Oft genug im Leben mag es ratsam sein, Entscheidungen auf die lange Bank zu schieben. Das gilt auch für die hohe Politik. Bekanntlich richtet sich die Bundeskanzlerin, je näher der Wahlkampf rückt, besonders gern nach dieser Weisheit. Ihre Einschätzung des Verhältnisses der Europäische Union zur Türkei zählt dazu. Wo der amerikanische Präsident als gewohnt strahlender Held mutig, wenn auch ohne nennenswerte Lasten für das eigene Land, dazu aufruft, die von dem legendären Kemal Atatürk vor nun schon bald 90 Jahren ins Leben gerufene Republik ohne weiteren Verzug als Vollmitglied aufzunehmen, wiederholt Angela Merkel gebetsmühlenhaft ihre alte Floskel von der „privilegierten Partnerschaft“. Was sie und ihre Partei sich darunter vorstellen, lässt sie offen. Kommt Zeit, kommt Rat!
Nun ist es gerade auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen im Zweifel besser, Entscheidungen vor sich herzuschieben, anstatt unwiderrufliche Fehler zu begehen. Deutlich genug wird das, wenn man an die furchterregenden Turbulenzen denkt, in die das Projekt einer Vertiefung der Europäischen Union nach der letzten und völlig überstürzten Erweiterung durch die ost- und mitteleuropäischen Staaten geraten ist. Nicht minder richtig bleibt die alte Lebenserfahrung, dass vorsichtiger Pragmatismus zumeist weiterführen kann als die unbedachte Umsetzung noch so überzeugend klingender Idealvorstellungen. Doch beides, Verzicht auf vorschnelles Handeln wie „piecemeal engineering“ (dessen Loblied der große Karl Popper zu singen pflegte), setzen voraus, dass man weiß, auf was man zum Schluss hinaus will.
Es spricht viel dafür, die Verhandlungen erfolgreich abzuschließen
Die Türkische Republik ist nun einmal nicht irgendwer. Solches anzunehmen verbietet bereits der erste Blick – auf die Größe des Landes und seine geopolitische Lage, auf seine Wirtschaftskraft, auf sein militärisches Potenzial, und nicht zuletzt auf die Jugend seiner Bevölkerung. Vieles mag trotzdem erlaubt sein. Nur eines nicht: die Beziehungen zu einem solchen Staat und einer solchen Nation leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Gewiss ist Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten und kein Messias. Auch für ihn werden die Interessen seines Landes stets im Vordergrund stehen. Andere, wie Großbritannien oder Italien, die nicht minder entschlossen für eine Aufnahme der Türkei plädieren, wissen gleichfalls sehr genau, was sie sich davon versprechen. Niemand wird auch verkennen wollen, dass hierzulande, nicht anders als in Frankreich, die Vorstellung einer vollen Mitgliedschaft höchst unpopulär ist. Populismus war jedoch noch nie ein geeigneter Ratgeber für dauerhaft erfolgreiche Politik. Mut zur Führung ist allemal vorzuziehen. Das wissen die Wählerinnen und Wähler besser, als mancher meint.
Viele sehr gute Argumente sprechen dafür, alles daranzusetzen, dass die laufenden Aufnahmeverhandlungen so bald wie möglich erfolgreich abgeschlossen werden können. Etwaige Hintergedanken, diesen Prozess durch den Aufbau immer neuer Stolpersteine zu stören, werden sich jedenfalls als pure Heuchelei schnell gegen ihre Urheber wenden. Freilich liegt gewiss noch vieles im Argen, was der türkischen Regierung als dringliche Hausaufgaben ins Haus steht, bevor die zu Recht bestehenden Hindernisse endgültig ausgeräumt sind. Dazu zählen eine Menge rechtlicher Voraussetzungen, wie etwa die Absicherung selbstverständlicher Menschenrechte nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der täglichen Praxis und der Verhaltensweise mancher staatlicher Instanzen. Dazu zählt die vorbehaltlose Gleichstellung und Freiheit aller Religionen, einschließlich der Einhaltung des von Atatürk als Kernbestandteil der modernen Republik durchgesetzten Prinzips des strengen Laizismus. Dazu zählt die Beachtung völkerrechtlich verbindlicher Grundsätze und bestehender vertraglicher Vereinbarungen. Und noch einiges mehr.
