KONTRA Punkt : Politik und Charakter

Warum Gauck als Präsident eher spalten als versöhnen muss.

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Glaubwürdig kann nur der sein, der ist, wie er ist. Dem Gaukler droht der Verlust an Wahrhaftigkeit. Im amerikanischen Vorwahlkampf der Republikaner spielt derzeit der Begriff „authenticity gap“ eine wichtige Rolle. Sowohl Mitt Romney als auch Newt Gingrich haben mit dem Manko zu kämpfen, nicht authentisch zu wirken – der eine, weil er eine Gesundheitsreform kritisiert, die er selbst als Gouverneur auf den Weg gebracht hatte; der andere, weil er Werte predigt, die er im eigenen privaten Leben mit Wollust verletzt.

Wahrhaftigkeit ist eine Größe in der Politik, ebenso wie das schillernde Wort „Charakter“. Das vergessen Beobachter häufig, weil sie sich auf Parteien, Programme und Strategien konzentrieren. Dass Frank-Walter Steinmeier seiner kranken Ehefrau eine Niere spendete, ist für seine Popularität und politische Karriere entscheidender, als es seine früheren Leistungen als Bundesaußenminister sind. Bei Peer Steinbrück zählt nicht so sehr seine Krisenbewältigungsstrategie in Sachen Finanz- und Schuldenmalaise, sondern seine Bereitschaft, „klare Kante“ auch gegen die eigenen Genossen zu zeigen. Das imponiert.

Bei einem Charakter stimmen Form und Inhalt überein. Ins Negative gewendet können Form und Inhalt allerdings so weit auseinanderklaffen, dass das Gesagte durch die Mediokrität des Sagenden in den Hintergrund tritt. Siehe etwa die Führungsspitze der FDP.

Angela Merkel wiederum verstellt sich nicht. Sie ist zwar eine schlechte, emotionslose Rednerin, misstrauisch und in der Öffentlichkeit eher wortkarg. Aber darin bleibt sie sich treu. Der Verzicht auf Pathos und große Geste entspricht ihrer pragmatischen, fast drögen Art, Politik zu machen. Deshalb können ihr selbst Missgriffe und Salti mortali nichts anhaben. In wem hat sich Merkel nicht alles getäuscht! Horst Köhler, Christian Wulff, Karl-Theodor zu Guttenberg. Was hat sie nicht alles über Bord geschmissen! Die Kernenergie, die Wehrpflicht, das Konservative. Dennoch fällt das öffentliche Urteil über sie positiv aus. Wer dem Volk aufs Maul hört, begreift, warum. „Sie sagt kein böses Wort über andere.“ – „Sie ist doch so fleißig.“ – „Leicht hat sie es wirklich nicht.“ Der amerikanische Sozialwissenschaftler Amitai Etzioni hat „Charakter“ einmal als jenen „psychologischen Muskel“ definiert, „der es einem Menschen erlaubt, Impulse zu kontrollieren und Belohnung aufzuschieben, was für Erfolg, Leistung und moralisches Handeln grundlegend ist“. Merkel personifiziert Impulskontrolle und Frustrationstoleranz. In diesem Sinne hat sie Charakter.

Am kommenden Sonntag wird Joachim Gauck von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt. In der Allparteienkoalition (abgesehen von NPD und Linken), die seine Nominierung trägt, drückt sich die Sehnsucht nach einem politischen Charakter auch im höchsten Amt aus. Doch genau das macht die Sache knifflig. Wenn Gauck sich treu bleiben will, muss er dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hat, entsprechen. Er muss widerständig bleiben, anecken, unbequem sein.

Das heißt, Gauck muss eher spalten als versöhnen. Er muss, im positiven Sinne, eine Zumutung sein. Die innere Freiheit eines Christenmenschen, die er in seinen Reden und Ansichten stets überzeugend verkörperte, darf er im neuen Amt nicht einem großgesellschaftlichen Konsens opfern. Hier ein bisschen Integration, dort ein bisschen Freiheit, hier ein bisschen Solidarität, dort ein bisschen Verantwortung: Das geht nicht. „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel“, heißt es bei Matthäus. Jede Stromlinienförmigkeit Gaucks würde ihm als Zugeständnis an den Mainstream verübelt. Ein weichgespülter Gauck – das wäre ein Widerspruch in sich.

Vielleicht wäre ein Bundespräsident als Spalter statt Versöhner fürs Land sogar gut. Wenn etwa am Weltfrauentag die Chefredakteurin der „taz“, Ines Pohl, den männlichen Redakteuren der „Bild“-Zeitung Kaffee vorbeibringt, nährt das doch sehr den Verdacht, dass die Deutschen auf dem Weg in die Kuschelrepublik schon viel zu weit vorangeschritten sind.

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