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Auf den Punkt : Deutschland ist keine Scheibe

29.04.2010 14:13 Uhr
Gerd Appenzeller (neu) Foto: Mike WolffBild vergrößern
Gerd Appenzeller, Redaktionsdirektor - Foto: Mike Wolff

Gerd Appenzeller über unsere Verantwortung für Europa

Könnte der Euro, die Gemeinschaftswährung von 16 Staaten des Kontinents, an der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen zerbrechen? Einige Wochen sah es so aus, als lähme die Angst vor schwarz-gelben Stimmenverlusten an Rhein und Ruhr am 9. Mai die Entschlussfähigkeit der Bundesregierung. Kein Geld für die Griechen war die Devise, keine deutschen Steuern für die Pleitiers am nördlichen Mittelmeerrand. Fast hätte das in die Katastrophe geführt.

Es war am Mittwoch, dem 28. April in den frühen Abendstunden, als die deutsche Politik erkennbar begriffen hatte, dass es um die finanziellen Abenteuer der Hellenen nur ganz am Rande geht, nein, dass die Stabilität der gesamten Währungsunion gefährdet ist und dass Deutschland in der Europäischen Union eine Verantwortung hat, die uns in Jahrzehnten zugewachsen ist und der wir uns auch in den kommenden Jahrzehnten zu stellen haben.

Ohne Europa gäbe es kein vereinigtes Deutschland, und ohne Deutschland hätte Europa in der Welt kein Gewicht.

Vielleicht brauchte die Bundeskanzlerin am Abend des 28. April tatsächlich die gesammelte Präsenz des Weltbankpräsidenten, des Direktors des Internationalen Währungsfonds, des Chefs der Welthandelsorganisation und der Internationalen Arbeitsorganisation, damit die Deutschen und die Welt begriff: Hier im Kanzleramt geht es in diesem Moment um das Schicksal von hunderten Millionen Menschen. Es geht um ihre Zukunft, ihr Wohlergehen. Deshalb waren sie alle nicht nach New York oder Washington oder Paris oder London gekommen, sondern nach Berlin, ins Kanzleramt, um zu verkünden: Wir lassen Griechenland nicht vor die Hunde gehen.

Das war kein Moment für deutschen Größenwahn, sondern ein historischer Augenblick, weil in diesen Sekunden vor dem inneren Auge im Zeitraffer ein Erinnerungsfilm ablief. Ohne die hilfreichen Hände der Europäer (und der Amerikaner, ja) wäre der Kriegsverlierer Deutschland nicht wieder auf die Beine gekommen. Ohne das Vertrauen der Europäer hätte sich die geteilte Nation nicht wieder unter einem staatlichen Dach zusammenfinden können. Kein Land Europas profitiert wie die Deutschen von der EU und vom Euro - der, ganz nebenbei, die stabilste frei konvertierbare Währung der Welt ist.

Ein uneiniges Europa ist in der globalisierten Wirtschaft und Politik von heute ein Nichts, die 16 Euroländer und die 29 EU-Staaten jedes für sich im weltweiten Gewebe eine zu vernachlässigende Größe. Wer dieses Europa und diese Gemeinschaftswährung wegen vermeintlicher kurzfristiger regionaler Erfolge aufs Spiel setzt, oder weil er sturköpfig eine eigentlich überhaupt nicht zu finanzierende Steuerermäßigung erzwingen will, zerstört deutsche und europäische Interessen - irreparabel.

Unser Problem ist vermutlich, dass diese Europäische Gemeinschaft mit all ihren Vorzügen und befriedeten, aber natürlich nach wie vor vorhandenen Eigeninteressen, so selbstverständlich geworden ist, dass die Jüngeren gar nicht begreifen, was ihnen ohne Europa alles fehlen würde. Aber Deutschland ist keine Scheibe. Hinterm Horizont geht’s weiter, da leben unsere Nachbarn, von denen keiner mehr ein Feind ist.
Die Griechen haben geschummelt, ja. Iren, Spanier und Portugiesen haben fahrlässig gewirtschaftet, die Deutschen sind übrigens nur relativ genommen seriöser, all das muss sich bessern. Aber die Kraft dazu bringen wir nur zusammen auf, und die Bundesrepublik muss dabei vorangehen - jetzt, sofort, sonst ist zu spät.

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