Grundlegende Gesichtspunkte gegen eine Mitgliedschaft gibt es nicht
Doch das sind ausnahmslos alles Voraussetzungen, die erfüllt werden können, wenn man sich nicht, bewusst oder unbewusst, darauf kapriziert, die Gesprächspartner ständig öffentlich unter Druck zu setzen. Der türkische Staat ist eine Demokratie. Seine politische Führung ist, wie überall sonst, auf Wählermehrheiten angewiesen. Diese für ein grundlegendes Projekt zu sichern, das an alte Traditionen rührt und dabei auf schwierige innenpolitische und gesellschaftliche Widerstände stößt, ist eine Herkulesaufgabe. Die derzeitige türkische Regierung bemüht sich darum mit einer Intensität, die keinerlei Zweifel an ihrer grundsätzlichen Zielsetzung zulässt. Dabei würden es ganz offensichtlich manche kritische Stimmen nicht ungern sehen, sie als das zu ertappen, dessen sie, auch von der türkischen Opposition, immer wieder gern geziehen wird. Doch sie hat längst bewiesen, dass sie alles andere ist als das Sprachrohr einer fundamental-islamistischen Partei klassischer arabischer Provenienz: Weit vor allem anderen steht für Recep Tayyip Erdogan und seine Regierung das Bestreben, fern jeder Ideologie ganz einfach die Stellung und Bedeutung seines Landes in einem global gewordenen Umfeld zu sichern und zu stärken.
Wirklich grundlegende Gesichtspunkte, die gegen eine Mitgliedschaft der Türkei sprechen könnten, gibt es nicht. Das gilt auch für das eher schwammige Argument, die Europäische Union würde damit „überdehnt“. Manche hochverdiente deutsche Staatsmänner wie Helmut Schmidt pflegen beispielsweise gern die Gefahr an die Wand zu malen, mit der Aufnahme der Türkei würden die auf islamischen Fundamentalismus zurückzuführenden Weltprobleme aus den Ländern Zentralasiens sozusagen automatisch „ins eigene Haus“ geholt. Für andere wiederum zielt der Begriff der „Überdehnung“ wohl vor allem auf die erdrückenden und noch lange nicht bewältigten Lasten, die der europäischen Gemeinschaft mit dem letzten Erweiterungsschub auferlegt worden sind.
Ein Argument ist allerdings schwergewichtig
Beide Bedenken sind gewiss nicht ohne Weiteres vom Tisch zu wischen. Sie ändern freilich nichts daran, dass, getragen durch den Prozess der Globalisierung, die internationale Entwicklung unaufhaltsam fortschreitet. An der künftigen Bedeutung der zentralasiatischen Staaten für die europäische Öl- und Gasversorgung wird dies ebenso deutlich wie an der inzwischen klar genug zutage liegenden Bedeutung der Türkei als verlässliches Durchleitungsland. Dass Rolle und Einfluss der Türkei längst auch ganz hautnah von größter Bedeutung für die Entwicklung im Nahen Osten ebenso wie für die Beziehungen der westlichen Welt zum Iran geworden sind, hat sich gleichfalls herumgesprochen. Und dass die neuen Mitgliedsländer Rumänien, Bulgarien und Kroatien unvergleichlich größere wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Bürden für die Europäische Union mit sich bringen, als das je bei einem Beitritt der Türkei zu befürchten wäre, dürfte gleichfalls kaum zu leugnen sein.
