PORTRÄT : Lech Walęsa: „Ihr solltet auf mich hören!“

10.06.2009 00:00 UhrVon Sebastian Bickerich

Polens Ex-Präsident war zu Besuch in Berlin - und hielt eine quietschlebendige Rede an eine aus seiner Sicht viel zu sehr mit sich selbst beschäftigte Nation.

Unberechenbar sei er, da hatten sie den Regierenden gewarnt; unendlich lange könne er reden, gelegentlich erratisch, dabei freilich immer unterhaltsam. Nur Letzteres traf dann aber zu, am Dienstag im Großen Saal des Roten Rathauses. Lech Walęsa in Berlin, das war ein bisschen wie eine Heimreise für den Solidarnosc-Führer und 65-jährigen Ex-Präsidenten Polens.

„Ich bin ein Berliner“, hatte Walęsa zuletzt, vor 17 Jahren, ins Gästebuch geschrieben; nun hatte Klaus Wowereit einen Preis für ihn zu vergeben, den höchsten, den er im Schrank hat: die Ernst- Reuter-Medaille. Seine routinierten Dankesworte für Walęsas Verdienste um die Einheit Berlins und Deutschlands verhallten dabei schnell im weiten, nicht ganz gefüllten Saal.

„Wir Deutschen sind dankbar für all das, was die Polen geleistet, aber auch erlitten haben für die Demokratisierung Europas“, sagte Wowereit, erwähnte artig Kriegsrecht, Entbehrungen und die großen am Hauptbahnhof und Unter den Linden hängenden Solidarnosc-Plakate mit Gary-Cooper-Motiv, die das Wahlvolk vor genau 20 Jahren zu den ersten freien Wahlen in Polen nach Krieg und Kommunismus bringen sollten. „Es begann in Gdansk!“, folgerte Wowereit mit politisch korrektem Ortsnamen.

Und dann Lech Walęsa! Erwähnt die Medaille mit keinem Wort und hält eine quietschlebendige Rede an eine aus seiner Sicht viel zu sehr mit sich selbst beschäftigte Nation. „Deutschland ist das wichtigste Land in Europa. Wenn ihr das nicht nutzen wollt, dann gebt uns die Macht, wir wissen schon was damit anzufangen“, sagt er mit feiner Ironie. Und fügt hinzu: „Ihr seid die führende Kraft Europas, ihr müsst Begriffe wie Globalisierung und Informationsgesellschaft jetzt mit Leben füllen“. Spürt da jemand, der sich als Werftarbeiter und politischer Mensch immer auf seine politische Intuition verlassen konnte – „ich habe immer nur getan, was unbedingt nötig war“, sagt er – spürt so jemand, dass Deutschland in Europa nicht mehr führen will? Dass den Deutschen das Schicksal Europas egal ist, siehe Europawahl?

„Wir haben eine neue Epoche für Europa erkämpft in Danzig. Jetzt müsst ihr euch kümmern“, sagt Walesa – und fordert, Unterschiede in Europa auszugleichen, damit „eure Mercedesse auch auf guten Straßen fahren können“. Und: „Wenn ihr mir schon so eine Auszeichnung gebt, dann müsst ihr auch auf mich hören“. Applaus. Sebastian Bickerich

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