Kontrapunkt : Der Bufdi - Ergebnis einer Eilreform

Die Bundeswehr-Reform zieht einen Rattenschwanz von Problemen hinter sich her. Der neue Bundesfreiwilligendienst ist ein Hilfskonstrukt - die Zivilgesellschaft braucht eine Lösung, die ihren Anforderungen gerecht wird.

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Der Bundesfreiwilligendienst - kurz: Bufdi - soll den Zivildienst ablösen. Foto: dpa
Der Bundesfreiwilligendienst - kurz: Bufdi - soll den Zivildienst ablösen.Foto: dpa

Der Zivildienst brachte Generationen junger Menschen dazu, sich zum ersten und vielleicht einzigen Mal in ihrem Leben für andere einzusetzen und einen Beitrag zu leisten. Seit die aus militärstrategischer Sicht richtige Entscheidung gefallen ist, die Wehrpflicht auszusetzen, sollte ein Bundesfreiwilligendienst den ehemaligen Zivildienst ersetzen, aus Zivis sollten Bufdis werden – nur findet sich kaum jemand, der mit diesem grausigen Namen angeredet werden will. Natürlich geht es bei dem Dilemma nicht um Sprachschönheit, auch wenn allein die Bezeichnung Bufdi befremdlich wirkt und sich für die Ohren junger Menschen eher nach Kiffer als nach einem sozial engagierten Menschen anhört.  

Mit der Einführung des Bundesfreiwilligendienstes wird eine Institution der deutschen Zivilgesellschaft abgeschafft – und keinen scheint es wirklich zu stören. Wer sich in der Welt des freien Marktes dem Nachteil aussetzt, Bufdi zu werden und ein Jahr später dran zu sein als seine Konkurrenz, soll mit lächerlichen 330 Euro abgespeist werden. Wer freiwillig zur Bundeswehr geht, verdient dagegen 1000 Euro. Ist dieses Ungleichgewicht der Grund dafür, dass die bislang 3000 Freiwilligen vom Familienministerium als Erfolg hingestellt werden? Hätte man bei solch mieser Bezahlung etwa noch weniger erwartet? Insgesamt gibt es zwar 17300 Freiwillige, doch 14300 von ihnen sind Zivildienstleistende, die freiwillig länger bleiben. Ende 2009 haben noch 90000 Zivis deutschlandweit Jugendherbergen betreut, Senioren versorgt, gepflegt und transportiert. Bei den Bufdi-Vorgängern war die Diffamierung auch noch nicht im offiziellen Namen festgeschrieben, für sie wurden abwertende Begriffe extra erfunden: So wurden aus „Vaterlandsverrätern“ die „Urinkellner“. Am Kern der Sache aber, dass der Dienst aus gesellschaftlicher Sicht einfach Sinn macht, ändert das nichts. In den letzten Jahren hat er in der öffentlichen Meinung eine massive Aufwertung erfahren, die Abschaffung kommt in einer alternden Gesellschaft somit zu einem doppelt ungünstigen Zeitpunkt.

Die unzureichende Bezahlung und die in deutschen Städten kaum wahrnehmbare Werbung sind nicht die einzigen Probleme. Es gebe für den Bundesfreiwilligendienst keine vernünftige gesetzliche Grundlage, fasst der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zusammen. Das ist noch nett ausgedrückt: Ob bei der Beschäftigung von Hartz IV-Empfängern oder der Frage nach einem Weiterbezug von Kindergeld für die unter 25-Jährigen, überall klemmt es. Die im Eiltempo durch die Institutionen geprügelte Bundeswehr-Reform zieht somit einen Rattenschwanz von Problemen hinter sich, der nicht kürzer zu werden scheint.

Bevor die Politik jetzt eventuell reagiert und eine Eil-Reform der Eil-Reform beschließt, die doch nichts an der schleichenden Abwicklung der Institution Zivildienst ändert, sollte sich die Frage nach einer großen Lösung stellen. Warum nicht ein verpflichtendes Sozialjahr für alle nach der Schule, ein halbes für Frauen, der Gerechtigkeit wegen? Die Kosten wären enorm – der Nutzen aber noch größer. Die Gesellschaft braucht immer mehr Pflegekräfte und niemand sollte erwarten, das Problem mit japanischen Pflege-Robotern oder (wiederum unterbezahlten) Arbeitskräften von außerhalb zu lösen. Der Zusammenhalt der Generationen und das Gefühl zu helfen werden gesellschaftliche Kräfte freisetzen. Wer stattdessen immer noch lieber zu den Waffen greifen will, der soll das ruhig machen. Aber die wichtigen Konflikte der Zukunft werden keine sein, die auf einem Schlachtfeld zu lösen sind. 

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