Im Grunde gibt es nur ein einziges Argument, das dafür sprechen könnte, jegliche Regeln eines fairen völkerrechtlichen Umganges zu verletzen und darauf hinzuzielen, dass die laufenden Beitrittsverhandlungen am Ende scheitern. Dieses Argument ist allerdings durchaus schwergewichtig. Man könnte es sogar unter jenem Begriff der „Überdehnung“ unterbringen. Die Rede ist von dem augenblicklichen inneren Zustand, in den die Union nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches und als Folge der überstürzten Erweiterung geraten ist. Die katastrophalen Ergebnisse aller Versuche, ihre innere und äußere Handlungsfähigkeit zuerst durch einen Verfassung, dann durch ein neues Vertragswerk auf tragfähige Füße zu stellen, machen dies mehr als deutlich. Ein weiteres Mitglied, das, gemessen an den bisherigen Maßstäben, dann mit einer Bevölkerungszahl von nahezu 75 Millionen Menschen gleich nach Deutschland rangieren würde, und das zudem nach dem heutigen Stand als Eintrittspreis kaum mehr als nur einen geringfügigen Verzicht auf eigene militärische oder außenpolitische Souveränität zu entrichten hätte, könnte ein möglicherweise unerträgliches Risiko für die weitere Existenz der Union bedeuten. Insofern haben Nicolas Sarkozy und Angela Merkel recht, wenn sie vor der Aufnahme neuer Mitglieder warnen, bevor die inneren Strukturen der Union in Ordnung gebracht sind. Doch vor genau demselben Risiko steht die Europäische Union auch schon heute: Sollten die laufenden Vorhaben zur inneren Festigung endgültig misslingen, wird sie in ihrer jetzigen Form nicht mehr lange weiterbestehen können …
Keine schwammigen Kompromisse
Gewiss, die Welt wird nicht untergehen, sollte die Aufnahme der Türkei scheitern. Geschichte geht nie zu Ende. Die Entwicklung Europas wird freilich dann anders verlaufen. Schneller als gedacht wird sich allerdings erweisen, dass alle Beteiligten einen schweren Fehler gemacht, eine einzigartige Chance versäumt haben. Nicht, weil die türkische Nation, und sei dies auch nur ihr ganz und gar einseitiges Empfinden, fortan mit der Überzeugung leben würde, durch die Europäer nicht nur hingehalten, sondern betrogen worden zu sein: Immerhin reicht die erste formale Zusage an die Türkei schon bis ins Jahr 1987 zurück. Auch nicht, weil man einen Staat zurückweisen würde, der sich seit bald 60 Jahren als jederzeit verlässlicher Partner der Nato bewährt hat. Und auch nicht etwa, weil die gewachsenen politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Vernetzungen mit den Mitgliedsländern der Union dann einfach abreißen würden. Trotzdem wären besonders für uns Deutsche sicherlich die Folgen für die bei uns und mit uns lebenden Migranten und deren wirtschafts- wie gesellschaftspolitische Integration ebenso gut zu bedenken wie die Bedeutung der bestehenden engen Kooperationen mit unseren Hochschulen, nicht anders als die vielfältigen und tiefgehenden kulturellen Verbindungen auf den Gebieten des Films, der Musik und der Literatur, symbolisiert durch die von Abdullah Gül und Frank-Walter Steinmeier gemeinsam ins Leben gerufene „Ernst-Reuter-Initiative“. Weit stärker freilich müsste die unvermeidliche Folge ins Gewicht fallen, dass die Türkische Republik eben fortan frei wäre, ihrer eigenen Wege zu gehen – und das hieße, dass der Europäischen Union an ihrer östlichen Flanke ein Eckpfeiler fehlen würde, der im Falle einer Mitgliedschaft geeignet sein könnte, eine in jeder Hinsicht starke und tragfähige Brücke zu den Entwicklungen im islamisch geprägten Teil der Erde zu bilden.
Nein: Zaudern ist kein Rezept, auch nicht die Hoffnung auf irgendwelche schwammigen Kompromisse. Die Türkische Republik muss ernsthaft vor die Frage gestellt werden, ob sie sich, unter Aufgabe mancher lieb gewordener Souveränitätsrechte, als Mitgliedsland in eine bis dahin enger zusammengewachsene Union einordnen will – und die Europäische Union muss wissen, dass sie endlich auf dem begonnenen Wege zur handlungsfähigen Einheit entscheidend vorankommen muss, will sie im Zeitalter der Globalisierung weiter als international ernst zu nehmender Partner bestehen bleiben. Sollten, was ich dringend hoffe, in nicht allzu großer Ferne beide Fragen mit Ja beantwortet werden, dann allerdings werden alle Beteiligten eines Tages froh über ihren Mut sein, ein so wichtiges Land wie die Türkei als einen kerneuropäischen Staat in ihrer Mitte zu haben.
Ich selbst werde jedenfalls nie vergessen, dass meine Eltern diesem Land ihre Zuflucht vor der braunen Barbarei verdanken, diesem Land, das ich bis heute als meine zweite Heimat empfinde.
