Kontrapunkt : Angela Merkels Substanz

Die Kanzlerin, meint Malte Lehming, hat keine gute Presse. Wulff, Guttenberg, Libyen-Enthaltung, Atomwende: Gescholten wird sie selbst für das, was sich später als Erfolg entpuppt.

von
Bundeskanzlerin Merkel ist zur Zeit in Indien zu Gast. Foto: dpa
Bundeskanzlerin Merkel ist zur Zeit in Indien zu Gast.Foto: dpa

In einer Kunstform hat es der deutsche Journalismus in den vergangenen sechs Jahren zur Meisterschaft gebracht – der Stilkritik. Im Zentrum der Stilkritik steht Angela Merkel. Sie ist, je nach Bedarf, zögerlich, überstürzt, europahörig, antieuropäisch, verschlossen, misstrauisch, prinzipienlos, unterphilosophiert, ängstlich. Ihre Partei hat sie identitätsentkernt, Deutschland wegen der Enthaltung zur Libyen-Resolution isoliert, zu lange an Karl-Theodor zu Guttenberg festgehalten, mit Christian Wulff den falschen Bundespräsidenten auserkoren, mit der Atomwende, die in Wahrheit ein Salto war, deutsche Politik unberechenbar gemacht. Interessant ist, dass diese Kritik inzwischen von links und von rechts kommt. Faz und taz, Welt und Rundschau tuten in dasselbe Horn.

Ach, wie glücklich ein Land, dessen klügsten Köpfe sich in Stilkritik erschöpfen! Spricht man mit Amerikanern, Franzosen, Griechen oder Spaniern, schlägt einem dafür blanker Neid entgegen. Wie gerne würden sie tauschen! Wie gerne würden sie auf brillante Reden von Barack Obama oder perfekt inszenierte Auftritte von Nicolas Sarkozy, begleitet von seiner schwangeren Carla Bruni, verzichten, wenn ihre Länder im Gegenzug nur halb so erfolgreich regiert würden wie Deutschland. Stilkritik ist ein Luxus, den sich nur leisten kann, dessen Substanz in Ordnung ist. Insofern ist die exzessive Stilkritik an Merkel ein verlässlicher Indikator dafür, wie gut es den Deutschen in Wahrheit geht.

Schauen wir kurz auf die Substanz: ein Wirtschaftswachstum, das in Europa seinesgleichen sucht; eine seit zwei Jahrzehnten historisch niedrige Arbeitslosenquote; die Zahl der Beschäftigten ist auf einem historischen Hoch; Kindergeld erhöht; Wehrpflicht abgeschafft und den Übergang in eine moderne Armee vollzogen; Atomausstieg bis 2022, verbunden mit einer Stärkung der globalen Zukunftstechnologie „Erneuerbare Energien“; mit Wulff einen Bundespräsidenten durchgesetzt, der inzwischen so beliebt ist wie alle seine Vorgänger; mit dem Atomausstieg die Union auch in Richtung Grüne koalitionsfähig gemacht; den Euro gerettet, ohne die notorische deutsche Zahlungsunwilligkeit überstrapaziert zu haben.

Das ist doch gar nicht schlecht. Was daran nun Zufall, Taktik, Fügung oder Geschick war: Darüber lässt sich lange räsonnieren. Was wirklich zählt, ist allein die Bilanz. Ein Wort noch zur angeblichen deutschen Selbstisolierung im Fall Libyen: Erstens war das Votum, im Unterschied zu Gerhard Schröders Irakkriegsnein, komplett schadensfrei. Die deutsche Enthaltung hat den Libyenkrieg weder delegitimiert, noch die Nato in irgendeiner Weise handlungsunfähig gemacht. Zweitens fällt auf, dass kaum ein Enthaltungskritiker inhaltlich argumentiert, nach dem Motto: Der Libyenkrieg ist eine humanitäre Pflicht. Wer aktuell beobachtet, wie die Nato in Tripolis jene Libyer umbringt, deren Tod sie in Bengasi verhindern wollte, den kann allerdings Zweifel am Sinn des Bombardements beschleichen. Auch hier wieder: Viel Stilkritik statt Substanzanalyse. Wer wissen will, wie sauer etwa Obama auf Merkel wegen Libyen ist, wird in der kommenden Woche Bauklötze staunen, wenn die Kanzlerin zu Gast im Weißen Haus ist und mit höchsten Ehren bedacht wird.

Und zuletzt: Wie maßlos deutsche Stilkritik an Merkel geworden ist, belegt nicht bloß der Blick über den Tellerrand, auf die Misere der anderen. Viel aufschlussreicher ist der Reflex, mit dem bereits jeder, der noch ein gutes Haar an ihrer Politik lässt, automatisch verdächtigt wird, sich als ihr Pressesprecher bewerben zu wollen. Merke: Kritik an Merkel – und damit das Geschäft der Opposition zu betreiben -, zeugt von einem kritischen Geist. Bei aller Stilkritik die Substanz nicht aus dem Auge zu verlieren, ist pure Regierungsapologetik.

In Diktaturen muss die Presse auf Seiten der Regierung sein. In Deutschland im Jahre 2011 muss die Presse auf Seiten der Opposition sein - freilich riskieren Abweichler hier weder Gefängnis noch gar den Tod. Das ist ein starker, schwacher Trost.

Autor

79 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben