Berlin -
Krieg löst keine Probleme. Kaum einen Satz würde man lieber unterschreiben als den. Leider stimmt er nicht, weder im allgemeinen Fall noch im konkreten, dem Gazakrieg.
Zunächst eine rasche, nicht chronologische und unvollständige Liste einiger durch Kriege gelösten Probleme: die Niederlage Hitler-Deutschlands, die Vertreibung der Franzosen aus Algerien, die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, die Befreiung Kuwaits, der Sturz von Saddam Hussein, von Slobodan Milosevic, vom Mullah-Regime in Afghanistan.
Fast nie wurde in diesen Kriegen das Prinzip einer streng proportionalen Verhältnismäßigkeit beachtet, wie es aktuell gern von Israel gegenüber der Hamas verlangt wird, nach dem Motto: Israel darf nicht mehr Palästinenser töten als Israelis durch Palästinenser getötet worden waren. Eine idiotische Forderung! Wie war es denn sonst? Amerikaner töteten im Zweiten Weltkrieg viel mehr Deutsche und Japaner als umgekehrt Amerikaner durch Deutsche und Japaner starben. Und beim Sturz von Hussein, Milosevic und Mullah Omar wurden ebenfalls weitaus mehr Irakis, Serben und Afghanen getötet als Mitglieder der westlichen Allianzen. Würde das Prinzip der Verhältnismäßigkeit tatsächlich streng proportional angewendet, müssten am Ende aller Kriege die Chinesen gewonnen haben, weil sie schlicht die meisten sind.
Auch die insgesamt positive Entwicklung des Nahostkonflikts ist ohne Kriege kaum denkbar. 1948, 1967 und 1973 sicherte Israel seine schiere Existenz als Staat und festigte seine Stellung in der Region als einzige Demokratie. Mit Ägypten konnte daraufhin Frieden geschlossen werden, der mit Syrien vereinbarte Waffenstillstand hält bis heute, nach der Niederlage des Iraks im ersten Golfkrieg folgte der Frieden mit Jordanien.
Auch die beiden Libanonkriege, 1982 und 2006, waren durchaus erfolgreicher, als sie oft gesehen werden. Die Vertreibung der PLO aus Beirut stellte Jassir Arafat vor die Alternative, entweder als wirkungsloser Exil-Terrorist in die Geschichte einzugehen oder sich auf das Prinzip "Land gegen Frieden" einzulassen. Er entschied sich fürs Zweite, gefolgt von Oslo und dem Friedensprozess. Leider hielt Arafat, obwohl gekrönt durch den Friedensnobelpreis, seinen Strategiewechsel nicht lange durch.
Nach dem zweiten Libanonkrieg schließlich gestand Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, sich gründlich verkalkuliert zu haben. Die Israelis hatten im Beiruter Stadtteil Dahiya die gesamte Kommandozentrale seiner Organisation zerstört. Der Schock hält an: Keine einzige Rakete hat die Hisbollah, die ja aufs Engste mit der Hamas sympathisiert (beide werden aus Teheran finanziert), seit Beginn des Gazakrieges auf den Norden Israels abgefeuert. Das nennt man Abschreckung.
Was könnte das Ziel nun der Operation "Gegossenes Blei" im Gazastreifen sein? Die Antwort fällt nicht schwer: eine entscheidende Schwächung der Hamas, sowohl militärisch als auch organisatorisch, eine wirksame Unterbindung des Waffenschmuggels durch Tunnel via Ägypten (eventuell überwacht von internationalen Truppen), eine Einbeziehung Ägyptens und der Fatah in die politische Neuordnung des Gazastreifens. Falls das gelingt, hätte Israel wieder einen echten Partner, um über das von aller Welt angestrebte Zwei-Staaten-Modell zu verhandeln.
Krieg löst keine Probleme? Einige schon, jedenfalls manchmal. Was aber auf jeden Fall stimmt: Er produziert auch viele neue. Fortsetzung folgt.
Kommentare [ 33 ] Kommentar hinzufügen »
oder?!
Diese Meinung kann man vertreten - ich teile sie allerdings nicht.
"Zunächst eine rasche, nicht chronologische und unvollständige Liste einiger durch Kriege gelösten Probleme: die Niederlage Hitler-Deutschlands, die Vertreibung der Franzosen aus Algerien, die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, die Befreiung Kuwaits, der Sturz von Saddam Hussein, von Slobodan Milosevic, vom Mullah-Regime in Afghanistan."
Ganz genau das ist die Haltung von Hamas (und auch PLO, Al-Qaida). Nur eben von der anderen Seite aus. Für die Hamas ist nämlich die Anwesenheit von Juden in Palästina dasselbe wie seinerzeit die Anwesenheit von Franzosen in Algerien (die dort auch schon seit immerhin fast vier Generationen gesiedelt hatten, also ein gewisses "Heimatrecht" in Algerien hatten). Und aus Sicht von Hamas (und auch PLO) ist die Gewalt gegen Israel derselbe Krieg wie der der FLN 1954-61 in Algerien.
