Bildungspolitik : Experimente am lernenden Objekt

Auch in Berlin dreht sich munter das Bildungsreformkarussell. Die Theoretiker der Erziehung sind unsere letzten Ideologen. Jetzt wird die Hauptschule abgeschafft, aber die Hauptschüler kann man nicht abschaffen, sie bleiben. Sie haben nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen.

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Karikatur: Klaus Stuttmann

Wer über Bildung redet, redet immer auch über sich selber. Wir alle waren auf der Schule.

Meine Eltern haben mich auf ein Gymnasium geschickt, sie hatten beide kein Abitur. In der Klasse waren wir zwei, drei Kinder, die nicht von Ärzten, Professoren, Pfarrern oder Apothekern abstammten (oder von Journalisten), wir erkannten einander sofort.

Natürlich gab es eine soziale Selektion. Sie bestand aber nicht darin, dass dieses Gymnasium keine Arbeiterkinder aufgenommen hätte. Sie bestand darin, dass wenige Arbeitereltern es wagten, dort anzuklopfen. Für die Professoren war es selbstverständlich. Von den, glaube ich, 26 Schülern der fünften Klasse haben, glaube ich, 18 am Ende das Abitur gemacht. Wir Underdogs waren alle dabei, unter den Professorenkindern waren Verluste zu beklagen.

Das Gymnasium, das ich mir als Ideal vorstelle, ist offen für alle Begabten, es schaut auf die Intelligenz und nicht auf die Abstammung. Aber es fordert auch Leistung. Jeder soll eine Chance auf Bildung bekommen, sage ich heute, aber er muss sie auch nutzen. Eine Abiturientenquote von 60 Prozent eines Jahrgangs, die durch Absenkung des Niveaus erreicht wird, ist in Wirklichkeit nur ein fauler Trick, eine Manipulation der Statistik, davon hat weder der Arbeitsmarkt noch der Abiturient etwas.

In der fünften Klasse kam unser Sohn auf ein staatliches Gymnasium. Heute würde ich ihn vielleicht sogar auf eine Privatschule schicken, wie inzwischen fast zehn Prozent aller deutschen Eltern. Er soll die bestmögliche Bildung bekommen. Damit tue ich wohl das, was ein Vater oder eine Mutter tun sollte – ich versuche, ihm den Weg in ein erfülltes Leben zu öffnen. Ganz bestimmt würde ich ihn, wenn er heute nach der Grundschule vor der Entscheidung stünde, nicht auf eine der neuen Sekundarschulen gehen lassen, die es ab dem kommenden Schuljahr in Berlin geben wird. Mein Sohn wäre mir zu kostbar für Experimente. Sein Wohl wäre mir wichtiger als das Wohl anderer Kinder.

Menschen sind eben so. Das hat nichts mit Herzlosigkeit oder fehlendem sozialen Gewissen zu tun. Ganz im Gegenteil. Der Tod eines nahen Verwandten schmerzt uns mehr als der Tod eines entfernten Bekannten, weil wir soziale Wesen sind. Wenn unsere Kinder uns egal sind, dann ist uns die Gesellschaft wahrscheinlich erst recht egal.

Alle Bildungsreformen, die von dem verantwortungsbewussten Teil der Elternschaft erwarten, dass sie etwas anderes tun als das, was sie für das Beste für ihre Kinder halten, sind zum Scheitern verurteilt. Eltern, die ihre Elternschaft ernst nehmen, werden immer für eine möglichst gute Ausbildung ihrer Kinder kämpfen, gesellschaftliche Probleme und das Wohl anderer Kinder werden ihnen vergleichsweise, und völlig zu Recht, egal sein.

„Möglichst gute Ausbildung“ muss natürlich nicht immer Gymnasium bedeuten. Aber das Gymnasium hat seit zweieinhalbtausend Jahren bewiesen, dass es funktioniert, dass es gebildete und lebenstüchtige Menschen hervorbringt. Eine recht eindrucksvolle Bilanz. Statt das Gymnasium zu bekämpfen, sollten die Bildungsreformer dafür kämpfen, dass mehr Kinder aus „bildungsfernen“ Familien (ein Politikerwort, um andere, wertende Worte zu vermeiden) aufs Gymnasium gehen dürfen. Sie sollten es aber nicht mit ihren üblichen schmutzigen Tricks tun, etwa, indem sie die Gymnasien zwingen, alle Schüler aufzunehmen, kurz, indem sie das Gymnasium zerstören und ihm nur noch seinen Namen lassen.

Fast alle Eltern wissen, dass in einer Schulklasse normalerweise nicht die Schwachen den Ton angeben, die Braven, die Streber mit den gemachten Hausaufgaben, sondern die scheinbar Starken und Lauten. Das sind die Rollenmodelle, jedenfalls bei den Jungs. Fast alle Lehrer wissen, dass zwei oder drei sogenannte schwierige Schüler das Lernklima einer ganzen Klasse ruinieren können. Es ist nicht so, dass die schwierigen Schüler (die nicht lernen wollen oder können, die laut sind, die gewalttätig sind, die ihre Lehrer offen verachten), dass diese schwierigen Schüler (die nichts dafür können, dass sie so sind) von den anderen lernen und ihr Verhalten den anderen anpassen würden. Eher ist das Gegenteil richtig.

Auf dieser falschen Grundannahme – die schwierigen Schüler lernen von denen, die keine Schwierigkeiten machen – basiert die gesamte heutige Bildungspolitik. Fast alle Bildungspolitiker und die meisten Bildungsexperten sind genau dieser Ansicht, deshalb sollen Kinder möglichst lange gemeinsam unterrichtet werden.

Das Lieblingsargument der Reformer ist die Pisa-Studie, in der ein Land mit Gesamtschulen, Finnland, am besten abgeschnitten hat. Allerdings haben auch Länder, die bei Pisa sehr schlecht abschnitten, Gesamtschulen – Mexiko zum Beispiel. Mangelhaft ausgestattete, übergroße Gesamtschulen in einer sozial schwierigen Umgebung führen ins Desaster, siehe Mexiko, siehe die deutschen Gesamtschulen der siebziger Jahre.

Die Theoretiker der Bildung glauben, dass sie es besser wissen als die Praktiker. Die Praktiker, das sind jene Eltern, die täglich mit echten Kindern zu tun haben. Die Praktiker, das sind auch viele Lehrer, die das sich seit Jahren erfolglos drehende Bildungsreformkarussell nur noch mit Sarkasmus ertragen. Statt die vorhandenen guten Schulen endlich zu stärken, mehr Schüler, mehr Lehrer, mehr Förderung, machen die Reformer den guten Schulen das Leben schwer und erfinden ständig etwas Neues.

In unserem Staat, der von einer ideologisch schwer einzuordnenden Kanzlerin regiert wird, ist die Bildungspolitik eines der letzten Reservate der Ideologen. Deshalb findet gerade eine Massenflucht der sogenannten „bildungsnahen Milieus“ aus dem staatlichen Bildungssystem statt.

Die zweite falsche Grundannahme der heutigen Bildungspolitik lautet: Mit der Bildungspolitik, ganz allein mit ihr, lassen sich gesellschaftliche Probleme lösen. In Wirklichkeit sind die Schulen damit überfordert. Sie brechen unter dieser Last zusammen. Eine gute Schule, wie wir sie kennen, kann und soll in Wirklichkeit vor allem eines leisten – sie kann Schülern etwas beibringen. Vielleicht schafft sie es auch, Persönlichkeiten zu formen und eine Lust am Lernen zu vermitteln, die lebenslang anhält. Das war immer die Aufgabe der Schulen, und das ist schwierig genug. Wenn eine Schule die frühe Erziehungsarbeit nachholen soll, die in vielen Elternhäusern nicht mehr getan wird, wenn sie grundlegende Sprachkenntnisse, motorische Fähigkeiten und soziale Grundkompetenzen vermitteln und womöglich sogar Kriminalitätsprävention leisten soll, dann handelt es sich um eine Schule neuen Typs, die völlig anders ausgestattet sein muss als die Schulen, die wir kennen.

Die deutschen Bildungspolitiker handeln wie Hausbesitzer, die sich eine grundlegende Sanierung nicht leisten können und deshalb ihr Haus alle paar Jahre neu anstreichen lassen.

Von welchen „gesellschaftlichen Problemen“ rede ich? Seit einigen Jahrzehnten gibt es eine nachlassende Nachfrage nach einfacher, gering qualifizierter Arbeit. Eine neue soziale Schicht ist entstanden, die lebenslangen Dauerarbeitslosen. Arbeit für fast alle wird es vielleicht nie wieder geben. Es ist auch nicht vorstellbar, dass jeder einen Hochschulabschluss erwirbt, und wenn es so wäre, dann gäbe es eben massenhaft arbeitslose Hochschulabsolventen. Bildung bedeutet, anders als oft behauptet wird, heute nicht mehr automatisch Aufstieg oder Karriere, davon kann das akademische Prekariat ein Lied singen, eine andere soziale Schicht, die gerade entsteht.

