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Kontrapunkt : Arabischer Völkerfrühling: Hätten Sie's gewusst?

29.03.2011 09:35 Uhrvon
US-Präsident Barack Obama. Foto: ReutersBild vergrößern
US-Präsident Barack Obama. - Foto: Reuters

Barack Obama hat gesprochen. In Libyen werden die Werte des Westens verteidigt, sagte er. Die Unruhen in der arabischen Welt und wir - neun Quizfragen nach neun Kriegstagen.

Seitdem die "Odyssee Morgendämmerung" begann, wurden 1602 Lufteinsätze geflogen, 753 davon waren Angriffe. Am Montag verteidigte US-Präsident Barack Obama die Intervention in einer Rede an der "National Defense University" in Washington DC. Man müsse die Opposition in Libyen unterstützen, sagte er. "Wir müssen an der Seite derer stehen, die an dieselben Grundprinzipien glauben."

Da werden, zumindest für etwas betagte Leser, Erinnerungen wach. Die TV-Sendung lief 45 Minuten lang, wurde im Hauptprogramm ausgestrahlt und hatte hohe Einschaltquoten. "Hätten Sie's gewusst?" war ein Straßenfeger. Das ist ein halbes Jahrhundert her.

Höchste Zeit für eine kleine Aktualisierung.

Hätten Sie's gewusst?

- Der Aufstand gegen den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi begann Mitte Februar in der Stadt Bengasi. Aufgerufen zu dem "Tag der Revolte" hatte eine Gruppe mit dem Namen "National Conference for the Libyan Opposition" (NCLO). Die Wahl des Datums war kein Zufall. Just am 17. Februar, allerdings fünf Jahre zuvor, war es in Bengasi - der Hochburg der Aufständischen - bei gewalttätigen Protesten gegen die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" zu elf Toten gekommen. Eine vor Wut rasende Menge hatte das italienische Generalkonsulat angezündet, die Karikaturen als "direkte feindselige Aktion" bezeichnet und einen Boykott dänischer Produkte gefordert. Im Gedenken an die "Märtyrer" von damals und weil Gaddafi für sie der neue "Hauptfeind des Islams" ist, rief die NCLO zum Sturz des Tyrannen auf.

- Einer der Anführer der libyschen Rebellen heißt Abdel-Hakim al-Hasidi. Ihm unterstehen nach eigenen Angaben ungefähr tausend Mann. Dieser al-Hasidi hat eine bewegte Vergangenheit. Im Jahre 2002 war der Dschihadist nach Afghanistan gezogen, um die "ausländischen Invasoren" zu bekämpfen. Zuvor hatte er mehr als zwei Dutzend Gefolgsleute rekrutiert. Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet wurde er verhaftet, zuerst den alliierten Westmächten unterstellt, dann an Gaddafi ausgeliefert, der ihn bis 2008 inhaftierte. Al-Hasadi gehört zur "Libyan Islamic Fighting Group" (LIFG), die Al Qaida nahesteht.

- In Bengasi und anderen von den Rebellen "befreiten" Städten leben viele tausend schwarze Gastarbeiter und schwarze Libyer. Laut Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" werden sie gezielt gejagt, verhaftet und misshandelt, weil man sie beschuldigt, Söldner Gaddafis zu sein.

- Der populäre arabische Satellitensender "Al Jazeera" gehört der steinreichen Königsfamilie von Qatar, die wiederum ein Erzfeind Gaddafis ist. Einer der einflussreichsten religiösen Kommentatoren auf "Al Jazeera", Yusuf al-Qaradawi, wurde in Ägypten geboren und ist eng mit den Muslimbrüdern verbandelt. Regelmäßig segnet der Prediger mit glühenden Worten die Revolte gegen Gaddafi und lobt die westliche Militärintervention.

- Auch der Präsident des Tschad, Idriss Deby Itno, ist ein Gegner Gaddafis. In einem Punkt allerdings gibt er ihm recht: Al Qaida habe die Revolte mit angezettelt. Aus den Waffenbeständen der Rebellen, im Osten Libyens, hätten Mitglieder der Organisation "Al Qaida in the Islamic Maghreb" (AQIM) nun Boden-Luft-Raketen in ihr Gebiet in Tenere geschmuggelt. "Das ist sehr ernst", sagt Deby Itno, "AQIM wird dadurch zu einer richtigen Armee, der am besten ausgerüsteten in der ganzen Region."

- Der tunesische Rapper "El Général" - ein 22-jähriger Pharmaziestudent mit dem Namen Hamda Ben-Amour - hat die Protesthymne der arabischen Jugendrevolution geschrieben. "Rais Lebled" ist eine Frontalattacke gegen den tunesischen Ex-Präsidenten Ben Ali. Darin heißt es "Herr Präsident, Ihr Volk stirbt." Diesen Refrain wiederholten später die Demonstranten in Ägypten, Bahrain, Algerien und Marokko. "El Général" stammt aus einer sehr religiösen Familie, seine Mutter und seine Schwester tragen Kopftuch. Er ist stolz darauf, auch den Song "Allah Akhbar" geschrieben zu haben. Darin beklagt er eine Welt, in der "Juden die Herrscher" und "Muslime die Sklaven" seien. "Die Araber werden morgen in ihrer ganzen Größe auferstehen. Ich folge dem Islam und erkläre allen den Krieg, die den Islam ablehnen, demütigen und beleidigen."

- Salwa al-Housiny Gouda ist eine 20 Jahre alte Ägypterin, die gegen Hosni Mubarak demonstriert hatte. Nach dessen Sturz begann ihr Leiden. Zusammen mit 19 anderen Frauen wurde sie am 9. März auf dem Tahrir-Platz von Militärkräften verhaftet. Zuerst wurden sie an ein Gitter gekettet, geschlagen und mit Elektroschocks malträtiert. Dann kamen sie in ein Militärgefängnis und mussten einen "Jungfrauentest" über sich ergehen lassen, durchgeführt von einem Mann. Das berichtete am vergangenen Sonnabend die "New York Times". Zwei Tage zuvor schilderte dieselbe Zeitung, wie die Muslimbrüder in Ägypten längst die jungen, säkularen Demokratieaktivisten verdrängt haben. Offenbar hätten die Islamisten mit dem Militär ein Bündnis geschlossen.

- US-Außenministerin Hillary Clinton sagte am vergangenen Sonntag, dass die USA keinesfalls in Syrien intervenieren würden. Der Grund ist klar: Trotz seiner Nähe zum Iran gilt Bashar Assad als einzige Kraft, die ein weiteres Vordringen der Hisbollah im Libanon verhindern kann. Überhaupt hat Teheran bislang am meisten vom "arabischen Völkerfrühling" profitiert. Hosni Mubarak war anti-iranisch, libysche Geheimdienste halfen dem Westen beim Kampf gegen den von den Mullahs finanzierten Terrorismus.

- Ungefähr in demselben Zeitraum, in dem der Westen gebannt auf die Entwicklungen in Arabien schaute, bis er in Libyen schließlich sogar intervenierte, sind in der sudanesischen Provinz Darfur rund 70.000 Menschen vor Kämpfen geflohen. Allein im größten Flüchtlingslager leben inzwischen mehr als 160.000 Menschen. Ihre Grundversorgung ist akut gefährdet. Nach UN-Schätzungen sind seit 2003 rund 300.000 Menschen als Folge des Konflikts in Darfur ums Leben gekommen. Weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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