Für die Schweinegrippe gilt: Besser schlecht impfen als gar nicht.
Die Nachricht, dass der Bund für Regierungsmitglieder, Bundesbeamte und Militär einen eigenen Schweinegrippe-Impfstoff ohne Wirkungsverstärker bestellt hat, schlug ein wie eine Bombe. Bekommen erwachsene Minister, gesunde Soldaten und Mitarbeiter von Bundesbehörden etwa einen besseren Impfstoff als Schwangere und Kleinkinder? Haben die Fachleute vom Robert-Koch-Institut und vom Paul-Ehrlich-Institut, die den umstrittenen Impfstoff Pandemrix für die Bevölkerung empfahlen, womöglich für sich selbst besser vorgesorgt? Gibt es eine „Zweiklassenmedizin“ bei der Impfung?
Richtig ist, dass der vom Bund separat bestellte Impfstoff Celvapan der Firma Baxter keine Adjuvanzien enthält. Die durch die Wirkungsverstärker ausgelösten Nebenwirkungen sind deshalb seltener als bei dem für die Allgemeinbevölkerung bestellten, adjuvanzierten Impfstoff. So kommen etwa Rötung und Schwellung an der Einstichstelle sowie Fieber nach der Injektion gemäß Herstellerangaben bei Celvapan „häufig“ vor (ein bis zehn Prozent), bei Pandemrix dagegen „sehr häufig“ (mehr als zehn Prozent).
Das Gesundheitsministerium begründet seine Entscheidung damit, dass durch das Adjuvans beim eigentlich immunisierenden Wirkstoff, dem „Antigen“, gespart werden kann. Das ist in Zeiten der Pandemie Mangelware und teuer, weil für dessen Herstellung Influenzaviren angezüchtet werden müssen. Celvapan enthält doppelt so viel Antigen wie Pandemrix.
Das sieht zwar auf den ersten Blick nach einer „Impfung erster Klasse“ aus. Tatsächlich ist das vom Bund bestellte Celvapan jedoch nicht weniger problematisch als Pandemrix.
Beide Arzneimittel wurden per Schnellverfahren speziell für den Pandemiefall zugelassen, deshalb gibt es nur begrenzte Erfahrungen bezüglich der Nebenwirkungen. Pandemrix wurde für die Zulassung an rund 5000 Erwachsenen getestet, bei Celvapan waren es etwa 600. Mit Schwangeren und Kindern gibt es bei beiden Vakzinen kaum Erfahrungen. Sie wurden ursprünglich für den Fall entwickelt, dass das gefährliche Vogelgrippevirus H5N1 sich genetisch verändert und eine Pandemie auslöst. Gegen von Vögeln stammende Influenzaviren hätte eine normale Impfung, wie sie jedes Jahr gegen die saisonale Grippe eingesetzt wird, nicht ausgereicht. Deshalb enthält Pandemrix den umstrittenen, von Glaxo Smith Kline neu entwickelten Wirkungsverstärker.
Celvapan kommt zwar ohne Adjuvans aus, jedoch ist es eine „Ganzvirus-Vakzine“, die ebenfalls mehr Nebenwirkungen hat als die saisonale Grippeimpfung.
Die saisonalen Grippeimpfstoffe werden seit Jahrzehnten milliardenfach eingesetzt, auch bei Schwangeren und Kleinkindern. Die dafür seit den 80er Jahren verwendeten „Split-Vakzinen“ bestehen aus gereinigten Oberflächenproteinen von Influenzaviren. Im Vergleich zu den älteren „Ganzvirus-Vakzinen“ sind die modernen Split-Vakzinen weniger „reaktogen“, das heißt sie rufen seltener Reaktionen an der Einstichstelle, Fieber und allgemeines Unwohlsein hervor. Weil Split-Vakzinen nur einen Teil des Virus enthalten, sind sie aber auch weniger „immunogen“, haben also eine schwächere Schutzwirkung. Dies nimmt man bei der Impfung gegen die saisonale Influenza in Kauf, sie hat dafür nahezu keine Nebenwirkungen.
Im Gegensatz zu aus Vögeln übergesprungenen Influenzaviren ist das Schweinegrippe-Virus, das bereits an ein Säugetier angepasst ist, für das menschliche Immunsystem weniger fremd. Deshalb genügen für die Impfung normale Split-Vakzinen ohne Adjuvans, wie sie etwa in den USA und Australien eingesetzt werden. Auch in Europa steht ein solcher Impfstoff (Panenza von Sanofi Pasteur) in Kürze zur Verfügung. Frankreich und andere Staaten haben bereits vor Monaten bestellt, der Hersteller kann mittelfristig keine größeren Aufträge mehr annehmen.
Die Erster-Klasse-Impfung ist deshalb in Deutschland nicht verfügbar. Das Bundesgesundheitsministerium fragt derzeit in Frankreich und den USA an, ob man zumindest für Schwangere und Kinder etwas abbekommen kann. Alle anderen sollten die (vorübergehenden) Nebenwirkungen dennoch in Kauf nehmen, denn für die Schweinegrippe gilt: Besser schlecht impfen als gar nicht.
Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 21.10.2009)
Kommentare [ 17 ] Kommentar hinzufügen »
Etwa 90 Prozent der Bevölkerung sehen das anders.
Kekulé empfiehlt die Impfung. Er begründet seine Empfehlung leider nicht.
