Erwachsene wollen sich selbst verwirklichen – ihr Nachwuchs stört da nur.
Freitag, 12.30 Uhr. Das Ende einer Klassenfahrt. Nicht alle Schüler können nach Hause. Einige müssen bis 18 Uhr in den Hort, denn die Eltern sind beschäftigt. Das Kind muss warten.
Vor fünf Jahren wurden die Berliner Grundschulen VHGs, sogenannte verlässliche Halbtagsgrundschulen. Das heißt: Alle Kinder werden bis 14 Uhr betreut. Unsere Schule hat die Hortzeiten ein Jahr später, auf Wunsch der Eltern, bis 16 Uhr verlängert. Damit reagiere man auf die veränderten wirtschaftlichen Bedingungen der Gesellschaft und auf die individuellen Bedürfnissen der Eltern, hieß es zur Begründung.
Heute kann ein Kind von morgens 7.30 Uhr bis abends 18 Uhr in der Schule bleiben. Es gibt Kinder, die fast elf Stunden betreut werden. Sie sind ständig umgeben von anderen, um sich mit Streit, Freud und reichlich Action die Zeit bis zum Abholen zu vertreiben. Diese Kinder haben einen Elf-Stunden-Tag, sind abends kaputt und gehen, sollten sie keine Hausaufgaben mehr haben, zeitig schlafen. Die Eltern haben Zeit, sich ihrer Arbeit und ihren Interessen zu widmen.
Der Trend geht zur Ganztagsschule. Politisch ist das quer durch alle Parteien gewollt. Denn die Ganztagsschule hat zwei Vorteile: Sie schafft die Voraussetzungen, damit Eltern flexibel genug sind, die Anforderungen einer durchökonomisierten Gesellschaft zu erfüllen. Andererseits will die Politik mit Sekundar- und Gemeinschaftsschulen und ihrem Ganztagsbetrieb den gesellschaftlichen Versäumnissen und Defiziten der letzten Jahrzehnte begegnen, Stichwort Pisa. Kostenneutral, versteht sich. Geld wird ja nur für systemrelevante Einrichtungen ausgegeben.
Was für die äußere Form gilt, gilt auch für den Inhalt. War Bildung lange Zeit ein hohes Gut, und als solches erstrebenswert, ist schulische und universitäre Bildung heute nur noch Mittel zum Zweck. Abitur nach zwölf Jahren, Schnellläuferklassen, Bologna-Prozess – Inhalte und Abschlüsse werden mit dem Ziel vereinheitlicht, die Menschen so früh wie möglich dem Wirtschaftsleben zur Verfügung zu stellen.
Wettbewerb ist der einzige Bildungsansporn. Große Ideen sollen entstehen, weil unter Studenten, Professoren und Universitäten Wettbewerb herrscht. Wettbewerb ab Klasse eins hat weder eine gesunde Entwicklung des Kindes noch solide Bildung zum Ziel, sondern soll Kinder möglichst schnell und optimal auf die Bedingungen im liberalen, globalisierten Wirtschaftssystem vorbereiten. Unter solchen Umständen haben Kinder keine Möglichkeit, sich ohne äußeren und inneren Leistungsdruck zu entwickeln.
Gleichzeitig ziehen sich die Erwachsenen immer mehr aus der Welt der Kinder zurück. Bemerkenswerterweise ist trotz all dem das traditionelle Familienbild vordergründig noch immer existent. Unterbewusst haben wir uns aber längst davon verabschiedet. Zwar ist Kinder zu haben, nicht zuletzt dank Frau von der Leyen, in Mittelstandsfamilien wieder en vogue. Um Kinder kümmern sollen sich allerdings viele andere.
Die Praxis zeigt, dass Kinder, die zu wenig Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommen, dazu neigen, sich durch Regelverletzungen, Aggression und anderes Fehlverhalten die Menge an Aufmerksamkeit und Zuwendung zu holen, die sie in positiver Form vorher gebraucht hätten. Ungeliebte Kinder sind schwierige Kinder.
