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Rechte Gewalt

Weder Bett noch Bier für Neonazis

Die Meldungen aus Sachsen-Anhalt sind schlicht gruselig. Das Land, so scheint es, ist ein Beleg für das Schlagwort, der Osten sei braun. Man kann Sachsen-Anhalt ein anderes neues Bundesland entgegenhalten, das deutlich weiter ist: Brandenburg.
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Viele Meldungen aus Sachsen-Anhalt sind schlicht gruselig. In Magdeburg prügeln Rassisten mehrere Afrikaner und eine schwangere Irakerin, das Landeskriminalamt muss zugeben, die Zahlen über rechte Kriminalität geschönt zu haben, im Landtag müht sich ein Untersuchungsausschuss mit einer Serie von Versäumnissen der Polizei bei der Bekämpfung brauner Straftäter ab. Und aus der Zivilgesellschaft ist nur wenig Protest zu hören. Die von der Landesregierung initiierte Kampagne mit dem Titel „Hingucken!“ hat bisher keinen radikalen Wandel der offenbar weit verbreiteten Mentalität des Wegguckens oder sogar der Sympathie für die NPD und andere Rechtsextremisten bewirkt. Sachsen-Anhalt, so scheint es, ist ein Beleg für das vor allem von Westdeutschen oft zu hörende Schlagwort, der Osten sei braun. Doch die Realität ist anders, komplexer – und es gibt Anlass zur Hoffnung, dass auch eine ostdeutsche Region aus eigener Kraft in der Lage sein kann, Rassismus und Rechtsextremismus zumindest langfristig zurückzudrängen.

Man kann Sachsen-Anhalt ein anderes neues Bundesland entgegenhalten, das deutlich weiter ist: Brandenburg. Natürlich treten auch hier Rechtsextremisten provokativ und gewalttätig auf, die DVU sitzt seit 1999 im Landtag, Teile der Gesellschaft bleiben unbeirrbar ausländerfeindlich, obwohl der Anteil der Migranten an der Bevölkerung kaum zwei Prozent übersteigt. Und dennoch: Wenn ein NPD-Funktionär ein Schulungsheim einrichten will, dann regt sich sofort Widerstand. Das von der rechten Szene bundesweit als Höhepunkt im Aufmarschkalender geplante „Heldengedenken“ zum Volkstrauertag in Halbe fiel dieses Jahr aus. Die Demokraten hatten es mit hartnäckigem Widerstand geschafft, den Neonazis das makabre Spektakel zu vermiesen. So etwas macht Mut.

Außerdem hat die Regierung in Potsdam, im Unterschied zu der in Sachsen-Anhalt, begriffen, dass die Sicherheitsbehörden besser gerüstet sein müssen, auch mental. In Brandenburg steht eine größere Polizeispezialeinheit den Neonazis auf den Stiefeln, der Verfassungsschutz beteiligt sich an der vorbeugenden Aufklärung von Jugendlichen und Erwachsenen. In der Justiz wächst das Bewusstsein, bei rechtsextremen Straftätern sei Milde oft unangebracht. Das Bildungsministerium bemüht sich schon seit Jahren mit der Kampagne „Tolerantes Brandenburg“, in Schulen und Kindergärten junge Menschen gegen Rechtsextremismus zu impfen. Dieses Klima staatlichen Engagements kommt den zivilgesellschaftlichen Initiativen zugute, die sich beispielsweise um die Opfer rechter Gewalt kümmern.

Ideal sind die Zustände auch in Brandenburg nicht. Und die Entwicklung zum Besseren wurde nicht ganz freiwillig eingeleitet. Jahrelang beklagten sich Brandenburger Politiker über die Berichterstattung vor allem von Berliner Medien nach rechtsextremen Angriffen, heute wird der Druck als Hilfe bei der Wahrnehmung des Problems gewertet. Doch bei aller gebotenen Distanz, das Zusammenwirken von Politik, Behörden, Medien und zivilgesellschaftlichen Initiativen zeigt in Brandenburg Wirkung. Andere Ostländer haben in dieser Beziehung viel nachzuholen.

