Kontrapunkt : China, der globale Sündenbock

Die Euro-Finanzminister sagen es, die US-Regierung sagt es und zuletzt ist auch Wirtschaftsminister Brüderle dem Chor beigetreten: Die Chinesen sind schuld. Doch es ist verlogen, China eine Manipulation einer Währungsordnung vorzuwerfen, die es gar nicht gibt.

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Warnungen vor einem "Währungskrieg" machen die Runde.
Warnungen vor einem "Währungskrieg" machen die Runde.Foto: dpa

China, so lautet der Vorwurf, betreibe "Währungsdumping" und verschaffe so seiner Exportindustrie unfaire Preisvorteile. Indem Pekings Zentralbanker die aus den Exporterlösen ins Land strömenden Dollar, Euro und Yen zum Festkurs kaufen, würde der Kurs des Renminbi Yuan "künstlich" niedrig gehalten, heißt es. Darum sei es Chinas Regierung, die nun einen weltweiten Wettlauf um Abwertung der jeweils eigenen Währung provoziere, tönt es aus den westlichen Regierungszentralen von Tokio bis Berlin.

Doch so richtig die Warnung vor einem destruktiven "Währungskrieg" ist, wie der brasilianische Finanzminister Guido Mantega das Geschehen an den Devisenmärkten nannte, so falsch ist die einseitige Schuldzuweisung an die Regenten in Peking. Dabei verrät schon die Wortwahl der China-Ankläger die ideologische Prägung ihrer Argumente. Indem sie Pekings Währungslenkern die "künstliche Manipulation" des Renminbi-Kurses vorwerfen, unterstellen sie, es gäbe so etwas wie eine "natürliche" Ordnung des Währungssystems. Aber eine solche hat es nie gegeben. Schon immer war das Wertverhältnis zwischen den jeweiligen Währungen abhängig von politischen und staatlichen Vorgaben und Verabredungen. Schließlich sind es immer vorrangig die staatlichen Notenbanken, die mit ihrer Geldpolitik, ihren Zinssätzen, ihrer Kreditvergabe an die Banken und seit neuestem auch wieder dem Kauf von Staatsanleihen, also der Finanzierung von Staatschulden über die Geldschöpfung, den Wert der jeweiligen Währungen zueinander beeinflussen.

Wenn nun also die amerikanische Notenbank die Welt in den vergangenen zwei Jahren mit mehr als 1000 Milliarden zusätzlichen Dollar überschwemmte und damit den Dollarkurs weltweit auf Talfahrt setzte - allein der Dollarwert des Euro stieg im letzten Halbjahr um fast 20 Prozent - dann ist das nicht weniger manipulativ als das chinesische Festkurssystem. Nur offenbar glauben die Hüter der bisherigen Weltwährungs(un)ordnung, der "natürliche" Gang der Dinge bestehe darin, dass sich der Rest der Welt dem "künstlich" herbeigeführten Verfall der globalen Leitwährung anzupassen habe. Denn genau das war das Prinzip der seit vier Jahrzehnten betriebenen US-Geldpolitik. "Der Dollar ist unsere Währung, aber Euer Problem", hatte schon John Conally, der Finanzminister der US-Regierung unter Präsident Nixon, erklärt, als seine Regierung mit der Inflationierung des Dollar zu Beginn der siebziger Jahre das einst im amerikanischen Kurort Bretton Woods ausgehandelte System der festen Wechselkurse sprengte, das den westlichen Volkswirtschaften in der Nachkriegszeit Wohlstandszuwächse von nie gesehener Größenordnung beschert hatte.