Der Autor, 1928 in Berlin geboren, lebte zwischen 1935 und 1946 mit seinen Eltern im Exil in Ankara. Er war von 1987 bis 1995 Vorstandsvorsotzender der Daimler-Benz AG.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.05.2009)
Kommentare [ 57 ] Kommentar hinzufügen »
In diesem Satz steckt die Drohung, die Erpressung der deutschen Politik. Wer Herrn Erdogan in Köln hat sprechen hören, der weiss, dass er ein ganz anderes Europa anstrebt.
Diese türkisch-islamische Europa-Vorstellung müssen wir nicht teilen und nicht befürworten. Vor allem dürfen wir uns keine Illusionen darüber machen, dass der Geist Atatürks die Türkei weiter dominieren wird - er schwindet zugunsten einer islamischen Staatsvorstellung.
Wir sollten der Türkei wünschen, dass sie durchaus ihre eigenen Wege gehen kann, daran würde sie von Europa nur gehindert, und sie wäre eine unüberwindbare Behinderung eines wirklichen Fortschritts in der EU. Die Türkei kann zum Katalysator eines neuen, kleineren Europa werden. Das wäre eine positive Reaktion.
Es ist eben immer weniger der Geist Atatürks, der die Türkei prägt ...
Als Herr Reuter in seiner Kindheit in der Türkei war, spielte der Kemalismus noch eine viel größere Rolle. Dies mag seine Fehleinschätzung teilweise erklären.
die Osteuropäischen Staaten wirtschaflich aufzubauen.
Unzählige weitere Schritte müssen noch erarbeitet werden
um die Integration und Identifikation voranzutreiben.
Die Aufnahme der Türkei gehört nicht zu diesem Prozess. Politisch, wirtschaftlich und kulturell kann die Türkei nicht mit Europäischen Standards mithalten. Es ist Zeit, die Perspektive einer Vollmitgliedschaft aufzulösen.
Die Türkei sollte nie EU Mitglied werden.
Wer der Politik eines radikal-islamischen Politikers wie Herrn Erdokan verfolgt, der weiss, daß diesen Staat in seiner gegenwärtigen politischen Ausprägung nichts mit der politischen Kultur Europas verbindet.
Christliche Kirchen werden etwa immer noch unterdrückt und schikaniert.
Wirtschaftsführer - das lehrt die gegenwärtige Krise sehr deutlich - sehen halt vieles sehr einäugig und eindimensional, für die Folgen sind sie dann nicht haftbar.
Nein, Herr Reuter, die Türkei sollte draussen bleiben, wegen mir in einer Art Partnerschaft Europa verbunden.
Ehrlich wäre es, das langsam auch mal öffentlich zu sagen, statt der Türkei illusorische Hoffnungen zu machen.
Oder glaubt irgendjemand, der nicht im politischen Wolkenkuckucksheim lebt ernsthaft, daß Länder, in denen Volksabstimmungen möglich sind , wie Frankreich, Irland, Polen,
Kroatien ( wenn es denn Mitglied wird ) mehrheitlich durch Volkes Votum die Türkei aufnehmen würden?
Wer von den hier lebenden Migranten auf die Türkei schließt, der erliegt völlig falschen Vorstellungen. Das sollte sich aber langsam rumgesprochen haben.
Wenn Bulgarien in die EU aufgenommen wird, dann ist es sachfremd, zu behaupten, die Türkei sei wirtschaftlich noch nicht bereit. Es geht also nicht um wirtschaftliche Aspekte.
Die Türkei gehört in die EU, sowohl geographisch als auch kulturell. Europa weigert sich dennoch, ein so großes Land aufzunehmen. Ein wenig Angst vor einer so hohen Bevölkerung und vor der fremden Religion spielt auch eine Rolle.Auch ein islamisches Land kann der EU angehören. Genau dies ist der Knackpunkt. Die Türkei ist bereit, aber ist es auch die EU?
Politik sollte nicht durch Populismus betrieben werden.
Man kann einfach dei Aufnahme der zwar auch armen, aber im Vergleich mit der Türkei doch recht kleinen Länder des Ostens nicht mit einer Aufnahme der großen und bevölkerungreichen Türkei vergleichen. Hinter Istambul liegt ein riesiges Armenhaus.
