Konjunktur : Nach der Krise ist vor der Krise

So vielversprechend die Meldungen aus der Wirtschaft klingen, so wahrscheinlich ist, dass der Boom nur von kurzer Dauer ist. Das Festhalten an extremer Exportabhängigkeit ist keineswegs allein Ausdruck der Überlegenheit deutscher Produkte, sondern vor allem eine Folge der Lohndrückerei. Ein Kommentar.

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Der Boom in der deutschen Wirtschaft baut in erster Linie auf die Nachfrage aus dem Ausland.
Der Boom in der deutschen Wirtschaft baut in erster Linie auf die Nachfrage aus dem Ausland.Foto: dpa

Auftragsflut für die Maschinenbauer, Exportboom für deutsche Autos und das Geschäftsklima so gut wie lange nicht – beinahe alle neuen Daten aus der deutschen Wirtschaft legen den Schluss nahe, nun sei sie endlich vorbei, die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Was als transatlantischer Bankenkrach begann wie einst in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, erscheint plötzlich als bloße Konjunkturdelle, unangenehm und teuer für den Steuerzahler, aber beherrschbar.

Doch so vielversprechend die Erfolgsmeldungen klingen, so wahrscheinlich ist, dass der Boom nur von kurzer Dauer sein wird. Denn er baut in erster Linie auf die Nachfrage aus dem Ausland und eben nicht auf steigende Umsätze und Investitionen im Lande selbst. So ist Deutschland nach wie vor im großen Umfang von der Entwicklung im übrigen Europa sowie den USA und China abhängig.

Dort aber werden nun die in der Krise aufgelegten staatlichen Konjunkturprogramme auf breiter Front zurückgefahren. Sei es aus Not wie in den überschuldeten Staaten der Euro-Zone sowie Großbritannien, Ungarn und im Baltikum. Oder sei es aus Vorsicht wie in China, wo der Staat nun schon so viele Autobahnen, Kraftwerke, Stahlwerke oder Hochhaussiedlungen auf Pump hat errichten lassen, dass bei Fortführung des Programms die staatlichen Banken in einem Meer aus faulen Krediten versinken könnten, weil ihre Kreditnehmer mangels Kundschaft, Umsatz und Steuereinnahmen die Schulden nicht mehr bedienen können.

Auch in den Vereinigten Staaten wird die Nachfrage nach deutschen Gütern eher sinken. Sowohl die Regierung als auch ihre Bürger müssen sparen. Amerikas Dauerboom der vergangenen zwei Jahrzehnte fußte fast ausschließlich auf stetig steigender Verschuldung der Konsumenten und der Volkswirtschaft insgesamt, ohne dass dem eine entsprechende Wertschöpfung im eigenen Land gegenüberstand. Nur die fiktive Wertsteigerung für Immobilien aller Art hielt die Konjunktur in Gang. Damit ist es endgültig vorbei. Die aus der Immobilienspekulation gespeiste Nachfrage wird nicht wiederkommen. Gleichzeitig kann das 700 Milliarden Dollar schwere staatliche Nachfrageprogramm nicht weiter verlängert werden. Die Staatsverschuldung der USA erreicht bald griechische Ausmaße.

Vor diesem Hintergrund ist es verantwortungslos, wenn Deutschlands Wirtschaftslenker in den Unternehmen und der Bundesregierung an der extremen Exportabhängigkeit der deutschen Ökonomie festhalten. Sie ist keineswegs allein Ausdruck der Überlegenheit deutscher Produkte, sondern vor allem eine Folge der Lohndrückerei, die – anders als in den meisten anderen europäischen Ländern – den Arbeitnehmern seit mehr als einem Jahrzehnt ihren Anteil am Zuwachs der Produktivität vorenthält. In der Folge stagniert die Binnennachfrage über alle Konjunkturzyklen hinweg. Das ist kein Ausdruck wirtschaftlicher Stärke, sondern eine Schwäche, die Deutschlands Volkswirtschaft höchst verwundbar macht und zudem die Stabilität des Euro untergräbt. Solange die Deutschen Exportüberschüsse innerhalb der Euro-Zone erwirtschaften, müssen andere Euro-Länder zwangsläufig Defizite anhäufen. Die daraus resultierenden Schulden können sie nur abtragen, wenn Deutschland mehr importiert, und sei es in Form von Dienstleistungen für deutsche Touristen.

Dafür aber müssen endlich die Masseneinkommen in Deutschland wieder steigen, und die Staatsfinanzen dürfen nicht auf Kosten von Arbeitslosen und Normalverdienern saniert werden, sondern über die Wiederherstellung eines fairen Steuersystems. In den zehn Jahren bis 2009, während die Lohneinkommen stagnierten und die Staatsverschuldung um 458 Milliarden Euro zulegte, wuchs das bei einer kleinen Minderheit konzentrierte Geldvermögen hierzulande um mehr als eine Billion Euro. Würde es gelingen, diese Summe wieder in Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zu verwandeln anstatt nach Finanzanlagen, müsste Deutschland den absehbaren Einbruch der Weltkonjunktur nicht fürchten.

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