Meinung : Kommt ein Vogel geflogen

Möglich ist eine Pandemie – aber möglich ist alles: Wir sollten unsere Angst vor dem H5N1-Virus sinnvoll einsetzen

Bas Kast

Der Feind ist unsichtbar, winzig, 0,0001 Millimeter ist er nur groß, sehr hartnäckig, und er versteckt sich gut. Er kommt von oben angeflogen, aus dem Himmel. Noch verschont er uns. Noch hat er gar nicht richtig zugeschlagen. Er liegt auf der Lauer. Jederzeit könnte es so weit sein, jetzt, während Sie diese Zeilen lesen, könnte sich das Vogelgrippevirus H5N1 für seinen Feldzug gegen die Menschheit fit machen.

Dabei müssen wir unterscheiden: zwischen H5N1 und H5N1. Das eine ist das Virus, das seit etwa zehn Jahren in den Körpern von Millionen Vögeln wütet, den Menschen bislang aber nur in Ausnahmefällen attackiert hat. Weltweit kam es zu rund 170 Erkrankungen, fast alle in Asien, ein Großteil in Vietnam; die Hälfte der infizierten Menschen starb.

Und dann ist da jenes H5N1, das in keinem Vogel steckt, nur in uns. Längst springt es von Mensch zu Mensch. Wir sind millionenfach infiziert. Das Virus befindet sich in unseren Köpfen. Es ist das H5N1, das uns Angst macht. Das Angst-Virus hat sich in Deutschland in den letzten Tagen mit irrsinniger Geschwindigkeit verbreitet, schneller, als es der echte Erreger je könnte. Manche fragen sich schon, ob es noch sicher ist, unter einer Daunendecke zu schlafen.

Um es klar zu sagen: Die Angst vor der Vogelgrippe hat einen realen Kern. Die politischen Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, sind nicht etwa absurd. Immer wieder hat es weltweite Epidemien gegeben, Pandemien mit Millionen von Toten. Und im Moment sollten wir alles dafür tun, dass der Erreger nicht von den Wildvögeln auf die Nutztiere überspringt. Das ist die eine Seite.

Die andere ist die Schere zwischen gefühlter und realer Gefahr, die derzeit in Sachen Vogelgrippe so weit auseinander klafft wie nie zuvor. Wer heute aus dem Fenster blickt und einen Vogelschwarm vorbeiziehen sieht, sieht nicht mehr Boten des Frühlings, sondern Todesboten. Schon ein harmlos zwitschernder Spatz jagt so manch einem Schrecken in die Glieder. Schwäne, einst Sinnbild der Reinheit, mutieren vor unseren Augen zu fliegenden Ungeheuern. Horrorszenarien überschlagen sich: In Talk-Shows ist von einer WM mit leeren Stadien die Rede, von Mannschaften in Trikots, die geisterhaft den Ball vor sich hin kicken …

Und das Irritierende, das Beunruhigende ist, dass niemand die kursierenden Katastrophenvisionen ganz und gar ausschließen kann. Kein Experte wagt sich hinzustellen, um klipp und klar zu sagen: „Leute, entspannt euch, das mit den leeren Stadien ist Quatsch mit Soße!“ Im Gegenteil, es sind nicht zuletzt die Experten, die am eindringlichsten warnen. Zwar beschwören die Virologen und Epidemiologen und Politiker immer wieder unisono, es bestehe „kein Grund zur Panik“ (Aha – wann, bitte schön, bestünde je Grund zur Panik? Wann wäre Panik gut, wann wäre sie eine angebrachte, wünschenswerte Reaktion?), nur um im gleichen Atemzug zu sagen: Aber möglich ist sie schon, die Pandemie. Möglich ist alles. Die Fachleute raten uns, kein Tamiflu zu kaufen. Wenn man dann nachfragt, ob sie selbst welches im Kühlschrank liegen haben, lautet die Antwort gar nicht so selten, meist zögerlich vorgebracht: aber ja.

Möglich ist schließlich alles. Dass die Pandemie morgen da ist, das ist nicht wahrscheinlich. Aber möglich. Millionen Tote sind möglich. Aber auch das krasse Gegenteil ist drin: dass es nicht zu einer Pandemie kommt. Dass H5N1 wieder in der Versenkung verschwindet. Dass uns das Virus verschont. Die Bandbreite der Schätzungen reicht von einigen Hundert bis weltweit 150 Millionen Todesopfer – und sie alle sind wissenschaftlich absolut gültig, gleich gültig.

