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Die Schatten der Sklaverei

Von Gerd Appenzeller
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Nicht jede Reaktion in der Politik auf einen problematischen, aber immerhin diskussionswürdigen Lösungsvorschlag erklärt sich als Pawlowscher Reflex – wenn ein Sozialdemokrat etwas sagt, muss ein Christdemokrat dagegen sein. Manchmal gibt es überraschende Allianzen, deren Gründe sich erst bei zweitem Hinschauen erschließen. Otto Schily ist mit seiner Idee, in Afrika Auffanglager für Flüchtlinge zu errichten und deren Asylgründe vor Ort zu erkunden, auf heftige Kritik gestoßen. Der wohl böseste verbale Gegenschlag war die gedankliche Verbindung zur NSZeit: Die Deutschen sollten besser nicht über Internierungslager nachdenken. Nun stellt sich aber der frühere Bundesinnenminister der Regierung Kohl, der Christdemokrat Rudolf Seiters, hinter den Sozialdemokraten Schily. Er findet solche Lager unter bestimmten Bedingungen vernünftig. Seiters ist heute Präsident des Deutschen Roten Kreuzes. Er denkt in humanitären, nicht in parteipolitischen Dimensionen. Wo ein Asylantrag geprüft werde, sei nicht so wichtig, meint er. Und die afrikanische Armut müsse ohnedies dort und nicht hier bekämpft werden.

Dieses Denken verdient Respekt. Wenn es dennoch vermutlich nicht zu Auffanglagern kommen wird, dann hat das einen aktuellen und einen historischen Hintergrund. Ein Lager für schwarzafrikanische Flüchtlinge müsste, wegen der Nähe zu Europa, vermutlich in einem Land an der Südküste des Mittelmeeres, also wohl in einem arabischen Land errichtet werden. Es würde der Jurisdiktion dieses Staates unterworfen sein, selbst wenn das Weltflüchtlingswerk als ideelle Schutzmacht aufträte. Es erscheint aber kaum vorstellbar, dass sich schwarze Afrikaner freiwillig in die Abhängigkeit eines arabischen Landes begeben. Die aktuelle Verfolgung in Sudan, die Vertreibung von mehr als einer Million und die Ermordung von vermutlich 50000 Schwarzen, hat einen ethnischen Hintergrund. Die Täter sind sudanesische Araber – und Araber waren es, die vom 17. bis ins 19. Jahrhundert den Sklavenhandel organisierten und von der Insel Gorée im Westen und von Sansibar im Osten Afrikas aus Generationen von Schwarzen verschleppten. Die Erinnerung daran liegt bis heute traumatisch über den Menschen dieses Erdteils. Wenn die Europäer das nicht bedenken, zeigen sie damit einmal mehr vor allem ihre Selbstbezogenheit.

Seiten 1 und 5
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