begleitet von sinnlosen Zwängen, bis hinein in die Forderung, bestimmte Überzeugungen zu denken. Und nicht zu neugierig zu sein, auch nicht zu ehrgeizig, nicht einmal im besten wissenschaftlichen oder aufklärerischen Sinne. Nicht einmal zum besten Nutzen aller Mitbürger.
Also es geht mir heute wirklich nicht gut. Aber ich verachte jene Zeit. Und ich bedaure es, in jungen Jahren nie versucht zu haben, jenes Land zu verlassen.
Verraten Sie dem Publikum noch Ihr Rezept des Masochismus.
Die Befriedigung, die sie erleben, dass es Ihnen "wirklich nicht gut geht!, resultiert woraus?
Daraus, "daß die heutige Gesellschaft ständig und tagtäglich neue Chancen produziert, massenhaft, auch wenn nicht jeder damit glücklich wird"?
Sie produziert Chancen. Ja. Sogar tagtäglich. Nur bei weitem nicht für jeden. Und was hinzu kommt: Letztere werden immer mehr. Und die haben nicht das "Glück" sich in ihr freigesetztes Leben als tröstendes Kontrastprogramm "endlose, graue Kellergänge" ins Gedächtnis zu weben. Denn sie leben in ihnen. Heute.
Das ist Ihr Problem?
Viel problematischer ist das Erbe einer atavistischen Gesellschaftsspaltung, die heute mehr und mehr hartzendes Bildungsprekariat erzeugt, um einem möglichst großen Bevölkerungsanteil, mittels aldibrillenfreundlicher Lettern, ungestraft das Hirn verkleben zu können. - Mit Feindbildgespinsten wider Migrationshintergründler und Sozialschmarotzer, linke Socken, wahlweise Gutmenschen aus dem Reich des Bösen oder Neinilewwenheidschegger vom Hindukusch.
Das ist nicht „das Erbe der Partei, das mit den Propagandamethoden des fiesesten Zynismus die Lügen weiterleben lässt“, sondern der aktuelle Zynismus fiesester Lügen einer sich „Leistungsträger“ etikettierenden ranzigen Gierkaste, die noch immer in der Lage war, sich pöbelnder oder publizierender Kofferträger zu versichern. - Was kostet die Welt?
Für eine Weile.
(Besonders putzig sind übrigens Ihre „leeren Regale“. Was glauben Sie eigentlich, wo das Lebensniveau der DDR-Leute im realen internationalen Vergleich angesiedelt war?
Schauen Sie sich einmal die Dokumentationen zu den Demonstrationen in der DDR und zu den DDR-Flüchtlingen an: Alles unterernährte in Lumpen gehüllte Elendsgestalten, nicht wahr?
Zum Vergleich gehen Sie dann heute über den Alexanderplatz oder fahren mit der S-Bahn nach Marzahn.
Oder Sie genießen die Ihnen geschenkte Reisefreiheit und besuchen Detroit, Kalkutta, Mexico City, Wladiwostok, Kairo, Sao Paulo, Nairobi, Liverpool. Die Welt ist ja groß, wie Sie wissen ...
Wer sehen will, sieht. Der eine oder andere allerdings hat es auch verlernt.
Es wird immer deutlicher, dass diese Frau sich von diesem System noch immer nicht distanziert hat.
Mir gruselt es !!!
Mir gruselt es !!!
Sie wird das schon noch. ... Spätestens, wenn Sie den Dativ so gruselig verwendet wie Sie.
Das "Mit Volldampf in die Meziere" war doch auch bloß auf dem alten Agitationsmist gewachsen. Ich kann die DDR-Freunde hier nur auffordern, in den Regierungen, in denen sie mitwirken, viel besser zu sein als die anderen, schon haben sie in 10 Jahren (vielleicht) einen gesamtdeutschen Sozialismus. Hoffentlich nicht den, von dem der Mielke früher geträumt hat.
Woher rührt Ihr Grusel? Aus dem Umstand, dass der oder die "Dienste" eines Landes ihre Informationen aus dem ganzen Land beziehen?
Von Stolpe bis de Maiziere bis zum Umfeld der Frau Doktor Merkel haben sicher so ziemlich alle DDRler auch 'mal oder öfter 'mal Gesprächspartner gehabt, die sie als BRDler lieber nicht gehabt hätten.
Das Unbehagen erwächst aber weniger einer per se solchen Kontakten anhaftenden Verwerflichkeit, sondern viel eher aus der paranoiden Hysterie, mit der man dem im Land des großen Einheitstraums begegnete und begegnet.
Dass das MfS in der Binnentätigkeit eine an Idiotie grenzende Beflissenheit und treudeutsche Gründlichkeit an den Tag legte, ist nach Kenntnisnahme der in Kilometer messenden Nonsensaktenordner kaum zu bestreiten. Zu bestreiten ist allerdings auch nicht, dass im Postkehredeutschland gründlich aufgeholt wird. Dass man dies nun in Terabyte messen kann, ändert nichts oder nur insofern, als das in Akten deutlich mehr als Terameter wären, also noch viel mehr als die Stasi jemals Protokollierpapier hätte auftreiben können ohne den Globus abholzen zu lassen.
Woran mag das liegen?
Gewöhnlich ist es so, dass mit tatsächlicher oder gefühlter innerer Bedrohung von Staatswesen ihr Bedürfnis nach Observation des Staatsinhaltes wächst.
Noch nicht einmal die Inkarnation des deutschen Freiheitskampfes als der FDP unter Frau Leutheusser-Schnarrenberger konnte das verhindern.
Der "Raub der Sabine" durch Ministrierung bedeutet, dass es nicht besser werden wird.
Genug Stoff für Grusel.