Der toten Juden wird gedacht, die lebenden lässt man im Stich. Wäre dem nicht so, müsste sich die deutsche Politik endlich zu einer harten Sanktionspolitik gegen das iranische Regime entschließen.
Einst war der Hinweis, man solle nicht jedes Gemetzel in der Weltgeschichte als Holocaust und nicht jedes autoritäre Regime als faschistisch bezeichnen, ein berechtigter Einwand gegen die von Linken wie Rechten betriebene Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen. Doch heute sind die Warnungen vor einer „Instrumentalisierung der Schoah“ zu Floskeln geworden, welche die Verharmlosung aktueller Gefahren befördern.
Das wird hinsichtlich des Irans besonders deutlich. Das iranische Regime, mit dem deutsche Unternehmen Geschäfte in Milliardenhöhe abwickeln und das von der Bundesregierung weiterhin mit Samthandschuhen angefasst wird, propagiert seit der „Islamischen Revolution“ von 1979 die Zerstörung Israels und sorgt regelmäßig für die Neuauflage des antisemitischen Klassikers „Die Protokolle der Weisen von Zion“.
Ali Chamenei, der oberste geistliche Führer des Irans, nannte Israel ein „Krebsgeschwür“ und sieht die „Lösung für das Nahostproblem“ in der „Zerstörung und Vernichtung des jüdischen Staates“. Der als moderat geltende Ex-Präsident Rafsandschani erklärte den Kampf gegen Israel zur Pflicht aller Muslime, und der reformorientierte Ex-Präsident Chatami verteidigte den französischen Holocaust-Leugner Garaudy und nannte Israel „eine alte, nicht heilbare Wunde im Körper des Islam, die dämonisches, stinkendes und ansteckendes Blut besitzt“.
Präsident Ahmadinedschad nennt den jüdischen Staat einen „stinkenden Corpus“, zweifelt die Schoah an und organisiert Konferenzen mit Holocaust-Leugnern. Die Rede, in der er die Vernichtung Israels forderte, bei der es sich ja angeblich um einen Übersetzungsfehler handeln soll, hat er selbst in englischer Übersetzung auf seiner Homepage publiziert.
Wie wird in Deutschland auf solche Äußerungen reagiert? Am 9. November ist der 70. Jahrestag des Novemberpogroms, und Vertreter fast aller politischen Richtungen werden versuchen, sich im Warnen und Mahnen zu übertreffen. Gerade haben die Bundestagsabgeordneten eine gemeinsame Erklärung gegen den Antisemitismus verabschiedet, der sich nur die Hamas- und Hisbollahfreunde in der Linkspartei um deren außenpolitischen Sprecher Norman Paech verweigert haben.
Doch warum hat die Kritik des aktuellen Antisemitismus kaum einen Platz in diesen Ritualen des Erinnerns? Insbesondere dann, wenn der Antisemitismus nicht von eingefleischten Nazis, sondern von Protagonisten aus dem islamischen Raum in die Welt posaunt wird? Sollte die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus nicht notwendigerweise die Kritik der aktuellen iranischen Politik und ihrer europäischen Förderer einschließen, wenn sie mehr sein will als Phrasendreschen?
Die Welt hat schon einmal zugesehen, wie sich Antisemitismus derart radikalisieren konnte, dass er zur Ermordung von Millionen Menschen führte und zugleich den Untergang der Protagonisten des Antisemitismus mit einkalkulierte. Ist man sich der Möglichkeit einer Wiederholung der Katastrophe nicht bewusst, so hat man nicht begriffen, dass Antisemiten die Ankündigung ihrer Verbrechen ernst meinen, so irrsinnig diese auch erscheinen mögen.
Wird das beim Erinnern an die Opfer des nationalsozialistischen Antisemitismus absichtsvoll verdrängt, legt das den Schluss nahe, dass Gedenken sich heute in Deutschland auf die Erinnerung an die toten Juden beschränkt, während man den lebenden im jüdischen Staat die Solidarität verweigert. Wäre dem nicht so, müsste sich die deutsche Politik endlich zu einer harten Sanktionspolitik gegen das iranische Regime entschließen.
Der Autor ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kampagne „Stop the Bomb“, die sich gegen Geschäfte mit dem Iran engagiert.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.11.2008)
Kommentare [ 7 ] Kommentar hinzufügen »
Es hätte einem hochmoralischen Aufruf durchaus gut angestanden, die Konsequenzen für diese Arbeiter und Angestellten zu thematisieren.
Aber anscheinend liegen die viel zu weit weg von der Lebenswirklichkeit der Lehrbeauftragten, Politiker und Publizisten.
erst komt das Fressen,dann die Moral??? Es kann doch nicht sein,dass nur des Geldes wegen auf jeglichen Rest von Moral und Anstand verzichtet wird.Wenn wir schon mit China,Russland und anderen (Fast)Diktaturen nicht auf Geschäfte vertichten wollen,sollen wir dann noch mit Weltgeschichtsidioten vom Schlage eines Achmahdinedschad Geschäfte machen,Geschäfte,die das Auslöschen des Staates Israel durchaus in greifbare Nähe rücken?
Es hat den Anschein,als wenn(weltweit!!)die Gier nach Gewinn immer noch weitaus höher angesehen ist,als ein humanes Miteinander -leider!
Ähnlich verhält es sich mit dem Schicksal der Bahais in Iran.
Die iranische Regierung verfolgt blutig ca. 330 000 Bahais in Iran.Ihre Häuser, und Geschäfte werden enteignet oder angezündet.Ihre Renten und Jobs werden ihnen weg genommen.Ihre Friedhöfe geschändet. Ca. 300 wurden unter fadenscheinigen Anklagen exekutiert. Etliche sitzen in den Gefängnissen Irans. Außer halbherzige Proteste dagegen, vernehmt man nichts von der Deutschen Regierung.
Das und nichts Anderes ist es doch was der obige Text wirklich sagt.
Fazit: Anstatt eines solch unausgewogenen und polarisierenden Kommentars koennte man auch gleich einen Link zur hochnotpeinlichen "Achse des Guten" posten... haette wahrscheinlich mehr Informations- aber ganz sicher mehr Unterhaltungswert.