Die Dauerarbeitslosen verhalten sich durchaus rational, wenn sie sich in ihrer Situation einrichten, und wenn viele von ihnen ihre Lebensfreude im Alkohol, im ungebremsten Medienkonsum oder auch in der Kriminalität suchen. Haben sie eine Alternative? Würde ihnen ein Hauptschulabschluss etwas bringen? Braucht sie jemand? Bei Marx und Engels kann man lesen, wie das Industrieproletariat zu Beginn der Industrialisierung mühsam diszipliniert wurde, es ist dem Menschen nicht selbstverständlich, morgens um sechs Uhr aufzustehen und ein Leben im Takt der Maschinen zu führen. Jetzt braucht man bei uns das Proletariat nicht mehr, das Proletariat wohnt anderswo, und die Mühen der Selbstdisziplin sind sinnlos geworden, auch die Mühen der Erziehung.

Dazu kommen die Folgen einer Einwanderungspolitik, die den Einwanderern jahrzehntelang gepredigt hat, dass sie nur auf der Durchreise seien und dass Integration, somit auch Bildung, der Mühe nicht wert ist, bis man plötzlich begann, mit vorwurfsvollem Ton ihnen das genaue Gegenteil zu sagen. Eine gewisse Rolle spielt auch der Zerfall der verbindlichen Wertesysteme. In der klassischen Bildungsbürgerfamilie hat man nicht aus Karrieregründen Latein oder Geigespielen gelernt, sondern weil man Bildung für einen Selbstzweck hielt, für etwas Schönes, Erstrebenswertes, eine bewusstseinserweiternde Voraussetzung für ein gutes Leben, ob mit oder ohne Geld. Diese Idee verschwindet.

Ich bin ein bisschen sehr theoretisch geworden. Was heißt das alles konkret für die Schulen?

Das deutsche Bildungssystem ist nicht so undurchlässig, wie behauptet wird. 40 Prozent der bayrischen Studienanfänger kommen über einen anderen Weg als das klassische Abitur, jeder Handwerksmeister mit Hauptschulabschluss darf heute studieren. Manche Menschen sind Spätentwickler und haben erst mit zwanzig die Motivation, die nötig ist, für sie ist die Realschule genau das Richtige.

Wenn das deutsche Bildungssystem heute nicht einmal mehr in der Lage ist, jedem Lesen und Schreiben beizubringen, dann hängt das nicht in erster Linie mit diesem System zusammen, sondern damit, dass Bildung für zehn oder fünfzehn Prozent der Bevölkerung objektiv wertlos geworden ist. Es gibt für sie keine Chancen. Früher musste man als Arbeitsloser lesen können, um sich nicht zu langweilen, auch das ist dank des Fernsehens nicht mehr nötig. Es ist angenehmer und vernünftiger, mit Hartz IV morgens im Bett liegen zu bleiben, statt um sechs für einen Job aufzustehen, der 100 Euro mehr bringt als die staatliche Unterstützung. Jetzt wird die Hauptschule abgeschafft, aber die Hauptschüler kann man nicht abschaffen, sie bleiben. Sie haben nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen. Sie werden jetzt ihre Hoffnungslosigkeit und ihre berechtigte Wut in die ehemaligen Realschulen tragen.

Ich habe keine Lösung. Immerhin glaube ich zu wissen, dass die neue Sekundarschule die Lage nicht bessern, sondern eher verschlimmern wird, weil sie etliche, bisher immer noch funktionierende Realschulen zerstören und damit Tausende Schüler ihrer Lebenschancen berauben wird. Sicher, man könnte die „schwierigen Schüler“ in sehr kleinen Gruppen intensiv betreuen, man könnte versuchen, all das nachzuholen, was in ihren ersten Lebensjahren versäumt wurde, das würde in einigen Fällen auch gelingen. Man müsste differenzieren, statt alles in einen Topf zu werfen. Aber wo soll das Geld herkommen?

Ich habe keine Lösung, aber ich ahne, dass man sie nicht findet, indem man, wie seit Jahren, an unserem Bildungssystem herumbaut, Schulformen umbenennt und, wie ein ratloser Roulettespieler, die Chips mal hierhin, mal dorthin schiebt. Wenn es nicht mehr genug einfache oder handwerkliche Arbeit mehr gibt, für die vielen, die, aus welchem Grund auch immer, für andere Arbeit ungeeignet sind – wie soll deren Leben dann aussehen? Ist es gut, sie mit zwanzig Jahren zu lebenslänglichen Frührentnern zu machen, auf niedrigstem finanziellem Niveau, oder hat diese Gesellschaft ihnen vielleicht doch etwas Besseres anzubieten? Wer diese Frage beantworten kann, der hat auch die deutsche Bildungskrise gelöst.

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