Auch seine wortreiche Begründung, warum der gesonderte Impfstoff für Regierungsmitglieder, Bundesbeamte und Militär ebenso problematisch sei wie der Plebs-Impfstoff, reißt er mit seiner abschließenden Summary komplett selbst wieder ein:
Dazu passt dann auch, eine 14-jährige als wissenschaftliche Kapazität zu betrachten. Oder wie ist ihr Argument zu verstehen?
Ein Professor für Mikrobiologe (Kekulé) empfiehlt die Impfung, eine Schülerin nicht, und das Gesundheitsministerium soll sich nach dem "Verständnis" der 14-jährigen richten? Wahrscheinlich halten Sie das dann für Demokratie, denn die Kenntnisse Ihrer Tochter (oder Ihre) entsprechen sicher eher der Mehrheit als die der Experten...
Außerdem hat auch eine 14-Jährige ein Mitspracherecht - jedenfalls wenn es um ihre Gesundheit geht. Sie ist des Lesens mächtig und hat sich auch informiert - bei uns wird über diese Dinge gesprochen. Im Übrigen hab ich Medizin studiert und bin durchaus in der Lage, mir ein Urteil über Sinn und Unsinn dieser Impfung zu bilden - und wenn ich überzeugt von deren Notwendigkeit wäre, würde ich auch dementsprechend auf mein Kind einwirken.
Man braucht doch nur das Adjuvanz wegzuwerfen und mit einem anderen Lösungsmittel zu ersetzen, und anstelle von 1 Virus-Dosen 2 zu nehmen.
Dann haben wir das Adjuvanz-freie, Spaltvirus Vakzin.
Für Kleinkinder würde schon eins reichen, da sie sowieso nur die halbe Dosis bekommen.
Herr Professor Kekulé, ich hoffe sie lesen das und können etwas in bewegung bringen !
Klar, es muss noch getestet werden aber gefährlicher als Pandemrix mit Adjuvanz wird es nicht.
Diese Impfung aber ist keines Wegs harmlos. Und es gibt keine eizige Studie die einen Nutzen erahnen ließe.
Finger weg!
Auch die jährlichen Grippe-Impfkampagnen sind für mich nichts anderes als der Versuch, die Leute zum regelmäßigen Arztbesuch zu verleiten und ihren Glauben an Wissen und Gewissen der Ärzte zu erhalten, den ich schon lange nicht mehr teile.
Ein Nicht-zu-viel-nicht-zu-wenig beim Essen nach Lustprinzip, ein minimiertes Sportprogramm und dass ich mir von anderen nicht auf der Nase rumtanzen lasse, lässt mich seit Jahren zunehmend die gesündesten Zeiten meines Lebens genießen. Früher war ich ständig krank, bis ich anfing, andere Wege als die meiner Eltern und die der Ärzte zu gehen. Mit Sport, Nahrungsergänzungen,Kräuterheilkunde, Yoga, Ayurveda, Chinesischer Medizin, Rohkost usw. , die alle schon Verbesserungen brachten, hat mich mein Weg dahin geführt, heute nichts mehr von alldem zu machen. Dank all der jahrelangen Beschäftigung damit erkenne ich heute allerdings schnell, ob was schief läuft und richte meine Lust auf neue Ziele.
Das klappt bestens, bringt mir jede Menge Spaß und lässt mich schon lange vergessen haben, vor wie vielen Jahren (jedenfalls mehr als zehn) ich das letzte Mal bei einem Arzt war.
Vor mehreren Jahrzehnten las ich mal eine Satz von Gandhi (den ich sonst nicht besonders leiden kann), der dem Sinn nach sagte, dass Medikamente die Leute nur dazu bringen, nicht mehr auf ihre Gesundheit zu achten und krank zu werden. Für die Versorgungsmentalität der Allgemeinheit zahle ich nun schon seit Ewigkeiten zu hohe Beiträge an meine private Krankenversicherung. Wir alle könnten uns das meiste davon sparen, die Schweinegrippe-Impfung allemal.
(Impfungen gegen Kinderkrankheiten nehme ich von meinen Äußerungen ausdrücklich aus, darüber weiß ich zu wenig.)
Den besten Grippeschutz stellt Vitamin D dar, in Form von Sonnenlicht (UV-B) und Omega3 Fischölen (Lebertran). Händewaschen und gesunde Ernährung natürlich vorausgesetzt.
Der Nachteil für die Pharmaindustrie: An Sonnenlicht kann man nichts verdienen ...
nein danke, dann lieber gar nicht. man kann sich nur gegen die "normale saisonale" grippe impfen lassen, um bei einer eventuellen infektion mit der "neuen grippe" doch immerhin die symptome abzuschwächen und ein höchstmaß an hygiene walten lassen. alles weitere bleibt abzuwarten. der prozentsatz der bundesbürger, die sich nicht impfen lassen werden, steigt ständig. viele wollen eben keine versuchskaninchen sein für völlig unzureichend getestete impfstoffe.
Aber was ist das, wenn ausgerechnet in Deutschland eine monatelange Debatte mit der Erkenntnis der Schädlichkeit bestimmter Impfstoffe in die Forderung ihrer Anwendung aus nationalen Gründen gipfelt?
Die Debatte könnte auch anders geführt werden,
so denkt man in der Schweiz z.B. bereits im möglichen Vorfeld einer Panepedemie über die Entschädigung der möglichen Impfopfer seitens des Bundes nach und verankert, wenn es sein muss, entsprechendes auch im Gesetz.