KONTRA Punkt : Rainer und wir

Warum sich deutsche Männer über die Sexismusdebatte freuen.

von

Das deutsche Mann sitzt auf dem Sofa und lacht sich ins Fäustchen. Jenes Neutrum, das im Sommer weiße Socken in Sandalen trägt, das sich mit PSA-Werten (Prostata) auskennt und über die Läusebehandlung bei Kleinkindern fachsimpeln kann („nimm Nyda, alles andere ist Quatsch“), das bei der Lehman-Pleite mehr Geld verlor, als es durch den Bausparvertrag ausbezahlt bekommt, das übergewichtig ist und acht Jahre früher stirbt als die Frau, das sich von der Ayurveda-Therapie direkt in die Hände eines Coaches begibt, diesem Neutrum ist gerade ein Glück widerfahren, auf das es nicht mehr zu hoffen gewagt hatte.

Denn Deutschland hat eine Sexismusdebatte. In ihrem Zentrum steht das Verhalten des 67-jährigen FDP-Politikers Rainer Brüderle. Er soll sich vor einem Jahr gegen Mitternacht in einer Hotelbar gegenüber einer Reporterin anzüglich geäußert haben, was diese als übergriffig empfand. Sexismus gibt es in jedem Land. Das Machotum ist keine deutsche Besonderheit. Man schaue nur nach Russland (Wladimir Putin), Frankreich (Dominique Strauss-Kahn), USA (Bill Clinton, Arnold Schwarzenegger), Italien (Silvio Berlusconi), Israel (das halbe Kabinett).

Allerdings fällt auf, dass ein Typ wie Brüderle, der pfälzische „Plapper-Liberale“ („Die Zeit“) und ehemalige Minister für Weinbau, dem klassischen Macho-Image so gar nicht entspricht. In den Augen eines Putins oder Schwarzeneggers dürfte Brüderle nicht mal als Mann durchgehen. Es wäre interessant zu erfahren, was ein Russe, Italiener oder Franzose von der deutschen Sexismusdebatte hält. Ein falscher Anlass also, aber die richtige Debatte? Nein, so einfach ist es nicht.

Bis zu Beginn dieser Debatte war das größte Problem des deutschen Mannes ja nicht etwa, für zu männlich, draufgängerisch und casanovamäßig gehalten zu werden, sondern im Gegenteil: „Wenn der kleine Freund nicht mitspielt“, schrieb der „Stern“ und gab Tipps, wie der kleine Freund auch ohne Viagra wieder zum großen Freund wird. Mittels Vakuum-Erektionshilfen etwa. „Sie stülpen einen Hohlkörper über den Penis, aus dem Sie die Luft herauspumpen. Durch den Unterdruck strömt Blut in den Penis, er wird steif.“ Mit solchen Geschichten wurde versucht, dem deutschen Mann die Trübsal zu nehmen.

Zuvor hatte eine Auswertung der Krankenkasse KKH-Allianz ergeben, dass immer mehr Männer in Deutschland impotent sind. Ihre Zahl stieg um 13 Prozent, häufigste Ursache war die Psyche. Bei Frauen ging in demselben Zeitraum die Zahl derer, die an sexueller Funktionsstörung litten, um 15 Prozent zurück. „Stress im Job und dicke Wampe“, machte wiederum der „Focus“ als Hauptursache dafür aus, dass junge deutsche Männer vor 30 Jahren dreimal so oft Sex hatten wie heute. Pestizide und andere hormonähnliche Gifte schließlich werden dafür verantwortlich gemacht, dass die Zahl der Spermien bei Männern dramatisch zurückgeht.

Kein Wunder, dass Weltbild und Selbstwertgefühl dieses Neutrums schwer angeknackst sind. Die Frauen – auch jene mit Kindern – kommen prima ohne ihn aus. Halb trotzig, halb verzweifelt zieht sich der Mann in seine letzten Reservate zurück (Fußball, Boxen, Formel 1), trottet ins Fitness-Studio, um wenigstens optisch die Illusion maskuliner Identität zu nähren, lebt seinen Aggressionsüberschuss in Video-Ballerspielen aus und hat nur noch einen Wunsch – dass das andere Geschlecht nicht kapiert, was für eine erbärmliche Kreatur er ist.

Und genau diesen Wunsch haben ihm die Frauen jetzt mit der Sexismusdebatte erfüllt. In einem Land, in dem Rainer Brüderle als Macho gilt, ist für den Mann noch nicht alles verloren. Er schöpft wieder Hoffnung. Alle Medien, die ja überwiegend immer noch in Männerhand sind, beteiligen sich. Doch die Beflissenheit hat einen Hintergedanken: lieber Macho- als Versager-Image, lieber gefürchtet als verachtet werden. Alles spricht dafür, dass die deutsche Sexismusdebatte noch sehr lange dauert, zumal sie sich in ihrer nächsten Phase gegen türkische und arabische Einwanderer richten dürfte.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar