KONTRA Punkt : Was ergänzt werden muss

Würde ein Angriff auf Irans Atomanlagen den Weltfrieden gefährden?

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Von Günter Grass und seinen Freunden ist zweierlei im öffentlichen Raum hängengeblieben. Erstens die Behauptung, in Sachen Israel seien die deutschen Medien „gleichgeschaltet“. Von der Wortwahl abgesehen: Für die selbst ernannten „Tabubrecher“ kann es doch kaum überraschend gewesen sein, wie einhellig „Was gesagt werden muss“ verrissen wurde. Genau das sollte ja geschehen.

Das freilich lag nicht an den Kommentatoren, sondern an dem Gegenstand, der ihnen vorlag. Eine der saubersten, klug und ruhig vorgetragenen Textanalysen stammt von der Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel. Im Deutschlandradio erläuterte sie, warum und auf welche Weise das Gedicht „moderne antisemitische Klischees“ bedient. Denn vor allem das empörte die deutschen Journalisten. Was Israel betrifft, liegen zwischen „Welt“ und „Spiegel“ meist Kontinente. Beim Antisemitismus aber hört die Ansichtssache auf, eine Ansichtssache zu sein.

Nicht alles wird in Deutschland debattiert. Wir streiten nicht über die Todesstrafe, das Frauenwahlrecht oder die Gültigkeit rassistischer Theorien. Hätte Grass ein Plädoyer für die Todesstrafe verfasst, wäre das ebenso einmütig beklagt worden. Wer das als „Gleichschaltung“ beklagt, stellt sich außerhalb der zivilgesellschaftlichen Normen.

Der zweite wirkmächtige Grass-Satz lautet: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Auch in diesem Fall sei von der Verdrehung der Tatsachen und Umkehrung der Kausalkette einmal abgesehen. Der Schriftsteller meint, wohlwollend interpretiert, dass ein präventiver Erstschlag Israels gegen Irans Atomanlagen apokalyptische Ausmaße hätte. Diese Annahme stützt sich auf ein Bild vom Nahen Osten als ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. Würde ein solcher Luftschlag tatsächlich die Welt in einen Abgrund stürzen?

Das ist unwahrscheinlich. Weder 1981, als Israel den irakischen Reaktor in Ostirak bombardierte, noch 2007, als es eine Nuklearanlage in Syrien zerstörte, kam es zu nennenswerten Reaktionen. Auch der Iran ist international isoliert. Sein einziger Komplize, Syrien, steckt bis über beide Ohren in eigenen Problemen. Die Hisbollah im Libanon hat sich als politische Kraft etabliert und ein Stück weit von Teheran emanzipiert. Würde sie Raketen auf Israel abschießen, stünde ihr dasselbe Schicksal bevor wie 2006, wobei diesmal eine rasche Wiederbewaffnung via syrisches Territorium unsicher wäre. Noch weniger direkten Einfluss hat der Iran auf die von sunnitischen Islamisten geführte Hamas, die zunehmend ihre Ursprünge aus der ägyptischen Muslimbruderschaft betont.

Kurzzeitig könnte der Iran die Straße von Hormus verminen, was den Ölpreis nach oben triebe. Davon profitieren würden indes Irans Hauptkonkurrent Saudi-Arabien sowie Russland. Moskau würde daher zwar lamentieren, sich insgeheim aber freuen. Weder beim Kosovo- noch beim Irakkrieg gingen Russland und China über verbalen Protest hinaus.

Die größte Gefahr für Israel geht von den weniger als fünfzig Mittelstreckenraketen aus, über die der Iran verfügt (Shahab-3). Entscheidend ist daher die Eskalationsdominanz. Der Westen, angeführt von den USA, muss Teheran deutlich signalisieren, dass die Luftschläge begrenzt waren, „heiße“ Anlagen wegen des nuklearen Fallouts verschont wurden, dass man aber jederzeit in der Lage und willens sei, die Zentren der Macht anzugreifen – von der Infrastruktur über die Revolutionäre Garde bis zur politischen Führung. Die Luftabwehr des Iran ist miserabel und stützt sich überwiegend auf jenes veraltete Hawk-System, das die Amerikaner vor der Revolution an das Schah-Regime geliefert hatten.

Es gibt triftige Gründe, die gegen einen israelischen Präventivschlag sprechen. Der Erfolg einer solchen Operation ist unsicher, zudem würde das iranische Atomprogramm womöglich nur für wenige Jahre verzögert. Die Sorge um den Weltfrieden aber dürfte zum Glück unbegründet sein.

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