Kommentare : Schröder und Homer

Von Roger Boyes, The Times

Der kulturelle Bruch in Deutschland verläuft zwischen jenen, die bei Troja an Heinrich Schliemann denken und denen wie mir, die zuerst an Brad Pitt denken. Seit „Ben Hur“ bin ich ein Fan des so genannten Sandalenstreifens. Charlton Heston, Burt Lancaster, Kirk Douglas, Mel Gibson – sie alle habe ich beobachtet, wie sie in Lederwams, Bräunungscreme und Toga Hackfleisch aus der englischen Sprache machen. Meine Ausrede für „Troja“: Ich wollte sehen, wie Hollywood Produzenten den Krieg neu erfinden, während Amerikaner – mit Stiefeln statt Sandalen – in der Wüste sterben. Alle Sandalenfilme, und auch die meisten Western, kann man auf dieser Folie betrachten: Hollywood ist das Valium Amerikas, es dämpft die Sinne und lässt Grausamkeit, Folter und Gewalt weniger real und damit erträglicher erscheinen.

Die Amerikaner konnten im Film nicht nur feststellen, dass die griechischen Krieger wie kalifornische Surfer aussahen, sondern auch, dass man Kriege aus trivialen oder falschen Gründen beginnen und trotzdem noch zum Helden werden kann. Das ist ein interessanter Aspekt und dient gewissermaßen als Ersatz für die fehlende Schauspielkunst. Aber in Berlin galt das Interesse des Publikums weniger der tieferen Botschaft über den Krieg als den langen, bronzenen Beinen und den Fersen von Achill. In Friedrichshain strömten so viele schwule Paare ins Kino als fände dort ein Klassentreffen des ChristopherStreet-Day statt.

Der wahre Wert von „Troja“ und allen Filmen, die die Klassiker plündern, ist ein anderer: Sie bieten den Zuschauern eine zusammenhängende Erzählung. Die Menschen wollen in ihrem Leben vollständige und befriedigende Geschichten haben. Doch die meisten leben in Episoden, mit solchen Biographien, die nur von Geburt, Liebe, Trauer und Tod eingeteilt werden. Stendhal hat den Roman mit einem großen Spiegel verglichen, der die Straße hinuntergetragen wird, und der das gesamte Leben reflektiert. Ist es das, was die Menschen heute wollen, kurze Reflektionen ihres Lebens in den Medien – mehr nicht?

Nein, ich glaube, es gibt das Verlangen nach einer ganzen Geschichte und die fehlt im Berliner politischen Leben. Es reicht für einen Kanzler nicht, zu glitzern und Meinungen wiederzugeben wie Stendhals Spiegel. Wenn er Opfer verlangt, dann muss er seinem Programm eine epische Dimension geben, Helden erfinden, Feinde erlegen, mit Leidenschaft kämpfen und die Niederlage nicht fürchten. Der Umbau Deutschlands ist zu einem homerischen Abenteuer geworden. Genau wie wir die Eitelkeit und Schwäche eines Achill ertragen, können wir lernen, Schröder wieder zu lieben. Zuerst muss er aber die Kunst des Geschichtenerzählens erlernen.

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