Wir sollten uns nicht darüber wundern, dass die jugendlichen Amokläufer aus gutbürgerlichem und eben nicht bildungsfernem Milieu stammen. Wenn eine Gesellschaft Kindheit und Verantwortung outsourct, muss sie sich nicht wundern, dass der Widerstand der Kinder und Jugendlichen zunimmt. Und je älter Kinder werden, umso geplanter, gewalttätiger und folgenreicher werden die Taten.
Eine Kehrseite des Outsourcing ist das Besinnen auf die eigentlichen Kernkompetenzen. Was waren noch die Kernkompetenzen von Eltern?
Der Autor ist Grundschullehrer an der Königin-Luise-Stiftung
in Berlin.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.11.2009)
Kommentare [ 34 ] Kommentar hinzufügen »
Weiterhin beglückwünsche ich Herrn Lutz zu seinem stringent geschriebenen und intelligentem Arktikel und muss ihm in allen Punkten zustimmen.
Der Schluss ist letztendlich, dass ein Großteil der Bevölkerung über die Flexibiliserungstendenzen der Arbeitswelt und der Implementierung des umfassenden Wettbewerbsgedankes in unser Leben schimpfen und dennoch fleißig mitmachen-
um sich als Eltern die Zuneigung der Kinder mit "Wohlstandsschrott" zu erkaufen.
Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen und nicht der Mensch der Wirtschaft, darum sollte es in der Kindererziehung lieber heißen: Bolognese statt Bologna!
Eltern, klagt endlich Euer Recht ein. Familienerziehungsarbeit gehört entgolten wie jede andere vergleichbar anspruchsvolle Arbeit auch. Schluss mit dem Zwangsehrenamt Familienarbeit.
welche Inhalte falsch und welche ungenau sind,
ohne auf überzeugende Lösungsvorschläge zu verzichten...
Und das muss nicht immer bedeuten jede Stunde zum Event zu gestalten. Es kostet keine stundenlangen Vorbereitungen und Planungen sein Kind auch mal in den Arm zu nehmen, zuzuhören, zu trösten, kuscheln, loben. Dem Kind einfach zeigen dass es wichtig ist und geliebt wird.
Dazu muss man weder eine Playstation noch einen Centerpark-Urlaub kaufen.
Und ja: ich weis wie oft mich das schlechte Gewissen geplagt hat wegen der Vollzeittätigkeit, wegen wenig Zeit am Abend, wegen Wochenendarbeit, während andere mit ihren Kids baden gefahren sind. Und gerade Alleinerziehende haben da oft Probleme, leiden oft unter dem Spaghat, denken viel seltener an sich selbst. Also dass die Kinder da "abgeschoben" werden an den Staat sehe ich da nicht so.
Im Übrigen: eine Gesellschaft in der nur der "ökonomisch wertvoll" ist, der auch arbeitet, möglichst viel und lange, um seinen und den Familienunterhalt zu erwirtschaften, die einen jeden der eben nicht (genug) arbeitet mit Verachtung, Ausgrenzung und Armut straft, muss sich nicht wundern, wenn Kinder zum lästigen Feierabendprodukt verkommen.
Es kommt mir eher so vor, als ob der Herr Lehrer sich auf seine alten Tage mit ein paar Umstellungen im Schulbetrieb schwer tut. Haben Sie jetzt etwa nicht mehr jeden Tag um 13 Uhr Feierabend? Da wird dann gleich der Untergang des Abendlandes veraufbeschworen!