Damit muss eine Psyche erst einmal fertig werden. Gerade die Ungewissheit, die Ratlosigkeit selbst der Experten, ist Dünger für unsere Ängste. Sogar erfahrene Ornithologen zucken die Achseln, wenn man sie fragt, auf welchem Weg das Virus nach Deutschland gekommen ist. Noch dazu jetzt, lange vor dem Frühjahrszug der Vögel! Noch eine Frage: Sind Katzen, die Vögel fressen, gefährlich? Antwort der Experten: könnte sein.

Doch nicht nur die Ungewissheit füttert unsere Furcht. Die „Vorgehensweise“ des Virus ähnelt auf unheimliche Weise den Mechanismen des Terrorismus. Wie die „Zellen“ von Al Qaida, so scheint auch das Virus allgegenwärtig zu sein, ohne dass wir sagen könnten, wo es genau ist. Bis es zuschlägt. Das Virus stellt keine Forderungen, lässt sich nicht beschwichtigen, lässt nicht mit sich verhandeln. Wenn wir Glück haben, bleibt es noch eine Weile in Deckung. Aber wie lange noch? Monate? Jahre? Wer weiß. Strapaziert man den Vergleich mit 9/11, wenn man darauf hinweist, dass auch diesmal der Tod aus der Luft kommt? Ja. Aber das gerade ist ja ein Kennzeichen der Angst: dass sie sich auch von irrationalen Assoziationen nährt.

Dabei reichen unsere Ängste vor Vögeln vielleicht tiefer, spekulieren Angstforscher. Schon Alfred Hitchcock wusste sie in seinem Psychothriller „Die Vögel“ effektvoll in Szene zu setzen. Sicher ist: Vor allem Tiere können uns Angst und Bange machen, selbst harmlose Spinnen und Schlangen. Das könnte ein Erbe unserer Entwicklungsgeschichte sein. Jene haarigen Vorfahren in der afrikanischen Steppe, so die Überlegung der Evolutionspsychologen, die vor Schlangen zurückschreckten, überlebten – und wir sind die Nachfahren dieser Angsthasen. Einige Schlangen sind ja immerhin wirklich gefährlich, wenn auch nicht in unseren Breiten. Trotzdem, auch uns sitzt die Angst vor Schlangen in den Knochen. Vor Steckdosen, Pistolen oder Zigaretten zuckt dagegen kein Mensch instinktiv zurück.

Unsere Ängste sind eben oft irrational. Umso wichtiger ist es da, die Ratio zu Wort kommen zu lassen. Tatsache ist: Mit der Ankunft von H5N1 in Deutschland ist das Risiko für den Menschen nur minimal gestiegen. Tatsache ist: In der zehnjährigen Geschichte von H5N1 hat sich noch kein Mensch nachweisbar an einem Wildvogel angesteckt.

Es stimmt, von infiziertem Zuchtgeflügel geht auch für uns in Deutschland Gefahr aus. Aber selbst damit stünde noch keine Pandemie ins Haus. Es hätte Konsequenzen für die Bauern, die Seuchenversicherungen, die Wirtschaft. Schlimm genug. Unsere Gesundheit aber wäre davon kaum bedroht, weil bei uns nur wenige Menschen direkt mit Geflügel zusammenleben, anders als in China, Thailand oder Vietnam. Dort liegt die wahrscheinlichste Bruststätte eines Pandemievirus: Die gefährlichsten Herde sind jene Hinterhöfe in den ländlichen Gebieten Asiens, wo Mensch und Tier dicht unter einem Dach leben. Hier entstand H5N1, hier erhob das Lungenvirus Sars sein Haupt.

Trotzdem, die Angst bleibt. Aber selbst, wenn diese Angst teilweise irrational ist, ist sie unbedingt etwas Schlechtes? Angst hat durchaus ihr Gutes. Es ist zum Beispiel gut, wenn die Angst für das Selbstverständliche sorgt. Wenn etwa fortan alle Veterinärämter in Deutschland mit Schutzanzügen ausgestattet sind. Wenn die Behörden in Zukunft schneller reagieren. Gut ist auch, wenn die Angst dazu führt, dass wir uns wieder mehr impfen lassen. Gut auch, dass wir anfangen, uns über die Versorgungskapazitäten der Krankenhäuser im Katastrophenfall Gedanken zu machen. Denn selbst wenn H5N1 an uns vorbeigehen sollte, Epidemien, Pandemien werden uns immer bedrohen – deshalb lohnt die Investition in eine Infektionsschutz-Infrastruktur in jedem Fall.

Natürlich, manchmal wird die Angst vor einer möglichen Gefahr selbst zur Gefahr. Mal ganz abgesehen davon, dass Angst ein unangenehmer Zustand und auf Dauer unerträglich ist, kann sie auch direkt ins Verderben führen. Wenn jetzt etwa viele auf die Idee kämen, beim ersten Halskratzen Tamiflu zu schlucken, obwohl keine Pandemie in Sicht ist, könnten sich bald Virenstämme bilden, die resistent gegen das Medikament sind.

