Konjunkturprognosen : Panik gebiert Panik

Schlimmer als die ökonomische Lage in Deutschland und Europa im Moment geredet wird, kann sie eigentlich kaum werden. Die Bürger sind aber längst nicht so pessimistisch wie die, von denen sie regiert werden.

Ein Kommentar von Gerd Appenzeller

Wenn der alte Satz noch immer stimmt, wonach in der Wirtschaft Psychologie die halbe Miete sei, gibt es jetzt nur zwei Möglichkeiten: Entweder haben die meisten Wirtschaftsforscher und Politiker diesen Erfahrungssatz verdrängt und wollen sich nicht der Schönfärberei schuldig machen – oder sie argumentieren schlicht unverantwortlich. Schlimmer als die ökonomische Lage in Deutschland und Europa im Moment geredet wird, kann sie eigentlich kaum werden. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel, eher arbeitgebernah, spricht drohend von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 50 Jahren. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung, auch eher unternehmensorientiert, erwartet bis zu 600 000 Arbeitslose mehr. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung rechnet sogar mit einer weiteren Million Menschen ohne Job. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat als politische Leitwölfin schon früh die Devise ausgegeben: Wir müssen damit rechnen, dass 2009 ein Jahr schlechter Nachrichten wird.

Moment mal. Glücklicherweise gibt es da auch noch einen Regierungssprecher, der in diesen Schwall dunkler Prophezeiungen hinein die Warnung aussprach, angesichts fehlender Erfahrungen im Umgang mit einer solchen Krise dürfe man die Prognosen nicht überbewerten. Zur Erinnerung: Im Oktober 2008 gab es in Deutschland zwei Millionen weniger Arbeitslose als im gleichen Monat des Jahres 2005. Sollten also selbst pessimistische Einschätzungen zutreffen, wären immer noch weit weniger Menschen ohne Job als vor drei Jahren. Und damals wähnten wir uns, wenn die Erinnerung richtig ist, nicht gerade dem Untergang nahe.

Es geht nicht darum, die Lage rosig zu reden. Wochenlange Betriebsferien in der Autoindustrie und pessimistische Erwartungen der exportorientierten Unternehmen sind keine schönen Begleiterscheinungen der Wirtschaftsentwicklung. Aber die Euro-Zone hat sich als erstaunlich resistent gegen negative Einflüsse von außen erwiesen. Die Regierungen der Europäischen Union haben gemeinsam schnell und effektiv auf die drohende Finanzkrise reagiert. Konjunkturprogramme und Investitionen in die vielerorts marode Infrastruktur können stabilisieren. Sie helfen, Beschäftigung zu sichern und geben vor allem mittelständischen Unternehmen Arbeit. Da die Löhne 2007 und 2008 in wichtigen Bereichen erstmals seit Jahren wieder real gestiegen sind, wurde der inländische Konsum angekurbelt. Im Weihnachtsgeschäft war das überall zu spüren.

Die Bürger sind längst nicht so pessimistisch wie die, von denen sie regiert werden und wie die Wissenschaftler, die Wirtschaft und Politik mit Rat zur Seite stehen. Aber sie sind nicht leichtsinnig. Wenn sie nur noch negative Nachrichten aus der Welt der Ökonomie hören, dann kann das in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung münden: Wenn die Lage wirklich so ernst ist, muss jeder Einzelne sie auch ernst nehmen und sich durch sein Verhalten darauf einstellen.

Das heißt aber, dass jede Senkung der Sozialabgaben und jede Steuersenkung nicht notwendigerweise zu mehr Konsum und zu einer Ankurbelung der Inlandsnachfrage führen muss, sondern, Euro für Euro, auf dem Sparkonto landen wird. Die einzige Währung, die jetzt zählt, ist Vertrauen.

Vertrauen, dass Unternehmen nicht massiv Beschäftigung abbauen, weil die Situation gerade so günstig dafür scheint. Vertrauen, dass Kurzarbeit oder vorübergehende Arbeitslosigkeit durch staatliche Leistungen finanziell so abgefedert werden, dass sie nicht in einer schnellen Abwärtsbewegung im Elend enden. Vertrauen, dass Politik und Tarifpartner besonnen und vorausschauend reagieren. Vertrauen, dass die Parteien im bevorstehenden Bundestagswahlkampf über die notwendige politische Auseinandersetzung hinaus nicht das Wichtigste aus dem Auge verlieren. Und das ist: Angesichts der krisenhaften internationalen Entwicklung müssen Wahlkämpfer die existenziellen Sorgen der Menschen in den Mittelpunkt der Debatte stellen. Tun sie es nicht, bekommen sie die Quittung.

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