KONTRA Punkt : Macht es mit den Frauen wie die Türken!

In Sachen Emanzipation sind die Einwanderer inzwischen Avantgarde.

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Vergesst Thilo Sarrazin! Vergesst die Mär von den Integrationsverweigerern! Denn es gilt, eine kleine Sensation zu melden: Am vergangenen Wochenende beschloss der Bundeskongress der Türkischen Gemeinden in Deutschland (TGD) einstimmig eine Geschlechterquote. Mindestens 30 Prozent der Spitzenämter müssen künftig an Frauen vergeben werden. Die TGD ist der Dachverband türkischer Migranten und die größte Migrantenselbstorganisation in Deutschland.

Das ist praktizierte Emanzipation. Nicht reden, handeln. Was die meisten biodeutsch geführten Dax-Unternehmen nicht schaffen, wovor CDU und SPD sich drücken, das führt der türkisch-muslimische Verband ein. Gleichzeitig zu dem Beschluss tagten in Hamburg die Initiatorinnen von „ProQuote“. Sie fordern eine Frauenquote von 30 Prozent in den Führungspositionen der deutschen Medien. Anne Will, Sandra Maischberger, Dagmar Reim und Ursula von der Leyen unterstützen die Initiative. Nach Angaben von „Pro Quote“ werden nur rund zwei Prozent der Redaktionen von insgesamt 360 Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland von Frauen geleitet.

Wenn türkische Migranten bei der Frauenquote fortschrittlicher sind als die Einheimischen, ist etwas fundamental Wichtiges geschehen. Wie wirklichkeitsfremd wirkt auch vor diesem Hintergrund die Anfang März künstlich geschürte Aufregung um die Studie „Lebenswelten junger Muslime“ im Auftrag des Innenministeriums („Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren“). Es war grotesk, wie aus dem Zusammenhang der insgesamt vorbildlich und differenziert argumentierenden, nicht repräsentativen Analyse skandalträchtige Fitzelchen gerissen wurden, um das Vorurteil der radikal-religiösen, demokratie- und frauenfeindlichen Muslime zu nähren.

Dabei weiß man spätestens seit der Bertelsmann-Sonderstudie „Religionsmotor 2008 – Muslimische Religiosität in Deutschland“ von 2008, dass die in Deutschland lebenden Muslime zwar sehr religiös sind, aber weder dogmatisch noch fundamentalistisch. Kennzeichnend sind stattdessen ihre hohe Akzeptanz von religiösem Pluralismus und ein eher pragmatischer Umgang mit Religion im Alltag. Religiosität und Toleranz schließen sich nicht aus, vielleicht bedingen sie einander sogar.

Was heißt schon Integrationsverweigerung? Wer dem Satz zustimmt „Wir sollten in Deutschland die Kultur unseres Herkunftslandes bewahren“, kann trotzdem integriert sein. Sowohl-als-auch eben. So wie deutsche, irische und italienische Einwanderer in den USA heimatliche Erinnerungsrituale pflegen und gleichzeitig amerikanische Patrioten sind.

Und der Satz „Die Befolgung der Gebote meiner Religiosität ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe“ gilt auch für gläubige Christen. Im Zweifelsfall steht Gott über den weltlichen Gesetzen: Diese innere Verpflichtung durchzieht eine Reihe christlicher Dokumente - vom Augsburger Bekenntnis bis zur „Barmer Theologischen Erklärung“. Natürlich darf der Rechtsstaat keine Gesetzesverstöße dulden. Aber den Grundsatz der obersten Bindung an Gottes Wort und Gottes Gebote haben Christen und Muslime gemein.

Nein, es wird Zeit, den Spieß umzudrehen. Nicht nur, was die Einwanderer für das Land tun können, sollte gefragt werden, sondern was das Land für seine Einwanderer tut. Beispiel doppelte Staatsangehörigkeit: Mit dem Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht entfällt der Einwand einer möglichen doppelten Loyalität. Viele Studien belegen, dass Menschen, die keine Angst vor dem Verlust ihrer alten Nationalität haben, sich in der neuen Heimat eher integrieren als die, denen man die Entscheidungspistole an die Brust hält. Beispiel öffentlicher Dienst: In Deutschland leben 10,6 Millionen Migranten. Zehn Prozent Migranten im öffentlichen Dienst müsste als Quote drin sein.

Die türkischen Gemeinden sind derzeit Avantgarde in Sachen Emanzipation, das sollte die Einheimischen nicht davon abhalten, mit der Aufholjagd zu beginnen.

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