Angst hat immer ein ambivalentes Gesicht. Die Furcht vor dem Rinderwahnsinn BSE hat dafür gesorgt, dass BSE-Tests in Deutschland Routine geworden sind. Einerseits ist eine BSE-Katastrophe wohl auch auf Grund eben unserer Angst und den daraus resultierenden Taten ausgeblieben.

Andererseits nahmen die Ängste vor dem Rinderwahnsinn zeitweise absurde Züge an. Vor einigen Jahren befürchteten einige von uns, der Verzehr von Gummibärchen könnte das Hirn in einen Schwamm verwandeln. Damals ergaben Umfragen, dass Eltern die Gefahr, die von BSE für die Gesundheit ihrer Kinder ausging, als höher einschätzten als ungesunde Ernährung – eine Fehleinschätzung, die damit zusammenhängt, wie die Medien über Gefahren berichten und wie unsere Psyche funktioniert.

Wir alle, auch die Medien, reagieren besonders auf Katastrophen, die neu und unbekannt sind und von einer Minute auf die nächste auftreten können. Das Übliche und das Schleichende erregen dagegen nur ein Achselzucken. An schlechter Ernährung stirbt kein Mensch sofort. Bekanntlich kippt keiner um, nachdem er einmal Pommes gegessen oder ein Päckchen Zigaretten geraucht hat. Und doch: Wir in Deutschland sterben in erster Linie an Gefäßkrankheiten und Krebs. Daran würde sich selbst im Falle einer Pandemie nichts ändern.

An jährlich tausende Tote im Straßenverkehr sind wir gewöhnt, nehmen sie kaum zur Kenntnis. Dagegen den viel selteneren Flugzeugabsturz! Er findet immer Beachtung. Denn beim Flugzeugabsturz kommt es, anders als im Straßenverkehr, zum plötzlichen Tod zahlreicher Menschen, und das aktiviert unsere Angst.

Die Pandemie erfüllt all diese Angst-Kriterien, wobei es schon einige Monate dauern würde, bis die Epidemie die ganze Welt erfasst hätte. Lässt sich unter diesen Umständen überhaupt nüchtern mit der Vogelgrippe umgehen? Lässt sich unsere Furcht besänftigen? Vieles spricht dafür, dass sich die derzeitige Hysterie bald von selbst legen wird. Das Virus rückt weiter ins Land vor, wird in unsere Städte dringen. In den nächsten Tagen und Wochen werden immer wieder infizierte Tiere auftauchen, da aber diese Nachricht nicht mehr neu ist, werden wir uns nicht mehr so hemmungslos drauf stürzen wie im jetzigen Hype.

Dabei wäre es gerade wünschenswert, dass wir unsere Angst und Aufregung gleichmäßiger verteilen. Dass wir die Vogelgrippe auch in den kommenden Wochen und Monaten im Kopf behalten – ohne dabei in das kurzfristige Hyperventilieren der letzten Tage zu verfallen, nur um sich eine Woche später an die nächste Katastrophe im Kopf zu klammern. Ironischerweise könnte die Gefahr der Vogelgrippe gerade dann am größten sein, wenn schon keiner mehr das Wort Vogelgrippe hören kann.

Noch ein letztes Mal einige Fakten: Die Seuche BSE hatte bei uns keine Chance, obwohl viele schon die Apokalypse vor Augen hatten. Bis heute ist keiner in Deutschland an der menschlichen Variante des Rinderwahnsinns gestorben. Bei einem Ausbruch des Influenza-Virus H7N7 im Jahr 2003 in den Niederlanden infizierten sich 89 Menschen, die meisten hatten aus beruflichen Gründen engen Kontakt mit Geflügel. Ein Tierarzt starb. An dem Lungenvirus Sars erkrankten zwischen Ende 2002 und Sommer 2003 rund 8000 Menschen, 774 starben – in Deutschland gab es kein einziges Todesopfer.

Das Virus H5N1 ist aggressiver als H7N7 und Sars. Es wird sich weiter ausbreiten. Das Angst-Virus muss es nicht auch tun. Kein Gesetz garantiert, dass die Seuchen weiterhin gnädig mit uns umgehen werden. Es gibt keine absolute Kontrolle über die Natur. Unser sorgfältiger Umgang mit Seuchen jedoch hat die Gefahr für unsere Gesundheit in der jüngeren Vergangenheit minimiert. Eine gesunde Portion Angst wird dafür sorgen, dass wir wachsam bleiben, dass wir schnell und konsequent reagieren. Mehr Angst brauchen wir nicht.

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