Was ist an einer Hortbetreuung bis 16 Uhr abzulehnen? Wie sollen denn die Eltern arbeiten gehen und für ihre Familie sorgen, wenn die Schule um 14 Uhr endet? Können Sie sich eventuell vorstellen, dass Kinder gerne in den Hort gehen, weil sie hier tolle Angebote haben und ihre Freunde treffen? Meine Kinder wollen sogar lieber in den Hort als zu Hause zu sein! Sie schieben sich also geradezu selber ab! Und sie lieben ihre Eltern trotzdem und wir sie auch. Können sie sich vorstellen, dass man auch zwischen 16 und 20 Uhr und auch morgens und an den Wochenenden für seine Kinder da ist und mit ihnen redet, lernt oder spielt? Ich finde es ,gelinde gesagt, anmassend Eltern, die ihre Kinder in den Hort schicken pauschal "Selbstverwirklichung" und Vernachlässigung ihrer Kinder vorzuwerfen.
In anderen europäischen Ländern sind Ganztagsschulen Standard. Meinen sie da werden Kinder massenweise vernachlässigt und wachsen in gestörten Familien auf? Hören wir ständig von Amokläufen aus Frankreich oder Schweden? Könnten die Ursachen für solche Taten nicht ein bisschen vielschichtiger sein?
Es nervt mich gewaltig, dass in diesem Land ständig versucht wird Eltern ein schlechtes Gewissen zu machen (insbesondere Mütter, die es wagen berufstätig zu sein) und auf der anderen Seite wird z.B. in der Arbeitswelt wenig Rücksicht auf Familien genommen. Die Eltern dürfen dann sehen, wie sie mangelnde Betreuungsangebote, unflexible Arbeitszeiten und steigende Kosten bei stagnierenden Gehältern unter einen Hut bekommen. Ich habe drei Kinder, die ernährt man heute nicht mehr so leicht als Alleinverdiener.
Die Auswirkungen auf die Institution Schule haben Sie aber sehr gut beschrieben. Es ist das, was ich als zweifache Mutter in einem Berliner Innenstadtbezirk täglich beobachte. Die Eltern übertragen immer mehr ihrer eigenen Aufgaben auf Lehrer und Erzieherinnen. Diese Leute geben dem auch nach. Lehrerinnen kaufen Stifte, Blöcke und Hefte für die Kinder und rennen dann dem Geld hinterher. Hortnerinnen beaufsichtigen die Hausaufgaben und korrigieren sie sogar noch. Schulsekretärinnen pflegen kranke Kinder (!), deren Eltern sie erst um 17.30 Uhr abholen.
Dennoch fallen Kinder, die sehr lange im Hort bleiben, in ihren Leistungen hinter den anderen zurück. Irgendwann merken es auch die Eltern. Und dann ziehen sie gegen Lehrer und Erzieher zu Felde; denn wer, wenn nicht die, hat Schuld an der Misere? Na logisch.
Ein weiteres düsteres Kapitel sind diejenigen Kinder, die bis 17 oder 18 Uhr bleiben müssen, obwohl ihre Eltern nur wenig tun. Sie sind im Hort, weil die Eltern zuhause nicht mit ihnen fertig werden. Sie rauben dem Schulpersonal den letzten Nerv und oft genug müssen sich diese Mitarbeiterinnen dann noch von überforderten Eltern des "Mobbings" bezichtigen lassen - dafür rennt man auch gern zum Rektor, Zeit hat man ja genug. Die Erwartung lautet: Die Schule bildet mein Kind nicht nur aus, sie erzieht es und sie therapiert es sogar noch, wenn das nötig sein sollte.
Herr Lutz, sie haben völlig Recht: Die Schule ist inzwischen mit völlig absurden Ansprüchen konfrontiert, an denen sie nur scheitern kann.
MFG
Im Gegensatz zu diesem ständigen Gequatsche über "Bildung" (worunter viele auch nur noch Ausbildung verstehen), gehen Erziehung und Pädagogik in Wahrheit in einem solchen Ausmaß vor die Hunde, dass man dies noch vor 30 Jahren für unmöglich gehalten hätte.
Und so manch einer aus der Mittelschicht, der es eigentlich könnte, hat nicht die rechte Lust zu solcher Kärrnerarbeit ...