... und erst die Antworten dieses alten Mannes.
Die linke Partei Meretz, die Partner der deutschen LINKE ist, hat 3% in der letzten Knessetwahl erhalten. Selbst diese Partei unterstützt den Gaza-Feldzug!!!!!
Avneri hat 0% Unterstützung!
Kriege, die angeblich Gutes bewirkten?!
Jugoslawien?
Hätten die EU und damals auch die UN Bosnien-Herzegowina sofort als Staat anerkannt und die Unabhängigkeit zugebilligt , unterstützt - wie vorher Slowenien, dann wäre es wahrscheinlich nie zur angesprochenen Eskalation gekommen.
War es falsch, dass Kennedy bei der Kuba-Krise auf Verhandlungsgeschick setzte - und nicht auf ´bleierne Worte´?
Es gibt viele Optionen - Krieg ist immer die Letzte, wenn alles ausgeschöpft wurde.
Was den GAZA - Streifen betrifft : Offensichtlich hat man sich in der israelischen Führung über verschiedene Option nicht einmal unterhalten. Hier setzte ein gut ausgebildeter Boxer lediglich auf seine Fäuste - und das nicht einmal im UN-Boxring mit den entsprechenden Regeln.
Es ist auch äußerst zynisch über einen 2. Weltkrieg zu sprechen als ob daran etwas gut gewesen sei :
Es fanden 55 Millionen Menschen den Tod. Und hier wurden auch viele Entscheidungen gefällt, die mit einem Handschlag hunderttausende von Menschenleben auslöschten. Krieg hat viel mehr mit Größenwahn zu tun als mit Weisheit. Oft wird dann nachträglich, durch scheinbare Erfolge der Siegerseite, das Handeln nachträglich scheinbar legitimiert. (Nagasaki, Hiroshima, Stalingrad usw.). Das ist Pokern mit Menschenleben.
Wenn wir uns wieder darauf besinnen, dass ´Krieg die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln sei´, dann werden wir uns schneller als uns lieb sein kann, wieder dort befinden, wo der 1. Weltkrieg begann. Das ist nämlich lediglich wieder Schauvinismus des 19. Jahrhunderts.
Einen Krieg gegen einen Gegner, den Israel selbst gezüchtet hat, denn die Hamas ist -- nicht nur, aber auch -- ein gepäppeltes Produkt Israels aus jener Zeit, als die PLO durch gezielte Bruderkämpfe geschwächt werden sollte.
Zum Libanonkrieg 2006:
Kein Wort des Autors zum infernalischen Horror der geächteten Phosphor- und Streubomben und Schrapnellgeschosse israelischer Truppen gegen die libanesische Zivilbevölkerung.
Kein Wort zur Kriegsgrundlüge, die israelische Militärmacht würde angeblich zwei ihrer Soldaten befreien wollen (wovon pünktlich nach Beginn der Invasion keine Rede mehr war).
Kein Wort über die Winograd-Kommission, die die dilettantische Kriegsführung des israelischen Generalstabs öffentlich machte, was u.a. die Rücktritte des Generalstabschef der israelischen Streitkräfte Dan Chalutz und des Verteidigungsministers Amir Peretz zur Folge hatte.
Kein Wort über die Angriffe der israelischen Streitkräfte auf unbewaffnete Soldaten der UN-Truppen, die weithin sichtbar als UN-Angehörige gekennzeichnet waren.
Kein Wort über die Stärkung der Hisbollah durch den Krieg, die im Libanon nach wie vor eine unangreifbare politische und militärische Macht darstellen.
Und natürlich kein Wort über die wochenlange Blockade des Gazastreifens durch Israel, über das Aushungern und Austrocknen eines übervölkerten Landstrichs, über die Weigerung, internationale Hilfsgüter wie Nahrung, Kleidung, Medikamente, Brenn- und Treibstoff verteilen zu lassen -- obwohl Israel eine Fürsorgepflicht für den Gazastreifen besitzt.
Man ist als Leser der redaktionellen Meinungsseite des Tagesspiegels einiges gewohnt. Aber allmählich fragt man sich, wohin die Reise gehen soll.
danke für ihren erhellenden Einblick in Ihr Denken. Das erklärt mir so manchen Artikel in Ihrer Zeitung, bei dem ich fassungslos bin, wie er über Kriegsverbrechen berichtet.
Ihrer Argumentation folge ich nicht. Aus meiner Sicht plappern Sie da was nach, was ihnen Propagandisten des Militärisch Industriellen Komplexes mit auf den Weg gegeben haben. Die sind längst in ziviler Kleidung unter uns. Ein bestes Beispiel dafür ist Xavier Solana, der Ex-NATO Generalsekretär, der Jugoslawien bombardieren ließ.
Noch nie hat ein Krieg Probleme gelöst. Was Sie dagegen vorgetragen haben ist lediglich Siegergeschichte. Und da schaut es dann tatsächlich so aus, als hätte sich irgend etwas gelöst. Tatsächlich gibt es auch immer Verlierer, Opfer und das massenhaft. Es setzt sich nur nach Cowboymanier der Stärkere durch. Kongflikte schwelen weiter unter der Oberfläche und können jederzeit erneut ausbrechen.
