KONTRA Punkt : Im transatlantischen Graben

Obama mit seiner Kritik nährt Argwohn und enttäuscht Europa.

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Die Zahl der Provokationen nimmt zu. Sieht der amerikanische Präsident das nicht? Ist es ihm gleichgültig? Oder hat er eigentlich ganz andere Prioritäten? Europa und Barack Obama, das kann noch ein schwieriges Kapitel werden. Kann, weil nicht sicher ist, dass der Präsident im kommenden Jahr wiedergewählt wird. Und es kann auch sein, dass nicht alle Europäer – die ihn nach der zweiten Amtszeit von George W. Bush wie einen Messias willkommen geheißen haben – eine Abwahl bedauern würden. Nichts ist schlimmer als eine enttäuschte Liebe, sagt man.

Denn Obama hat einen Ton im Umgang mit dem alten Kontinent, einen Unterton, der dessen Sachwalter genau das heraushören lässt: alt zu sein, zu „old fashioned“, nicht mehr wirklich gewollt zu sein, langsam abgehängt zu werden. Die Rede des US-Präsidenten vor kurzem in Darwin in Australien, seine deutliche, ja demonstrative Hinwendung zum pazifischen Raum, hat den ohnehin schon bestehenden Argwohn noch verstärkt, dass Obama, der teils in Indonesien aufgewachsen ist, in Wahrheit ein „pazifischer Präsident“ und der erste in diesem Amt sein könnte, der den befürchteten „Shift“ wahrmacht.

Seit Monaten mahnen die USA in verschiedener Gestalt die Europäer, und kein Minister wird das ohne die Rückendeckung des Präsidenten tun. Zumal der selbst ebenfalls seit Monaten fordert, die Europäer sollten zupacken, sich schneller entscheiden, viel mehr Geld in der Euro-Krise bereitstellen. Die Europäer hingegen denken: Wie einfach sich das aus seiner Sicht sagt. Wie wenig Verständnis für demokratische Prozesse in einer Gemeinschaft nach Art der EU das offenlegt. Im Grunde genommen ist dies nach so vielen Jahren der transatlantischen Beziehungen erschreckend. Und oberflächlich. Einem Bill Clinton, der in Europa studiert hat, der Europa studiert hat, wären solche Worte in dieser Weise nicht über die Lippen gekommen. So wird hier gedacht.

Obamas Ratschläge werden wegen der Frequenz allmählich zu Schlägen. Was er fordert, ist das Ausüben von „Macht“. Welches Zeugnis er Europa damit ausstellt! Dass Europa zu einer abgestimmten Finanz- und Wirtschaftspolitik kommen muss – wer weiß das besser als die Europäer selbst? Nur, wer will sich das in dieser bedrängten Situation auch noch öffentlich vom amerikanischen Präsidenten sagen lassen müssen, der es in seinen Vereinigten Staaten von Amerika nicht zustande bringt, zwei Parteien am finanziellen und wirtschaftlichen Abgrund zu einen?

Was wahr ist und keiner der europäischen Staats- oder Regierungschefs so laut sagt, weil es „politically incorrect“ wäre: Die USA kommen in ihrem Kampf gegen die gigantischen Staatsschulden nicht voran, der politische Stillstand hat desaströse Folgen. Die Arbeitslosigkeit ist horrend. Keine gute Basis für einen, der belehren will. Und keine aus der Perspektive derer, die sich nicht zum ersten Mal belehrt fühlen.

Da wirkt dieser Satz des Präsidenten besonders nach: „Die USA stehen bereit, ihren Teil zu tun, um Ihnen (den Europäern) bei der Lösung zu helfen.“ Das sagt er in einer Weise, die in den Ohren mancher hierzulande arg besserwisserisch klingt nach dem Motto: Wenn ihr es selbst nicht schafft … Geld wollen die USA aber keines geben, in Einzelheiten wollen sie auch nicht gehen. Bleibt der Nachsatz, dass die Lösung der Krise „von enormer Wichtigkeit für unsere eigene Wirtschaft“ ist. Darum geht es nämlich, vor allem: um die USA. Man hört die Absicht und ist verstimmt.

Dennoch ist und bleibt eine Tatsache, dass die USA mit Europa wie mit niemand anderem verbunden sind. Gemeinsam mit der Europäischen Union erwirtschaften sie rund die Hälfte des globalen Bruttoinlandsproduktes. Sie sind mit einem Volumen von 667 Milliarden Euro im Jahr 2010 auch weltweit die größten Handelspartner. Es hängen insgesamt 15 Millionen Arbeitsplätze an dieser Beziehung.

Deshalb sollte der Umgang, sagen wir, pfleglich sein. Provokationen kosten nur, und zwar mehr als Nerven.

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