Es ist auch gut, dass Lutz keineswegs nur auf den Egotrip mancher Eltern zu sprechen kommt, sondern die Problematik in ein umfassenderes Feld einordnet.
Der Gedanke des Pädagogischen im Sinne eines des Anleitens, Reifenlassens und Grenzensetzen ist schon in den 1970er und 1980er Jahren von vielen 68ern nur mit "spitzen Fingern" berührt worden. "Mut zur Erziehung" mochten sie nicht so recht haben, auch wenn nicht jeder ein Laissez-faire befürwortete.
Heute befindet sich der Schlamassel aber noch eine Problemstufe höher:
Nun ist nicht nur der Gedanke des Pädagogischen unüblich und ungeübt(!) geworden - nein, die Abrichtung der Kinder auf Wirtschaftsinteressen hat noch einmal dramatisch zugenommen.
Herr Lutz hat das so schön ausgedrückt, dass ich seine Passage wiederholen möchte:
"Wettbewerb ab Klasse eins hat weder eine gesunde Entwicklung des Kindes noch solide Bildung zum Ziel, sondern soll Kinder möglichst schnell und optimal auf die Bedingungen im liberalen, globalisierten Wirtschaftssystem vorbereiten."
Ihr Einwand ist seltsam und unverständlich.
Ich nehme jetzt mal zu Ihren Gunsten an, dass es sich hier in Ihrer Wahrnehmung nur um begriffliche Ungenauigkeiten handelt.
Dass es Pädagogik und Erziehung gibt, wollen Sie ja wohl nicht allen Ernstes bestreiten?
Oder etwa doch??!
selbst die "antiautoritäre Erziehung" verlagerte nur die Herrschaftsstruktur vom ich ("ich will, dass du") ins Über-Ich ("man kann doch nicht, willst du uns allen weh tun?") und folgt da den Srtukturen des von Jean Piaget entwickelten Strukturen des "Regelbewusstseins".
Diese Formen der Erziehung haben aber so richtig garnichts mit "laissez-faire " zu tun,
sondern maskiert nur den eigenen Willen mit den Interessen der Gemeinschaft.
Ich will das hier gar nicht befürworten oder kritisieren, nur ist es eben keine Ferne zum Begriff "Erziehung".
Aber es gibt einen Aspekt, des "Kinderkriegens", der hier noch völlig unberührt ist:
eines unserer Motive Kinder zu haben war,
"es besser zu machen" als unsere Eltern.
Wir wollten (mit mehr oder minder großem Erfolg) unsere Kinder "besser" und emanzipatorischer zu erziehen.
Was da dann in den 80ern und 90ern mit Erziehung schief gegangen ist, wäre aber eine andere Diskussion...
ist mir klar, dass Sie als 68er darauf empfindlich reagieren.
Ich habe allerdings auch nicht gesagt, dass Erziehung für die 68er kein Thema gewesen ist. Ich weiß sehr wohl, dass in jene Jahren massenhaft und von allen berufenen und unberufenen Leuten über Erziehung und Erziehungswissenschaft geschrieben und geredet wurde.
Was ich (etwas zu verkürzt) herauszuarbeiten versuchte, war das andere Verständnis von Erziehung. Das haben Sie ja in Ihrem Kommentar dan auch zutreffend aufgegriffen.
Und das der CDU-Kongress "Mut zur Erziehung" in Ihrer Generation auf massiven Protest gestoßen ist, das wissen Sie ja gewiss auch noch.
Es ist also das Verständnis von Erziehung, und zwar inbezug auf Ziele, Methoden und das ebenfalls andere (nämlich nun partnerschaftliche) Verhältnis zwischen Erzieher und Zögling.
Dass ich eher in die Richtung von Bueb und Winterhoff tendiere, dürfte Ihnen ja klar sein.
Gruß
Liegt aber nicht an den 68ern, sondern daran, dass unser pädagogisches Denken, unser Pädagogisches sozusagen, vom Liberalismus beherrscht wird, der in der pädagogischen Tradition als Rousseauismus unterwegs ist, grob gesprochen.
