Kontrapunkt : Angst vor zu viel Kraft

Es sieht gut aus für Hannelore Kraft. Sie könnte die NRW-Wahl am Sonntag gewinnen. Der SPD brächte das allerdings auch Schwierigkeiten ein - nämlich in der Kanzler-Frage.

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Ist sie vorbereitet für die Turbulenzen innerhalb ihrer Partei nach der NRW-Wahl? Hannelore Kraft trägt bei einem Wahlkampfauftritt in der Aluminiumproduktion in Essen jedenfalls schon einmal einen Schutzhelm.
Ist sie vorbereitet für die Turbulenzen innerhalb ihrer Partei nach der NRW-Wahl? Hannelore Kraft trägt bei einem...Foto: dpa

Sie will nicht, sagt sie. Das steht nicht zur Debatte, sagt er. Doch wenn die SPD nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen vor Kraft kaum noch laufen kann, dann könnte sich Sigmar Gabriel vor der Ministerpräsidentin hinknien und sie darum bitten, gegen Angela Merkel in den Kampf ums Kanzleramt zu ziehen. Denn wenn Hannelore Kraft schon einen möglichen Nachfolger Merkels schlagen kann, warum dann nicht auch gleich noch dessen Vorgängerin?

Tatsächlich entfernt sich Norbert Röttgen aus dem Nachfolgerkandidatenkreis mit jedem Tag etwas weiter, an dem er durch den Wahlkampf im Westen stolpert. Die Parteienlandschaft ist zwar seit dem Aufkommen der Piraten so zerpflügt wie ein westfälischer Acker vor der Aussaat, aber Hannelore Krafts Ernte könnte wegen der Unkonzentriertheit Röttgens üppig werden. Womöglich zu üppig für die SPD, die dann sogleich ein Thema serviert bekäme, auf dem sie lieber noch nicht herumkauen wollte: Wer wird denn nun Kandidat der Sozialdemokraten– und kann Kraft auch Kanzler?

Die Frage wird noch heißer, wenn man sich die Lage der anderen drei anschaut. Von Peer Steinbrück sind zwischen zwei Partien Schach mit Helmut Schmidt zwar immer wieder kräftige Worte zu hören wie die vom „europäischen Käsemanagement“; auch rät er seiner Partei mal zu diesem, mal zu jenem. Aber eine führende Rolle hat er nicht einnehmen können, seit seine Ambitionen Allgemeingut geworden sind.

Frank-Walter Steinmeier wiederum hat gerade als Vorsitzender der Bundestagsfraktion von seinen Abgeordneten signalisiert bekommen, dass sie so ganz dann doch nicht die seinen sind. Ausgerechnet auf seinem sonst sichersten Spielfeld nahm ihm die Fraktion im Lauf den Ball ab und verweigerte sich dem neuen Mandat für die Bundeswehr beim Anti-Piraten-Einsatz Atalanta. Es ist dies auch ein Zeichen für eine generelle Unruhe in der SPD: Man wünscht sich dort doch eine etwas klarere Opposition, als sie Steinmeier betreibt.

Bleibt der Parteivorsitzende, bleibt Sigmar Gabriel, der diese kräftigere Kante zeigt und zugelegt hat in den vergangenen Wochen. Aber will er überhaupt? Würde er wagen, gegen Merkel anzutreten? Oder reicht es ihm, das zu tun, was als sein Recht betrachtet wird, nämlich den Kanzlerkandidaten der SPD vorzuschlagen?

Aber egal welchen der beiden „Stones“ Gabriel nominierte, es würde sich für ihn ein bisschen so anfühlen wie eine Niederlage, schon vor der Wahl. Er wäre dann eben, obwohl Vorsitzender, unter drei Männern eingestandenermaßen nicht der beste, so groß die Geste auch wäre.

Ganz anders jedoch, schlüge Gabriel Hannelore Kraft vor. Als Zeichen seiner Stärke könnte das gelten, nach innen wie nach außen. Nur, wann wäre dafür der richtige Zeitpunkt? Ganz klar: nicht jetzt. Die nächste Bundestagswahl ist noch zu weit entfernt. Eine womöglich komplizierte Regierungsbildung in Düsseldorf mit mehr als nur zwei Parteien stünde dann auch noch unter einem ganz anderen Druck, würde als Blaupause für den Bund gesehen. Da könnten sich die Konturen einer Kanzlerschaft durchaus ganz schnell im Kleinklein verlieren.

Zu viel Kraft wäre also nicht unbedingt nur gut für die SPD. Ihr würde die Kandidatendebatte geradezu aufgezwungen, die drei Herren sähen womöglich allesamt blasser aus als die Dame, für die wiederum der Zug nach Berlin zu früh abfahren könnte.

Andererseits: Solche Probleme hätten sie gerne bei der CDU. Dort muss man sich nämlich, wie Norbert Röttgen erkannte, „bedauerlicherweise“ mit Wählern herumschlagen, die nicht der CDU angehören. Warum der gute Mann für diese Feststellung allerdings so dermaßen gescholten wird, ist nicht ganz verständlich. Denn eines hat er damit doch klargemacht: Egal ob er will oder nicht, seine Ambitionen auf mehr stehen derzeit nicht zur Debatte.

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