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H1N1-Virus

Falls der Grippe-Tsunami kommt

Aus den Schlagzeilen ist die Schweinegrippe momentan weitgehend verschwunden. Doch das Virus breitet sich weiter aus. Deutschland sollte jetzt den Impfstoff bestellen, meint Alexander S. Kekulé.
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Während sich die Schlagzeilen aufregenderen Themen widmen, breitet sich die Mexikanische Grippe weiter aus: Rund 5200 bestätigte Fälle sind es derzeit. Die Zahl dürfte sich nun wöchentlich verdoppeln, bis die Behörden mit den Tests nicht mehr nachkommen. Inzwischen ist die „Schweinegrippe“ auch in China angekommen. Damit sind 30 Länder offiziell betroffen.

Definitionsgemäß ist die (höchste) Stufe 6 der Warnskala, die eigentliche Pandemie, bereits erreicht. Dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sie bisher nicht ausrief, hat vor allem politische Gründe: Dass die Warnstufen sich nur auf die geografische Ausbreitung des Erregers und nicht auf dessen Gefährlichkeit beziehen, ist Medien und Politikern kaum zu vermitteln. Eine nach Aggressivität des Virus abgestufte Pandemiewarnskala lehnte die WHO bisher ab.

Bereits die Erklärung der Warnstufe 5 hat weltweit zu Ängsten und Panikkäufen geführt. In Deutschland orderten mehrere Bundesländer, die bisher nur unvollständig ausgestattet waren, das Grippemittel Tamiflu; seitdem beliefert der ausverkaufte Hersteller den Apotheken-Großhandel nicht mehr. In den Vereinigten Arabischen Emiraten führten die Hamsterkäufe dazu, dass Influenzakranke kein Tamiflu bekommen. Verständlicherweise zögert die WHO beim Ausrufen der Pandemie: Niemand will unnötig vor dem Wolf warnen.

Auch aus einem weiteren Grund könnte sich für die WHO ihr eigener Pandemieplan als problematisch erweisen. Spätestens ab Stufe 6 soll nämlich mit der Impfstoffproduktion gegen das Pandemievirus begonnen werden – doch das wäre im Moment weder möglich noch sinnvoll. Die meisten Hersteller sind noch dabei, den normalen Impfstoff für die Wintersaison der Nordhalbkugel zu produzieren; gleich danach beginnt dann die Produktion für die Südhalbkugel. Da die „saisonale“ Influenza jährlich drei bis fünf Millionen schwere Erkrankungen und bis zu 500 000 Todesfälle verursacht, kann auf den regulären Impfstoff nicht verzichtet werden. Für die ganze Welt wird es deshalb auf absehbare Zeit nicht ausreichend Impfstoff gegen die Mexiko-Grippe geben. Die Gesundheitsbehörden der USA überlegen, im Alleingang einen nationalen Vorrat anzulegen.

Theoretisch könnte auch Deutschland für seine 82 Millionen Einwohner Impfstoff gegen das neue Virus H1N1 bestellen. Angeblich liegen dafür, so sieht es jedenfalls die Bundesgesundheitsministerin, verbindliche Verträge mit den Herstellern vor. Die beiden in Deutschland befindlichen Fabriken müssten zwischen den saisonalen Impfstoffproduktionen eine Sonderschicht einschieben. Der Impfstoff gegen das neue Pandemievirus würde dann rechtzeitig zur Influenzasaison im Spätherbst zur Verfügung stehen – doch lohnt sich der Aufwand?

Gerade publizierte Daten bestätigen die Einschätzung, wonach das Virus der Mexikanischen Grippe harmloser ist und sich langsamer ausbreitet als von der WHO zunächst befürchtet. Demnach steckt jeder Grippekranke durchschnittlich „nur“ 1,2 bis 1,5 Personen an. Aufgrund der für ein Pandemievirus eher langsamen Ausbreitung ruft die WHO die Staaten weiter dazu auf, die Einschleppung des Erregers so gut wie möglich zu verhindern. In Deutschland werden Einreisende aus Risikogebieten allerdings nicht auf Influenza getestet, weil dies nach Auffassung der Gesundheitsbehörden zu aufwendig ist und nicht alle Infizierten erfasst.

Andererseits verbreitet sich das neue H1N1 deutlich schneller als ein saisonales Influenzavirus. Es muss deshalb davon ausgegangen werden, dass sich im bevorstehenden Winter der Südhalbkugel und auch in Entwicklungsländern eine massive Infektionswelle aufbaut. Im ungünstigen Fall kann diese dann zur Influenzasaison im Herbst wie ein Tsunami über Deutschland hereinbrechen. Gefährdet sind dann insbesondere Kinder und junge Menschen, die noch keine „Kreuzimmunität“ gegen das neue H1N1 durch frühere Infektionen aufgebaut haben. Wenn die WHO die Pandemie ausruft, wird der Impfstoff schlagartig Mangelware sein. Aus deutscher Sicht sollte der Pandemieimpfstoff deshalb jetzt bestellt werden – sei es nur, damit kein Kind Angst vor dem Wolf haben muss.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.


(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 13.05.2009)
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Kommentare [ 1 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von nyarlat nyarlat ist gerade offline | 13.5.2009 14:49 Uhr
Die eigentliche Gefahr
liegt in der Mutation des jetzigen Erregers in der menschlichen Population in ein wesentlich gefährlicheres Virus. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Allerdings dienen die Warnstufen ja auch dazu die Verbreitung durch mehr Hygiene zu begrenzen bis ein Immunisierungspräparat vorhanden ist. Wenn auf der Welt weniger Schwein und Huhn gegessen würde und die Hygiene besser wäre, könnten auch nicht soviele Viren entstehen, die aus RNA Stücken von Mensch Schwein und Huhn bestehen. Wir züchten die Viren regelrecht. (Natürlich ist nicht das Schweinefleisch schuld.)

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