Allerdings geht es nicht darum, nun antiliberalistische Positionen einzunehmen, sondern den Liberalismus, die Hausphilosophie der Neuzeit, in den Demokratismus zu überführen, also gewisse Korrekturen der Einseitigkeiten des Liberalismus vorzunehmen.
und die saßen dann schon auf den Prof-Stühlen, aus denen sie sich jetzt gerade eremitieren lassen,
die saßen und ein (Berufs-)Leben lang vor der Nase.
So ist denn z.B. ein Freund von mir vor wenigen Jahren in Hamburg, eigentlich nach 20 Jahren Taxe und natürlich immer veröffenlichend und lehrend mit gut über 50 Prof. geworden. Er ist aber der einzigen, denn ich kenne,
der das durchgehalten hat.
Zurück zu den Kriminalromanen:
entscheidend in den 70ern war,
das man Erziehungsansprüche selbst - gleich welcher Art - thematisierte,
und damit das Ziel von erziehung neu formulieren konnte.
Da spielt es zunächst mal keine Rolle,
ob man da bei den Konsequenzen von O'Neil oder Bueb landet.
Auch würde ich heute pädagogische Fragen sicher anders beantworten als vor 30 Jahren,
zumal ich (durch das erheblich unterschiedliche Alter der lieben Kleinen,
ich die Erfahrung machen musste,
dass gleiches Umfeld und ähliche Methoden in sich änderenden Zeiten höchst unterschiedliche Ergebnisse zeitigt.
So ist es nur folgerichtig,
dass ich heute Erziehung erheblich gruppenspezifischer sehe als noch vor 20 Jahren.
So ist es denn wohl trotzdem nicht verwunderlich,
wenn ich heute,
bei der Frage, Erziehung wohin?
auch nicht viel mehr als schulterzuckend zu antworten...
Gruß
dali
Natürlich wird eine allein erziehende Mutter große Probleme haben. Nicht nur Zeitprobleme.
Aber muss es denn immer so rasch dazu kommen, dass sie allein erziehend ist??
Dass eine Trennung der Eltern in dramatischem Maße zulasten der Kinder geht, das wird heute zu selten laut ausgesprochen.
Eine Trennung erfolgt im Interesse eines oder beider Partner. Im Interesse der Kinder erfolgt sie nur äußerst selten.
Ja, ich weiß. Ich spreche Unbequemes an.
Es wird sich so mancher aufregen.
Gut so!
Allerdings haben Sie die alleinerziehenden Väter vergessen, diese haben es nämlich noch schwerer als die alleineziehenden Mütter. Insofern sind Sie, wie immer, ein wenig zu strukturkonservativ in Ihrem Denken.
Im übrigen bräuchten alleinerziehende Mütter und Väter nicht so viel arbeiten, wenn sie nicht steuerlich so abgezockt würden - Deutschland nimmt von Alleinerziehenden OECD-weit die höchsten Steuern. Weil nicht Kinder, sondern nur die Ehe zählt.
als langjähriger Elternvertreter an einer der größten Zehlendorfer Grundschulen bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen - mal ganz privat - entschieden zu widersprechen! Dass Eltern die Schließzeiten der Schuleinrichtungen so massiv zum eitlen Zwecke der Selbstverwirklichung mißbrauchen, wie Sie es in Ihrer Polemik beschreiben, ist schlichtweg unwahr! Unwahr auch der Vorwurf, die Kinder müßten die Schule ihren Eltern zuliebe nur zum Zwecke der reinen Leistungserbringung besuchen.