Jedes einzelne Beispiel läßt sich widerlegen. Das sie dann aber Verbrechen wie den letzten Libanonkrieg hier gar als Erfolg anpreisen, dass läßt mich verzweifeln. Was wird aus dem Tagesspiegel, wenn er Leute wie Sie zu leitenden Redakteuren macht?
Ich zöge Israel vor und wäre dann - nebenbei bemerkt - froh, wenn sich man sich dann gegen die "arabischen Hetzer" zur Wehr setzen würde.
Wie wurde der Nordirlandkonflikt gelöst?
a) Die Unterstützer der IRA lösten sich auf (DDR, CSSR). Libyen
hat nach massivem Druck der USA seine Terrorismusunterstützung eingestellt.
b) Nach ethnischer Säuberung wurden in Belfast "Peace lines" gebaut, hohe Mauern (bis zu 12 m) um irisch-katholische und protestantisch-britische Viertel zu trennen.
???Sind Sie der Meinung, dass Stalingrad ein Verbrechen der Sowjetunion war...oder wie darf ich sie verstehen?
Zähe, jahrelange Verhandlungen führten endlich zum Erfolg!!!
-1998 Das Karfreitagsabkommen (engl. Good Friday Agreement, Belfast Agreement oder Stormont Agreement)
-28. Juli 2005 die IRA beendet den bewaffneten Kampf.
-3. Mai 2007 erklärte die Führung UVF keine Gewalt mehr anzuwenden
-Am 31. Juli 2007 beendete die britische Armee nach 38 Jahren ihren Einsatz in Nordirland.
usw.
Also - es geht auch so - oder?!
Quellen :
http://news.bbc.co.uk/hi/english/static/northern_ireland/understanding/events/good_friday.stm
http://www.independent.co.uk/news/uk/this-britain/northern-ireland-the-longest-tour-of-duty-is-over-459668.html
Zu Stalingrad :
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In Stalingrad wurden Soldaten und Zivilisten sowohl durch Stalin als auch von Hitler menschenverachtend verheizt.
Er wiederholt die Ziele des israelischen Angriffs, wie sie von Armee- und Regierungssprechern dargestellt werden, und stellt sie als Ergebnis eigener Überlegungen dar. Das ist leicht verdientes Geld, wer will ihm das verdenken? Er läßt Widersprüche in der Argumentation erkennen: Was früher an Gemetzeln zulässig war, muß heute auch noch gelten dürfen (da gab es mal einen Ministerpräsidenten ...); gleiches Recht auf Skrupellosigkeit für alle, als ob sich die Welt nicht weitergedreht hätte; man darf alles mit allem vergleichen, aber bloß nicht alles, was vor 1945 war, mit heute ...
Ein neuer Zug ist das Aufleben des Krieges als Vater aller Dinge ("Auch die insgesamt positive Entwicklung des Nahostkonflikts ist ohne Kriege kaum denkbar.").
Der Rest ist nicht neu: Ich lasse am besten die Geschichte außen vor und suche mir nur aus, was in die Argumentationsstruktur paßt. Aber damit sind wir wieder am Anfang: Wir leben in einer Marktwirtschaft. Darin ist vieles erlaubt.
Besser wäre natürlich eine Planwirtschaft, wo Meinungen selbstverständlich nicht gekauft sind und kleine NVA-Feldwebel die grossen Diskurse beherrschen.
Jetzt müssen wir uns leider mit dem kleinen Amüsement zufriedengeben, dass ein Hauptschullehrer gnädigerweise Meinungsfreiheit zulässt.
Was wirklich zu der Katastrophe im Gaza-Streifen zu sagen ist, steht immerhin in der gleichen Zeitung, allerdings an ganz anderer Stelle:
http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Gazakrieg;art141,2700188
Bleibt die schwache Hoffnung, daß Herr Lehming das auch liest und nicht nur die Bulletins der israelischen Staats-Terroristen.
Ihre Frage ist unverständlich. Von seinem Ursprung her betrachtet ist Zynismus ohne Intelligenz nicht möglich. Unintelligenter Zynismus, wenn es denn so etwa gäbe, ist nichts anderes als Menschenverachtung gepaart mit Brutalität. Wenn ich’s recht bedenke, wird dieser Begriff heute tatsächlich meist so gebraucht. Soll sein. Menschenverachtung und Brutalität aber finden sich in dem Text von M . L. nicht.
Gemeint hat der Verfasser des Artikels den zweiten von 1990-91.
Deshalb hat er das gesetzte Ziel eben nicht erreicht, denn wenn ich nur eine Seite der Medaille betrachte kann ich mir das Ganze auch gleich sparen, weil es irrelevant ist.
ein schlimmes beispiel für möchte gern und kann nicht kommentar. das leid der palestinenser kann man nicht zynischer rechtfertigen.