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Auf den Punkt : Ossis sind auch nur Deutsche

15.04.2010 14:48 Uhrvon
Jost Müller-Neuhof (neu)Bild vergrößern
Jost Müller-Neuhof

Jost Müller-Neuhof über die abgelehnte Diskriminierungsklage einer Ex-Berlinerin

Wo steckt er nur, der Ossi? In Berlin ist er fast verschwunden. Dafür ist er jetzt im tiefen Westen aufgetaucht, ausgerechnet in Stuttgart, jener sauber-und-gemütlichen Wohlstandsmetropole, gesäumt vom Auto- und sonstwasproduzierenden Gewerbe, gesegnet mit den besten Restaurants des Landes, sagen Kenner. Unöstlicher geht's nicht. Dort prozessierte am Donnerstag Gabriele S., eine ehemalige Ost-Berlinerin aus Lichtenberg, gegen Diskriminierung. Sie hatte sich bei einem Unternehmen beworben, erfolglos, und als sie ihre Unterlagen zurückbekam, fand sie da notiert: "(-) Ossi". Ein Minus-Ossi? Sie wollte Schadensersatz nach dem Gleichbehandlungsgesetz.



Ein Witz? Tiefernst kündigte das Gericht an, zu diskutieren, ob der Ossi eine diskriminierungsfähige Ethnie ist, nur dann kann es Geld geben. Ein Volksstamm. Eine Kultur- und Traditionsgemeinschaft mit eigenen Herkunftssagen. Eine sich selbst definierende und von außen definierte Gruppe. So sehen Völkerkundler eine Ethnie.

Es wurde diskutiert, nur kurz, aber heftig. Der Unternehmer, ein Fensterbauer, jammerte über den Medienansturm. Die Auftragslage sei eingebrochen, er werde bedrängt und belästigt als einer, der Ossis fortjagt. "Ich bin es, der diskriminiert wird", sagt er. Dabei habe die Bewerberin fachlich nicht mithalten können, das Klammer-Minus diente der Aussortierung. Der Zusatz "Ossi" sei positiv gewesen, man habe beste Erfahrungen mit Kollegen aus dem Osten. Aber seine Mandantin sei nun mal abgelehnt worden, nur weil sie Ossi sei, sagte der Anwalt der Klägerin, die selbst dem Prozess lieber fernblieb.

Der Richter tat das einzig Richtige: Er bekniete den Fensterbauer, statt der geforderten 5000 Euro einen kleineren Betrag auf den Tisch zu legen, damit der Streit ein Ende habe. Aber der wollte nicht. Er wollte den Fall gewinnen. Längst hatte sich der schwäbische Unternehmer, er wird dieses Jahr 70 ("Ich arbeite immer noch!) selbst in die Ossi-Frage verbohrt. Also tat der Richter wieder das Richtige: Er ließ den Herrn gewinnen. Denn zwischen einem - möglicherweise - beleidigendem Ossi-Vermerk und einer rassistischen Diskriminierung, wie sie das Gleichbehandlungsgesetz verhindern will, liegen nun mal Welten.

Ossis sind auch nur Deutsche, lautet die an sich versöhnlich klingende Botschaft aus Stuttgart. Doch der Stein ist ins Wasser geworfen und er wird noch höhere Wellen schlagen als bisher; Herr E. will nicht zahlen, und Frau S. ("Im Herzen bin ich Schwäbin") sich auf Ulbricht komm raus das Recht erstreiten, nach über zwanzig Jahren im Westen immer noch als Ossi benachteiligt werden zu können.

Über das Ossi-Problem werden sich Völkerkundler und Juristen gleichermaßen beugen, vielleicht irgendwann auch Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Soziologen, Historiker und natürlich Politiker. Der Streit wird durch die Instanzen getragen werden, es kann bis zum Europäischen Gerichtshof nach Luxemburg gehen. So ist sie, unsere gemeinsame Ethnie: Frieden ist so leicht zu haben, doch fällt er ihr immer wieder schwer. Vor allem vor Gericht.

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