Wer durch Sachsen-Anhalt fährt, der fühlt sich an die neunziger Jahre in Brandenburg erinnert, als die Behörden oft lasch reagierten, wenn Ausländer wie Freiwild gejagt wurden. Auch in Sachsen zeigt sich ein erschreckender Mangel an Sensibilität. Verharmlosende Sprüche, die nach dem Krawall in Mügeln vom Bürgermeister bis hin zum Ministerpräsidenten zu hören waren, sind gelinde gesagt fatal. Die vielen Ausländerfeinde in der Bevölkerung können sich bestätigt fühlen, die potenziellen Opfer, neben Migranten vor allem junge Linke, sehen sich im Stich gelassen. Ein ähnliches Signal geht von der wuchernden Polizeiaffäre in Sachsen-Anhalt aus. Wenn schon ein Teil der Sicherheitskräfte den Kampf gegen rechte Schläger nicht ernst nimmt, warum soll sich dann der Bürger engagieren?

Immerhin gibt es in Sachsen einen mutigen Hotelier, der NPD-Leute abweist. In Brandenburg gibt der ganze Hotelverband Neonazis kein Bett und kein Bier.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 06.12.2007)
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Kommentare [ 9 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von graupa graupa ist gerade offline | 5.12.2007 21:50 Uhr
Bett und Bier für alle
Als in Sachsen Aufgewachsener, der seit 10 Jahren im Ausland lebt, kann ich nicht beurteilen, wie gefährlich es für "Migranten oder junge Linke" in Sachsen-Anhalt ist. Aber ich glaube nicht, dass sich die Situation ändert, wenn der Gefährdete die Landesgrenze zu Brandenburg überschreitet. Vielleicht ist dem Autor die dortige Landesregierung lieber, aber Toleranz gegen Andersdenkende,-farbige hängt nicht von der Landesregierung und auch nicht in erste Linie von der Anwendung des Strafrechtes ab, sondern von kulturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Dass die Toleranz gegenüber Migranten dort niedriger ist, wo es wenige gibt, ist kein Kuriosum, sondern eine Selbstverständlichkeit, sonst müsste es ja eine Schwelle geben, bei deren Überschreiten Intoleranz und Gewalt plötzlich gerechtfertigt wäre.

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von gerhardfrey gerhardfrey ist gerade offline | 6.12.2007 9:58 Uhr
Nicht mit Nazimethoden
Der Verurteilung von Gewalt, von Inländern gegen Ausländer oder umgekehrt, kann man nur zustimmen. Doch die Verweigerung von "Bett und Bier" für präsumptive "Neonazis" ist eine Nazimethode. Man lese die Tagebücher Jochen Kleppers, der sich 1942 mit seiner jüdischen Frau und deren Tochter das Leben nahm. Kontokündigung, Einkaufsbeschränkungen, Verweigerung des Gastrechts - das waren Mittel, die die seinerzeit Herrschenden anwandten. Trostreich: Erstens lehnte laut Klepper die Bevölkerung damals diese Maßnahmen ab. Zweitens: Während die Verwaltungsgerichtsbarkeit nach 1937 kaum mehr helfen konnte, weil politische Verwaltungsakte per Gesetz für "justizfrei" erklärt wurden und die Verfassung außer Kraft gesetzt war, gibt es heute diesen Schutz. Würden sich die von Herrn Jansen favorisierten Methoden durchsetzen, würden Gastwirte in die Rolle von Inquisitionsrichtern gedrängt. Was aber am meisten dagegegen spricht, ist das Beispiel von Jesus und dem Zöllner Levi.
RA Gerhard Frey
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von stefano1 stefano1 ist gerade offline | 6.12.2007 10:23 Uhr
Diskutieren
@graupa: Ich weiss nicht, was Sie hier wegdiskutieren wollen. Politik wird auch auf Landesebene gemacht, und die Politik bestimmt eben auch, wie mit Kriminiellen einer bestimmten Art umgegangen wird. Dass Toleranz von "kulturellen Rahmenbedingungen abhängt", ist logisch, aber klingt nur besser. Eine Kultur, die es toleriert, wenn Leute Ausländer "nicht gut finden", ist eine scheiss Kultur. So einfach ist das.
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von fledermaus fledermaus ist gerade offline | 6.12.2007 11:06 Uhr
NS-Regime von links?
auwei, auwei. Schlimmer Artikel. So fing es doch damals auch an. Erst wird den einen das Konto gekündigt und sie dürfen nirgendwo mehr übernachten usw- und wenige Jahre später holt man dann Pfarrer und Gewerkschaftsmitglieder ab. Als große Tageszeitung wäre es sicher angebracht, solchen Unsinn nicht auch noch zu propagieren, sondern sachlich zu informieren.
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von supercargo supercargo ist gerade offline | 6.12.2007 11:21 Uhr
Warum sollte man nicht das "Recht" solcher Wirrköpfe beschneiden?
Wenn ein Besoffener randaliert bekommt er ja auch einen Platzverweis. In der Disko wird auch nur der herein gelassen dessen Nase dem Türsteher passt. Und was haben Jesus und Levi mit solchen Chaoten gemeinsam, die die 10 Gebote mit den Füßen treten und dabei etwas wichtiges nicht beachtet:

Matthäus 25,40:

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: (a) Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Matthäus 25,45:

Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.
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von tizian tizian ist gerade offline | 6.12.2007 13:08 Uhr
Die Inquisition läßt grüßen
@supercargo - So ähnlich ging es auch vor ca 500 Jahren zu, als die heilige Inquisition wütete. Bevor man die ketzerischen "Wirrköpfe" auf dem Scheiterhaufen abfackelte, zitierte man auch aus der Bibel.

Es wiederholt sich wirklich alles! Außerdem ist schon erstaunlich (erschreckend) zu sehen zu was "Demokraten" alles so fähig sind in ihrem demokratischen Fanatismus.
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von supercargo supercargo ist gerade offline | 6.12.2007 15:15 Uhr
Inquisition
Mir ist weder ein Alt- noch ein Neonazi aufgefallen, der sich zwischen seine "Kameraden" und ein Opfer gestellt hat. Und genau das ist es was in den von mir angeführten Bibelstellen steht. Was du der schwangeren Irakerin oder dem alten Mann, der auf der Straße liegt antust, tust du auch mir an. Und Leute die aus der deutschen Geschichte nichts gelernt haben sind nun mal Wirrköpfe. Wie würde es denn dem tizian gefallen, wenn 8 Leute auf ihn Einprügeln nur weil er eine andere Hautfarbe oder eine Behinderung hat und keiner geht dazwischen.
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von p.petersen p.petersen ist gerade offline | 6.12.2007 21:28 Uhr
Es geht nicht um „Gesinnungs-Schnüffelei“ und folgende Ausgrenzung.
Es geht eben gerade nicht darum, Menschen bestimmter Ansichten, Überzeugungen, Religionen, Hautfarben, what ever auszugrenzen, im Gegenteil: Ihnen soll gerade der notwendige Freiraum verschafft werden!

Es geht darum, den Menschenverachtern ein _deutliches_ NEIN zu entgegnen! „Weder Bett noch Bier“ ist also gerade _keine_ Nazi-Methode, auch wenn Nazis das gerne so darstellen, indem sie für sich ein Recht reklamieren, das sie sonst mit Füßen treten! Daher finde ich es völlig richtig, für Nazi-Veranstaltungen, Versammlungen, usw. keinen Raum zur Verfügung zu stellen, offen als Nazi auftretenden Menschen den Zugang (Wirte und Hoteliers haben Hausrecht!) zu verweigern! Vorbildlich!
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von recherche recherche ist gerade offline | 7.12.2007 22:52 Uhr
Schreiben Sie noch ausgewogen?
1. Sachsen-Anhalt hat sich den Hoteliers in Brandenburg längst angeschlossen hat. (Siehe ddp 11. November)
2. "In Magdeburg prügeln Rassisten Afrikaner"... zwei Polizisten haben sich zwischen Angreifer und Opfer gestellt und Prügel eingesteckt. Finde es immer gut, wenn man Fehler der Polizei kritisiert. Aber guter Journalist lebt für mich dadurch, dass man dann auch erwähnt, wenn sich Polizisten so verhalten, wie wir es immer fordern...
3. Sie erwähnen nicht, dass Richter in Sachsen-Anhalt inzwischen genauer hinschauen... Überfall Herrentag Halberstadt Asylbewerber BGS-Beamter. Landgericht verurteilte zwei Täter in der Berufung zu Gefängnisstrafen, zuvor hatte das Amtsgericht den einen Täter freigesprochen, den anderen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. es bewegt sich also was...
6. Ihr Kommentar lebt vom "WEGLASSEN". Ihr Blick ist zu "Gratzik" in meinen Augen. Deshalb bitte ich Sie, wenigstens darüber nachzudenken, ob sie noch ausgewogen schreiben können...

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