Vielmehr trifft folgendes zu: die verlängerten Schließzeiten der Ganztagsschule sind ein Segen für diejenigen, die die wirtschaftliche Hauptlast der - in der Tat zahlreichen - Ehetrennungen tragen. Das sind in überwiegender Zahl Frauen - Frauen, die sich nicht in einer staatlich so abgesicherten und beneidenswerten Berufsposition befinden, wie Sie! Aber auch für sog. "intakte" Familien ist die Ganztagsschule unverzichtbar, sind doch deren Haupternährer in steigender Zahl Freiberufler. Aber mal anders herum: mir ist oft ein ganz anderes Phänomen begegnet(glücklicherweise an unserer Schule nur ganz vereinzelt, worüber ich mich sehr freue), das den Schulalltag vieler Kinder und deren Eltern nachhaltig belasten kann. Es ist die Erscheinung eines Typs Lehrer, der es sich, wirtschaftlich abgesichert, in der Institution Schule bequem gemacht hat. Nun, durch jahrelange Reformbemühumgen aufgeschreckt und - wenngleich zu Recht - ermüdet, ergeht bei Schwierigkeiten "am Kinde" der Vorwurf schnell, viel zu schnell, in Richtung Eltern: sie müßten mehr... sie wollten nur nicht! Daß sich manches sehr positiv verändert hat - gerade das Engagement vieler Eltern- übergehen Sie in Ihrer Pauschalkritik. Da schieben Sie mal eben eine grundlegende Verantwortung von sich: nicht nur die Kinder als Ganzes ausreichend zu würdigen, sondern auch deren Eltern. Das ist nicht recht - das ist nur billig!
Nach der jüngsten »Renteninformation« hat eine uns bekannte Mutter dreier Kinder - eine staatlich geprüfte Altenpflegerin - eine »Regelaltersrente« von EUR 416,15 (ohne Abzug von Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen) zu erwarten, wenn sie im Anschluss an die Erziehung ihrer Kinder bis zum Renteneintritt noch
zwanzig Jahre in ihrem Beruf tätig gewesen sein wird. [In ihrem Mitarbeiterkreis gibt es übrigens kein Beispiel dafür, dass eine Kollegin bis zum Alter von 65 in diesem schweren Beruf »durchgehalten« hätte. Bereits heute, nach zwölf Jahren darin, leidet unsere Bekannte unter schmerzhaften, behandlungsbedürftigen Abnutzungserscheinungen des Rückens und der Handgelenke...]
In unserem Nachbarland Niederlanden hätte diese Mutter dreier Kinder - ohne Zeiten weiterer Berufstätigkeit - einen Grundrentenanspruch von 930 Euro...
Elterliche Liebe ist in den ersten drei Lebensjahren die unersetzliche Grundlage einer gesunden emotionalen Entwicklung.
Entlarven Sie Krippenfördervereine und Wirtschaftlobbyisten mit falschen Etiketten, z.B. die sog. Liga für das Kind oder auch das Bundesfamilienministerium. Stärken Sie die Familie! Fordern Sie bitte, dass Eltern steuerfinanzielle Gerechtigkeit geschieht sowie die Anerkennung der Familienerziehungsarbeit.
die das Gegenteil beweisen:
Nicht widerlegbar ist jedoch, dass die Sozialisationsmängel, die Einzelkinder, die ausschließlich durch ihre primären Bezugspersonen sozialisiert sind,
erhebliche Schäden bei Kind und Gesellschaft anrichten...
Der Zusammenhang zwischen Anzahl Stunden außerhäuslicher Betreuung und Verhaltensstörungen ist eindeutig nachgewiesen - aber in der Gesellschaft noch nicht angekommen. Die Selbstmordraten bei Kindern sind in den letzten Jahrzehnten explodiert. Siehe hierzu das erhellende Buch "Unsere Kinder brauchen uns! Die entscheidende Bedeutung der Kind-Eltern-Bindung" des kanadischen Bindungsforschers und Entwicklungspsychologen Prof. Dr. Gordon Neufeld.
Die Erkenntnis macht betroffen, aber es nützt nichts, die Realität zu leugnen nach dem Motto "Das macht mir aber ein schlechtes Gewissen!" Wie gesagt, bisher wussten wir es nicht besser.