- die Türkei ist zu groß und hätte in der EU zu viel Einfluss,
- die Mehrheit der EU-Bürger möchte es nicht
(allein das reicht als Grund),
- die Türkei würde die EU zu nah an gefährliche
außenpolitische Krisenherde (z.B. Iran) heranführen,
- die Türkei würde das Prinzip der europäischen
Agrarsubventionen sprengen, weil zu viele Landesteile enorme Fördermittel erhielten,
- zwischen der islamisch geprägten Kultur der Türkei und den
europäischen Kulturwurzeln (Aufklärung, Christentum)gäbe es
immer wieder Konfliktpotenziel (Beispiel:
Unterdrückung von griech. Christen, Kurden, Armeniern),
- ein Beitritt der bevölkerungsreichen Türkei (hohe
Geburtenrate !) würde die Zuwanderung in die EU in
nicht mehr akzeptable Höhen emporschnellen lassen,
- Eine EU mit der Türkei wäre erheblich instabiler, hätte
sich finanziell übernommen, wäre öfter in Konflikte
verwickelt und wäre meilenweit von "Vertiefung "
entfernt.
Ein Türkei-Beitritt mag ja im Interesse von Türken, Briten und Amerikanern sein, er mag auch im Interessen einiger Wirtschaftsunternehmen sein - im Interesse Europas ist er nicht.
Auch unterschlägt lale (wie stehts) die kulturelle Widersprüchlichkeit in der Türkei selbst.
Dies ist ja auch der Trick mit dem die Kamarilla um Erdogan operieren. Sie führen ständig irgendjemanden (sowohl in der Türkei als auch in der "westlichen" Welt") an der Nase herum.
Das schönste Beispiel war für mich,
als er versuchte, das Kopftuchverbot mit Zwängen der EU zu kippen, verar....e er sowohl die Europäer als auch die (religiös) konservativen Bevölkerungsteile,
nee lale,
mit solchen Propaganda-Sprüchen kommt man zumindest HIER nicht durch...
Allerdings kennen wir dieses Problem noch von uns hier bis in die Achtziger,
da, wo wir katholische Bevölkerungen hatten, bestimmte der Pfarrer, dass beim nun folgenden Urnengang die CDU zu wählen sei,
alles andere wäre "gottlos",
warum sollen das, was wir geschafft haben (böse Einschränkung: früher oder später), nicht auch erreichen???
Eine ländlich, archaische Gesellschaft, die Spielball von,
und da sind wir bei der nächsten Interessengruppe, Großgrundbesitzern und Großindustriellen sind,
und dem Militär,
das einerseits preußisch unbestechliche Tugenden hat,
andererseits von autoritären, durchaus antidemokratische Tendenzen durchzogen ist.
Die Türkei ist nicht nur an der Grenze zwischen Europa und Asien,
sie ist selbst vor allem innere Grenze zwischen Industrie- und Agrarstaat.
Wer hier klar,
egal, ob dafür oder dagegen, Position bezieht,
beweist lediglich, dass ihm die Materie fremd ist...
Ich habe in meinem Beitrag lediglich die Problematik verdeutlicht und keinerlei Lösungsansätze angeboten...
Allerdings kann ich Ihnen nicht zustimmen, dass dies das Beziehen einer klaren Position verhindern sollte.
Warum?
Im Gegenteil!
Oder wollen Sie die Türkei schlichtweg aufteilen und die modernen Landesteile politisch vom Hinterland abspalten?
Wollen Sie eine europäische Türkei an der Ägäis, einen traditionell türkischen Staat "Anatolien" und im Osten einen Staat "Kurdistan"??
Das geht doch nicht! Und ich weiß, dass Sie derlei Gedanken natürlich ebenfalls für verrückt halten.
Und eben deshalb bekäme man die "ländlich-archaischen Gesellschaft" unweigerlich auch mit ...
Und das geht ebenfalls nicht!
Ich halte sie aber für den einzig gangbaren Weg für die Türkei (obwohl ich fürchte, dass die davon sehr weit weg ist).
Vor allem aber, stellt sich für mich die Frage, ob die Türkei.... gar nicht,
DIESE kann nicht beitreten,
und gesellschaftliche Entwicklungen sind gesellschaftliche Entwicklungen.
Nun zum Eigentlichen,
die Türkei müsste sich in einen Bundesstaat umwandeln, mit relativ großer Autonomie der einzelnen Bundesländer.
