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Auf den Punkt

Raum für Missionare

Werner van Bebber über das Beten in der Schule und seine Folgen
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Mit dem Segen des Berliner Verwaltungsgerichts wird eine Schule zum Gebetsraum. Das ist, etwas überspitzt gesagt, die Lesart eines Urteils, das an Berliner Schulen - und vermutlich an vielen anderen auch - zu neuem Streit über den Umgang mit Muslimen führen wird. Das religiöse Bekenntnis findet durch dieses Urteil seinen Weg in einen öffentlichen Raum, in dem es nach bisheriger Lesart der Berliner Gesetze nichts zu tun hatte.

Der junge Mann, der das Urteil erstritten hat, schafft sich in einer sehr weit gehend säkularisierten Umwelt im wahrsten Sinn des Wortes Raum, um den Forderungen seiner Religion zu genügen. Er demonstriert damit in einer Stadt, in der immer noch fast jeder nach seiner Facon selig werden soll und kann, ein durchaus missionarisches Bewusstsein. Womöglich werden ihm andere folgen.

Womöglich werden ihm auch strenggläubige Anhänger anderer Konfessionen folgen, auf ihre Weise. Ist die Forderung völlig absurd, dass strenggläubige Katholiken an einer Schule einen Raum möchten, in dem ein Kruzifix hängt, damit sie dort beten können? Wer weiß, auf welche Rituale überzeugte Animisten während der Schulzeit nicht verzichten wollen? Was ist mit Anhängern des Voodoo-Kultes?

Man kann den Streit ins Absurde treiben, aber da gehört er nicht hin. Er soll auch nicht auf dem Rücken eines Gymnasiasten ausgetragen werden. Der Streit gehört in die politische Arena. Das Verwaltungsgerichtsurteil wird gleich zwei Gruppe provozieren: Die eine, nicht ganz kleine Gruppe derer, die Muslimen prinzipiell misstrauisch gegenüberstehen, wird ihr Misstrauen neu begründen und munitionieren: Seht ihr - sie kämpfen eben auch in befriedeten Räumen, auf neutralem Gebiet für ihre Religion.

Die andere Gruppe - die Muslime, die gern in einem säkularen Staat, einer un-glaublich liberalen Gesellschaft und frei von den Vorgaben schikanöser Päpste oder totalitär denkender Freitagsprediger leben, wird das neue Misstrauen spüren und, womöglich, die Gegenattacken. Diese westlich-aufgeklärten, liberalen Muslime werden den Eindruck haben, hier eben doch nur gelitten zu sein.

Für den Streit in der politischen Arena hat der Berliner Innensenator Ehrhart Körting eine Vorgabe gemacht. Er proklamiert den Begriff "multireligiöse Gesellschaft" und behauptet: "Wir haben die Toleranz gegenüber den Religionen verlernt". Ein gefährliche These: Sie stützt die Dogmatiker in allen Konfessionen.
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Comment
von s.theile s.theile ist gerade offline | 30.9.2009 14:56 Uhr
Dritte Gruppe
Bebber hat eine weitere Gruppe vergessen, nämlich jene Menschen, die unsere Grundrechte gegen jene verteidigen, die diese Werte nur Menschen zubilligen möchten, deren Nase ihnen paßt. So geht es nämlich nicht. Ich kann Rechte nicht nur danach gewähren, ob mir der Vorteilsnehmer gefällt oder nicht.

Im vorliegenden Fall ist es deshalb unbeachtlich, ob Interessengruppen hinter dem Schüler weiterreichende Absichten verfolgen. Hier geht es nur um die Frage, ob ein Schüler sich in der Pause zurückziehen darf, um auf seiner auf dem Boden ausgebreiteten Jacke zu beten. Müller-Neuhof hat nebenan alles wichtige hierzu gesagt.

Der Raum, in dem dieses Gebet stattfindet, ist ein Klassenzimmer und nicht ein mit entsprechenden Symbolen besonders ausgestatteter Andachtsraum. In diesem Sinne hätte sich Bebber mal den ganzen Mittelteil besser sparen sollen. Er dient nur dazu, die Stimmung weiter anzuheizen, auch wenn er das natürlich am Ende abstreitet.
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von DiabolusParvus DiabolusParvus ist gerade online | 30.9.2009 15:31 Uhr
Freiheit, die ich meine
Was ich momentan nach dem Urteil immer noch nicht weiß, ist, ob nun direkt ein Andachtsraum „eingerichtet“ werden muss oder ob „nur“ ein separater Raum fürs Gebet „zur Verfügung stehen“ soll. Gut, letzteres hatten wir damals auch, indem der Filmraum für (außerunterrichtliche) Andachten zur Verfügung stand. Das nutzten durchaus nicht nur die Reli-Lehrer, sondern auch Schüler eigenständig (Freikirchler usw.). Allen anderen war’s reichlich egal, und es störte niemanden.

Nicht nur mit diesem Urteil aber beobachte ich eine diffuse Eskalation und frage mich, ob ein „Religionsstreit“ nicht ohnehin von viel wichtigeren gesellschaftlichen Herausforderungen ablenkt bzw. ablenken soll. Und ich frage mich, ob eine konsequente Politik intensiver Jugendförderung und ausreichender personeller Ausstattung der Schulen über die letzten Jahrzehnte hinweg nicht dafür hätte sorgen können, diese Verlagerung auf religiöse Spiegelfechtereien durch bessere Integration aller Kinder und Jugendlichen zu verhindern. – Fragen, Fragen, Fragen …

Nun habe ich religiöser Laie gestern noch im Kreise islamkundiger Menschen über das Urteil debattiert: Berliner/innen, einer davon weitere „Schweinefleisch-Kartoffel“, zwei davon „türkisch Lannsleut“, zwei davon „völlisch korrekt“. Die Berliner/innen „mit türkischer Vergangenheit“ haben in dem Urteil eine Katastrophe gesehen, weil es aufgerissene Gräben vertiefen würde. Die beiden aktiv Gläubigen haben betont, dass es ihrem eigenen Verständnis des Islam völlig widersprechen würde, ein solches Fass aufzumachen. Ihrer Meinung nach war die Klage nicht religiös, sondern eindeutig politisch motiviert. Das Schöne an der eigenen Religiosität wäre doch gerade, sie nicht zu Markte tragen zu müssen, aber hierzulande auch nicht dazu gezwungen werden zu können.

