Auf den Punkt : Drei Frauen für ein Hallelujah

20.07.2009 14:00 UhrVon Malte Lehming
Malte Lehming Foto: Kai-Uwe Heinrich
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) - Foto: Kai-Uwe Heinrich

Malte Lehming über Israels Siedlungen, Felicia Langer und das Gefühl für Proportionen

BerlinGemütlich ging's noch nie zu im Nahen Osten. Von dieser Regel bildet die Gegenwart keine Ausnahme. Das iranische Regime arbeitet mit Hochtouren an seinem Atomprogramm; militante Islamisten kämpfen um die Macht in Afghanistan, Irak, Pakistan, Libanon; Hamas und Hisbollah haben seit Libanon- und Gazakrieg erneut aufgerüstet; hinzu kommen der demographische Faktor, die zunehmende Wasserknappheit, der Terrorismus. Das sind keine schlechten Gründe für schlaflose Nächte.

Bloß in Deutschland braucht der Erregungspegel noch eine andere, die weibliche Dimension. Anders ist nicht zu erklären, warum die Gedanken jener, die sich um Israels Wohlergehen sorgen, nicht so sehr um Mahmud Ahmadinedschad kreisen als um Sabine Schiffer, Evelyn Hecht-Galinski und Felicia Langer.

Wenn Sie, lieber Leser, von diesen drei Damen noch nie etwas gehört haben, ist das nicht schlimm. Es gibt durchaus verzeihliche und leicht verschmerzbare Unwissenheiten. Und für die oft diskutierte Frage, ob Israel die sichere Heimstatt fürs jüdische Volk bleibt, haben die politischen Ansichten dieser drei Damen absolut keine Relevanz. Nullkommanull. Wer sich dennoch mit ihnen befasst, betreibt gewissermaßen ein Hobby. Das ist an sich okay. Der eine pflegt seinen Garten, der andere geht zum Bowlen, der dritte sammelt Briefmarken, der vierte liest die gesammelten Werke von Felicia Langer. All das ist besser als Rumhängen oder Musikantenstadl gucken. Ist es auch wichtig? Jeder Heimwerker hält seine Bastelei für wichtig. Also, es ist auch ein bisschen wichtig.

Skurril allerdings wird die Angelegenheit, wenn dieselben Leute, die sich leidenschaftlich über Felicia Langer echauffieren, dem US-Präsidenten vorwerfen, er würde mit seinen Einwänden gegen Israels Siedlungsbau das Gefühl für Proportionen verloren haben. Gegen Barack Obama werden plötzlich die großen Dinge ins Gefecht geführt (vom Iran bis zum Islamismus, siehe oben). Diese Replik hat einen richtigen Kern. Weder ist der Nahostkonflikt die Wurzel allen Übels in der Region, noch sind die Siedlungen die Hauptstolpersteine in Richtung Frieden. Doch selbst ein gut begründetes Ausweichmanöver kann zwei einfache Fakten nicht verdecken. Erstens: Alle US-Präsidenten waren seit 1967 gegen den Siedlungsbau. Sie unterschieden sich allenfalls in der Intensität ihres Widerspruchs. Zweitens: Der Siedlungsbau ist völkerrechtlich illegal. Kein Jurist von Weltrang bestreitet das.

Nun fordert Barack Obama einen Baustopp. Er nennt Unrecht Unrecht. Wer das kritisiert, darf sich nicht mit dem etwas weinerlichen Reflex begnügen, das sei unfair, einseitig und unverhältnismäßig. Das wirkt vielleicht so, bloß ändert das nichts daran, dass Obamas Forderung richtig ist. Wer sie grundsätzlich für falsch hält, befürwortet praktisch den Siedlungsbau. So einfach ist das.

Und so schwer zu verstehen für alle jene, die ihr Heil lieber in einer glorreichen Offensive gegen Sabine Schiffer, Evelyn Hecht-Galinski und Felicia Langer suchen.

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