Zunächst würde dies die Widersprüche in der Türkei sogar noch verschärfen (aber eigentlich nur offiziell machen, was faktisch vorhanden ist). Damit könnte die Entwicklung vieler Regionen sehr schnell vorangetrieben werden.
Aber,
als alter (wirtschaftstheoretischer!!!) Marxist würde ich auf die Kraft der Entwicklung der Produktivkräfte vertrauen!
Je attraktiver das Leben in der "europäischen (kulturell, nicht geographisch)Türkei" wird, desto mehr werden die Menschen die ländlichen Regionen verlassen und sich dort anpassen müssen.
Bei einer solchen Politik wäre z.B. auch ein Eiertanz, wie er von einem Erdogan betrieben wird, sinnlos.
Er schielt IMMER auf die Stimmen der Landbevölkerung, ohne die "Kultureuropäer" zu (die Betonung liegt auf "zu") sehr zu verschrecken.
Wenn aber, wie z.B. in den USA,
ein Zentralparlament aus bundesstaatlichen mit dem ihnen jeweils zukommenden Gewicht installiert würde (Kalifornien hat nun mal mehr Sitze und mehr "Wahlmänner" zum Präsidenten als Montana oder Ohio), würde eine Entwicklung des Faktischen die gesamte Türkei "europäisieren...
Wer die Türkei für ein "kerneuropäisches Land" hält, der weiß entweder nicht was europäisch ist oder er kennt die Türkei nicht.
Eine geradezu absurde Behauptung, die ich Herrn Reuter nicht zugetraut hatte.
Wahrscheinlich kennt er nur bestimmte moderne Stadtteile von Istanbul oder ankara, aber nicht die übermächtige Provinz.
Aus Sicht der Türkei liegen die Vorteile eines Beitrittes auf der Hand. Jedoch aus Sicht der EU überwiegen die Risiken eines Türkeibeitrittes erheblich seinen Chancen.
Im Unterschied zu Frau Merkels "strategischer Partnerschaft" finde ich Herrn Sarkozys Konzept der Mittelmeerunion realistisch und konstruktiv.
Es ist erstaunlich, wie führende Politiker in der EU und jetzt Edzard Reuter die Problematik eines EU-Beitritts der Türkei verkennen.
Da ist einmal der wirtschaftliche Aspekt. Welche finanziellen Lasten will man den Menschen der heutigen EU denn zumuten, welche die Türkei fordern wird, um den riesigen Unterschied in ihrem Entwicklungsstand gegenüber Europa auszugleichen?
Die Befürworter sprechen davon, daß die Türkei in sechs Jahren
beitrittsreif sein könne. Angesichts der Erfahrungen, die man anläßlich der deutschen Wiedervereinigung gemacht hat, ist eine solche Vorstellung völlig unsinnig. Der mentale und ökonomische Unterschied zwischen der "DDR" und West-Deutschland war minimal, verglichen mit dem Abgrund, der selbst noch in 50 Jahren die Türkei von Europa trennen wird.
Die Befürworter sagen, die Türkei in der EU werde eine Brücke zu den Ländern des nahen Ostens sein. Sie setzen dabei voraus, daß diese Brücke den europäischen Geist des Fortschritts nach Osten trage. Die Möglichkeit, daß sie in der entgegengesetzten Richtung religiöse und kulturelle Rückständigkeit nach Europa hineinträgt, wird übersehen.
Weiterhin wird die Gefahr bestritten, daß sich die Türkei auf Dauer nicht in eine europäisch geprägte EU einfügen würde, was schließlich den Verfall der EU herbeiführen könnte. Dies ist um so mehr zu befürchten, wenn man die Art und Weise bedenkt, wie die führenden türkischen Politiker sowohl in Verhandlungen als auch in der Öffentlichkeit aufzutreten pflegen.
Auch ist der Eifer zu bedenken, mit dem Washington den Beitritt der Türkei forciert. Wahrscheinlich, um so in Zukunft ein unerwünschtes Erstarken Europas zu behindern?
Was würde geschehen, wenn die Verhandlungen über den EU-Beitritt scheitern? Eine Trotzreaktion auf türkischer Seite wäre ein weiteres Indiz für deren Unreife.
Die wirtschaftlichen Beziehungen im Interesse beider Seiten würden jedenfalls weiter bestehen.