Mal operierte die US-Notenbank Federal Reserve dann mit Hochzinsen im zweistelligen Bereich, um der Inflation Herr zu werden, und trieb damit zahlreiche Entwicklungsländer in den Ruin, weil sie die Zinsen für ihre Dollarschulden nicht bezahlen konnten. Mal drückte die Fed dann gemeinsam mit der Bank of Japan binnen eines Jahres den Yen-Kurs um 60 Prozent und löste damit 1997 die Finanzkrise in den asiatischen Tigerstaaten aus, deren Exportindustrien plötzlich nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Und nun ist es wieder die künstliche Dollarflut, die den brasilianischen Real, den thailändischen Baht, den koreanischen Won und viele andere Währungen auf neue Spitzenkurse hebt und die jeweiligen Regierung zwingt, ihrerseits Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Eben dieser Mechanik aber haben sich Chinas Währungslenker niemals unterwerfen wollen. Als während der Asienkrise ein Abwertungswettlauf der asiatischen Aufsteiger drohte, war dies der damaligen US-Regierung noch sehr recht. Bob Rubin, seinerzeit Washingtons Finanzminister, war damals voll des Lobes über China als einem "Hort der Stabilität" inmitten des asiatischen Währungschaos, weil Pekings Zentralbanker trotz Wettbewerbsnachteilen an ihrem Renminbi-Kurs festhielten. Erst als China mit der Zeit immer höhere Überschüsse im Handel mit den USA erzielte und damit - wegen der zugehörigen Dollarkäufe - zum größten Käufer amerikanischer Staatsanleihen und Amerikas größtem Gläubiger aufstieg, war Chinas Stabilitäsregime nicht mehr erwünscht. Ursache dafür sei aber keineswegs "die Unterbewertung des Renmimbi Yuan, sondern die Abwertung des Dollar", hielt der chinesische Top-Ökonom Fan Gang, schon 2006 den Kritikern entgegen. Nicht Chinas Wechselkurskontrolle, sondern "die inflationäre Geldpolitik der USA" sei "die Wurzel des Problems", erklärte Fan, der bis vergangenen März auch dem geldpolitischen Ausschuss der Zentralbank angehörte. Darum sei "der Dollar kein stabiler Anker mehr für das globale Finanzsystem", erklärte Fan rundheraus, es werde "Zeit, nach Alternativen zu suchen".

Genau das, eine Währungsordnung, die von allen Beteiligten eine Anpassung ihrer nationalen Währungspolitik zum Zweck einer weltweiten Stabilisierung und eines Ausgleichs der Handelsbilanzen abverlangt, haben Amerikaner, Europäer und Japaner bisher noch immer strikt abgelehnt. Vor diesem Hintergrund ist es verlogen, allein China zu einer Aufwertung zu drängen, während sich sonst nichts ändern soll. Zumal eine Aufwertung des Renminbi allein das Problem des amerikanischen Handelsdefizits kaum bessern würde. In der Zeit von 2005 bis 2008, als China auf amerikanischen Druck den Kurs des Renminbi um 22 Prozent steigen ließ, ist Amerikas Defizit im Handel trotzdem gestiegen. Chinas Waren wurden in Dollar gemessen teurer, trotzdem konnte die US-Industrie dafür keineswegs mehr exportieren oder Importe ersetzen.

Gewiss, China wird eher früher als später die Exportabhängigkeit seiner Ökonomie zu Gunsten von mehr Konsum und inländischer Nachfrage nach Importen überwinden müssen. Die Anhäufung immer größerer Devisenreserven, die jetzt schon den Umfang von 2,5 Billionen Dollar erreicht haben und überwiegend Amerikas und Europas Staatsschulden finanzieren, verschwendet nur die Mittel, die eigentlich dringend für die Gesundheits- und Altersversorgung der Bevölkerung gebraucht werden. Das ist auch den Regenten in Peking klar. Doch die Umsteuerung gelingt gewiss nicht, wenn mit einer schockartigen Aufwertung des Renminbi Millionen von Arbeitern in den Exportindustrien ihre Jobs verlieren. Verhandelbar dagegen wäre sicher auch für die Wirtschaftslenker in Peking eine graduelle Aufwertung über längere Zeit. Nur müssten sich Amerikaner, Europäer und Japaner dafür im Gegenzug auch auf die verbindliche Vereinbarung eines neuen Währungssystems einlassen, bei dem eben nicht jeder machen kann was er will, nur weil es die jeweilige heimische Konjunkturlage gerade verlangt. Die derzeitige US-Geldpolitik, die immer mehr "Liquidität" in Form von billig verfügbaren Krediten in die Finanzindustrie schleust, so mahnte jüngst auch Amerikas Nobel-Ökonom Joseph Stiglitz, bringe "für die US-Wirtschaft gar nichts, aber sie stürzt den Rest der Welt ins Chaos". Sollten die US-Regierung und ihre Verbündeten sich dieser schlichten Erkenntnis weiterhin verweigern, wird der Währungskrieg weiter eskalieren.

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