Ich habe diese Meinungen nachdenklich zur Kenntnis genommen.
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von ganymed ganymed ist gerade online | 30.9.2009 16:35 Uhr
nein,
hier kann nicht jeder nach seiner facon selig werden. die zeiten sind vorbei. weder religöse, noch schwule oder lesben.sollten letztere religiös sein, haben sie doppelt pech. das alles weiß man, wenn man die zeitung liest.
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von krefelderin krefelderin ist gerade offline | 30.9.2009 16:42 Uhr
Vergessener Aspekt
Der Jugendliche, um den es ging, hat den Raum bisher nur selten genutzt. Sein Vater hat die Klage eingereicht. Der Verdacht liegt nahe, dass der Junge nur das Werkzeug seines Vaters ist. Dies ist für mich der eigentlich problematische Aspekt bei diesem Thema. Ich bin der Meinung, die Schule sollte ein Ort sein, an dem Kinder sich fern von elterlichem Einfluss entwickeln können. Der Staat sollte diese kindliche Freiheit sichern, notfalls auch gegen den Widerstand der Erziehungsberechtigten.

Dieser Aspekt ist mir bislang in der Debatte ein wenig zu kurz gekommen.

MFG
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von marel marel ist gerade offline | 30.9.2009 17:05 Uhr
Toleranz
Es ist schon bemerkenswert, daß ein Monarch vor 400 Jahren viel mehr von Toleranz verstand als ein heutiger Zeitungsredakteur, dessen Vorfahren wahrscheinlich genau wegen dieser Toleranz nach Berlin gekommen sind.

Es ist erstaunlich wie sehr die grandiose Erfolgsgeschichte von Aufklärung und Toleranz ausgerechnet in Berlin in Vergesseneheit geraten ist.

Es darf aber auch nicht erstaunen, daß eine tolerante Gesellschaft nur dort existieren kann, wo klare Regeln den Spielräume der Toleranz abstecken und garantieren. Toleranz und Disziplin, zwei Seiten derselben Medaille.
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von bb2007 bb2007 ist gerade offline | 1.10.2009 7:13 Uhr
@marel
Ihrem letzten Absatz kann ich nur zustimmen, aber zum jetzt wieder öfter bemühtem alten friedrich
http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_II._%28Preu%C3%9Fen%29
Das mit der "Facon selig u.s.w." bezog sich bei ihm nur auf christliche Konfessionen, für Juden galt das nicht, und was Moslems angeht, war man froh, dass sie es nicht noch ein drittes Mal wagen würden, Wien anzugreifen. Nur deswegen konnte Mozart so putzige Türken-Stüchkchen schreiben....
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von ThomasP. ThomasP. ist gerade online | 30.9.2009 18:05 Uhr
Eine Chance?
Der Punkt ist, das der Glaube oder das Glaubensbekenntnis so frei wie der Nichtglaube sein muss! Und genau das ist bei der Umsetzung zu berücksichtigen. In solch eine Kammer(?) des Friedens und der Verständigung aller Religionsbekenntnisse währe gerade in einer Schule die Chance des Erlernens von Achtung und Respekt gegenüber eines anderen Bekenntnisses möglich.
Keiner könne mehr Krieg, das Morden von Menschen, als heilig kolportieren. Die Erziehung dazu ist so wichtig.
Natürlich gehört da Buddha neben Moses, Jesus, Mohammed und Maria die Neugierde auf den Gott eines neuen Schülers der den Raum mit den nächsten Geist des Friedens und der Verständigung beseelt.
Das ist gelebter und erlernter Frieden eines Geistes der heilig ist.
Eine Seemanskirche in der Schule soll es ja nicht gleich werden.
Das es keine Mission wird, darauf hätten alle zu achten.

Mein Gedanke und der ist FREI.
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von lupusb lupusb ist gerade offline | 30.9.2009 18:08 Uhr
Raum oder nicht Raum?
Was hat denn das Gericht nun eigentlich geklärt: ob an einer Schule gegebetet werden darf oder ob die Schule gezwungen ist einen Raum für Religionsausübung bereitszustellen? Ersteres kann man m.E. nicht verbieten, das zweite wäre tatsächlich ein Albtraum. Mir ist das Urteil nach wie vor nicht klar, es steht wohl drin "das kein gesonderter Raum" eingerichtet werden muss?! Es sieht so aus das die Argumentation der Schule, das der Junge nicht im Flur beten darf (wie er ist wohl lange zeit davor getan) hat nach hinten losging. Das er nun tatsächlich nicht im Flur beten darf hat geklappt..nur mit den genannten Folgen. Wie das ganze nun praktisch zu lösen ist-kein eigener Raum, aber gegebte erlaubt- das ist wohl das Problem das die Direktorin mit der Frage nach der Lebenswirklichkeit gemeint hat.
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von betrachter betrachter ist gerade offline | 1.10.2009 10:37 Uhr
Eine Gesellschaft, die sich
der Intoleranz gegenüber tolerant zeigt, arbeitet an ihrer eigenen Abschaffung.

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