Mag sein, dass Reuter eine Türkei erlebt hat, die zu Europa passte. Es gibt in Istanbul sicherlich tausende von westlich orientierten Menschen - Wissenschaftler, Künstler usw. - wenn Reuter seine Welt von Villa und Dienstwagen aber einmal verließe und sich mit den 'real existierenden' Türken befassen würde, käme er zu anderen Ansichten. Reuters Position ist weltfremd und hat daher im politischen Diskurs nichts zu suchen.
Konstantinopel/Byzanz war sogar zweite Hauptstadt Roms.
Wenn das nicht "Europa" ist.
Auch die Machtübernahme durch Muslime änderte diese lineare Entwicklung nicht.
Erst durch die "Jungtürken" bzw. dann mit der Machtübernahme durch Mustafa Kemal wurde dieser griechische Teil (wie auch der armenische) aus der Türkei "entfernt".
Paradoxer Weise führte nun aber genau dieser europäische Strukturen und europäische Schrift ein.
So blieb die Türkei das, was sie schon immer war,
in sich selbst der Übergang vom Okzident zum Orient...
Was ist denn das für ein Unfug? - Die Türkei in der heutigen Form gibts seit Ende des Ersten Weltkriegs. Und den Vorgängerstaat in seiner imperialen Form seit 1453. Das sind - Positivismus hin, Positivismus her - mal gerade 500 Jahre.
Das griechische Kleinasien ist lange verschwunden. Die letzten Reste wurden 1921 mit der Vertreibung der griechischen Bewohner aus den Küstenstädten beseitigt. Das römische Kleinasien wurde von den Turkvölkern beseitigt. Das war eine Verdrängung - keine Assimilierung.
Die ganze Zeit über zeichnet sich die Türkei rsp. das osmanische Reich durch einen imperialen Gestus aus, der mit Vielvölkerstaat nicht wirklich was am Hut hat. Die Eroberungsversuche nach Europa hinein sprechen da eine deutliche Sprache und finden überdies im Islam einen geistigen Boden. Und genau in dieser Tradition steht Erdogan.
Dass die Türkei in sich gespalten ist, ist richtig, allerdings auch nicht ganz neu. Diese Spaltung spricht allein gegen einen Beitritt des Landes zur EU.
(habe übrigens den Eindruck, hebold widerspricht hier, nur um zu widersprechen, ohne inhaltlich was anderes zu sagen)
in dem Gebiet der heutigen lebten stets viele Völker.
Dies änderte sich auch in römischer, byzantinischer oder osmanischer Herrschaft nicht. Im Prinzip wurden jeweils die Führungskasten ausgetauscht, die Völker lebten wie bisher.
Erst durch (wie ich ja bereits schrieb) durch die Vertreibung und/oder Vernichtung zwischen 1915 und 25 waren einige Völkerschaften weg.
Ja und dann führte Mustafa Kemal wesentlich Elemente europäischer Kultur im Lande ein, zu denen die Struktur der Verwaltungen, Rechtssystem selbst, Schriftsprache, Laizismus!!! ein. Auch Militär- (die die Rolle des Militärs im Staate) Finanz- selbst Unterrichtswesen hat europäische Vorbilder.
Auch sollte uns hebold mal erklären, warum sich "imperialer Gestus" und Vielvölkerstaat gegeneinander ausschließen.
Wir sind immer neugierig die Meinung eines Hobby-Historikers zu hören...
Ach, wie ich das mag. Erst rede ich Stuss. Da spürt man den knallharten Schlauberger dali.
Dann wirds psychologisch: Eigentlich widerspreche ich nur, um zu widersprechen.
Und zuletzt wird Klamauk: Eigentlich sage ich inhaltlich nichts anderes als dali.
Ich darf schließen: dali sagt, dali redet Stuss.
Klasse! Wahrscheinlich nennen Sie das gelebte Dialektik. Schopenhauer hätte es Windbeuteleien genannt.
***
Zum Thema:
"Im Prinzip wurden jeweils die Führungskasten ausgetauscht, die Völker lebten wie bisher."
Das ist schlicht falsch.
Da ich Ihnen hier keine Vorlesung über Geschichte halten will nur ein kleiner Tipp: Schauen Sie unter dem Titel Manzikert in einem Geschichtsbuch nach. Und über die Folgen dieser Schlacht von 1071. Erst nach diesem Sieg der Seldschuken über Byzanz begann die Besiedlung Anatoliens durch die Turkvölker. Zuvor lebten die einige Hundert Kilometer weiter nördlich.
Mit der Eroberung Konstantinopeln 1453 begann dann die erste große Vertreibung der Griechen; vor allem der - heute würde man sagen - Intelligenz aus Forschung und Wissenschaft. Nicht erst 1921.
Schöne Grüße vom Hobby-Historiker
Die Ungarn wurden nie Muslime, obwohl sie Jahrhunderte osmanisch erobert werden, Griechen, Bulgaren, ebenso wie die Armenier.
Griechen und Juden waren Berater der Sultane.
Die Verbreitung des Koran war osmanische Sache nicht.
Sie haben sich auch quer und längs und zu allen Zeiten mit Christen oder Orthodoxen verbündet, um einen gemeinsamen Feind zu schlagen.
Die "Nationalisierung" der Türkei fand erst nach 1915 unter den von mir genannten Prämissen statt.
Und Manzikert war eine Schlacht, bei der nicht mal unumstritten ist, welche unmittelbaren Auswirkungen sie hatte und schon gar überhaupt nichts darüber aussagt, ob das Osmanische Reich ein Vielvölkerstaat war,
aber unser positivistischer Erbsenzähler wir schon noch 'n unterhaltsamen Schenker finden...
Die größte Ausdehnung des Osmanischen Reichs war erst 600 Jahre später erreicht. Ihre Einwendung hat also keine Relevanz.
Dann wird behauptet, es gebe keine Gründe gegen einen Beitritt, die es sehr wohl gibt, aber nicht genannt werden.
Hier in Kürze die Gründe:
- Verleugnung des Völkermords an den Armeniern
- Verfolgung von Minderheiten.
- Militärische Agressionen gegen EU-Staaten
- Das Land liegt größten Teils ins Asien.
- Gesetzte wie "Beleidigung des Türkentums"
- Eine Brachialpolitik aus dem Vorletzten Jahrhundert.
- Hat Wirtschaftlich nichts zu melden.
- Sie gehören nicht zum Europäischen Kulturraum.
Wenn es stimmt,
dass der größte Teil der Türkei "in Asien" liegt (was ja zunächst mal geographisch richtig ist), kann man ganz sicher auch Russland und den einen oder anderen Staat der früheren Sowjetunion zu Europa rechnen,
nur,
niemand käme auf eine solche Idee.
Auch ist die "Wirtschaftskraft" der Türkei über dem Durchschnitt vieler europäischer Staaten.
Schon heute beträgt das BIP ca 800 MRDn, das entspricht dem vom ganz Afrika.
Das Thema "europäischer Kulturraum" habe ich schon an andere Stelle behandelt, aber mit nielas Logik gehört dann auch der Balkan nicht nach Europa.
Dazu "übersieht" nielas, dass der Zypernkonflikt aus der Hellenisierung Zyperns entstanden ist, die explizit die Vertreibung der türkischen Zyprioten zum Ziel hatte.
Auch die Aufnahme in die EU bzw. die Wiedervereinigung der Insel ist am GRIECHISCHEN Widerstand gescheitert,
also Vorsicht mit den Steinen, wenn man im Glashaus sitzt...
Wieso, rechnen Sie Russland etwa nicht zu Europa? Und die Ukraine? Welche Staaten meinen Sie denn noch, bei denen keiner auf die Idee käme, sie zu Europa zu rechnen?
Auch ist die "Wirtschaftskraft" der Türkei über dem Durchschnitt vieler europäischer Staaten.
Aber auch nur, wenn Sie die Bevölkerungsgröße und die Steigerungsraten nicht berücksichtigen - und sich damit komplett lächerlich machen.
Wenn aber hebold auch nur ansatzweise volkswirtschaftliche Grundkenntnisse hätte, wüsste er,
dass die Wichtigkeit der Türkei für Europa von seinen Im- bzw. Exporten abhängt und da ist nun mal die weit wichtiger als Polen oder Belgien.
Für die persönliche Einkommensentwicklung, das "Wohlstandsbarometer", das ein Spiegel der Produktivkraft eines einzelnen darstellt, ist dann hebolds Pro Kopf-Zahl relevant.
Vielleicht noch um zukünftige Steigerungsraten zu prognostizieren,
für Europa ist sie nicht relevant...