Kontrapunkt : Der Dioxin-Skandal und die Vergiftungslustangst

Kein Volk auf der Erde hat so oft und so gern Angst davor, vergiftet zu werden, wie die Deutschen. Malte Lehming beschreibt im "Kontrapunkt", warum die Dioxin-Angst am Ende der Sarrazin-Debatte steht.

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Dioxin ist nicht das einzige Gift, vor dem die Deutschen Angst haben.
Dioxin ist nicht das einzige Gift, vor dem die Deutschen Angst haben.Foto: dpa

Ob Dioxin, Atomstrahlen oder Genmais: Dunkle, unsichtbare, geheimnisvolle Mächte wollen uns aus Profitgier den Garaus bereiten. Das steht fest. Diese deutsche Angstlust ist bekannt, gut dokumentiert und unseren Nachbarn ein stets willkommener Anlass, sich über uns lustig zu machen. Schließlich haben auch sie Atomkraftwerke und ernähren sich kaum gesünder als wir. Aber weil bei ihnen, wie bei uns und überall in der industrialisierten Welt, die Lebenserwartung ständig steigt, sagt ihnen ihr gesunder Menschenverstand, dass die deutsche Hysterie unbegründet und ein schlechter Ratgeber ist.

Nun könnte man unsere Vergiftungsangstlust als harmlosen nationalen Tick abtun. Doch zuvor muss das Warum und Wozu geklärt werden. Das Warum ist relativ einfach: In Moll fühlen sich die Deutschen wohler als in Dur. Ein solides Wirtschaftswachstum, immer niedrigere Arbeitslosenzahlen, langsam steigende Geburtsrate - an sich müssten wir vor Glück und Selbstbewusstsein strotzen. Und ein Blick in die Tagesschau genügt, um zu erkennen, wie gut es dem Land auch im internationalen Vergleich geht. Naturkatastrophen in Haiti (ein Jahr danach), Australien, Brasilien, Repressalien und Revolte in Tunesien, Armut und Hunger in Afrika. Regiert werden wir zwar von etwas farblosen Sachverwaltern, aber wenn die Alternativen Silvio Berlusconi, Nicolas Sarkozy oder Wladimir Putin heißen, lässt sich auch dieser Umstand positiv werten.

Die deutsche Vergiftungsangstlust erklärt sich folglich zum Teil durch unseren Egalitarismus: So lange andere Menschen leiden, wollen wir, gewissermaßen als Prinzessin auf der Erbse, mitleiden. Seht her! Auch wir haben Existenzängste, auch unsere Unversehrtheit ist bedroht. Glück macht sprachlos. Nur Unglück erlaubt Kommunikation. Unsere Hysterie mag unbegründet sein, aber sie lässt uns teilhaben an der Welt der Sorgen und Nöte. So viel zum Warum.

Beim Wozu wird's heikler. Psychologisch gesprochen deutet übertriebene Vergiftungsangst auf unterdrückte Aggressionen hin. Am Beispiel des Vorwurfs der Brunnenvergiftung hat Leon Poliakov diesen Zusammenhang im 2. Band seiner "Geschichte des Antisemitismus" brillant analysiert: "Man legt seine eigenen aggressiven Absichten in die Opfer hinein und unterstellt ihnen seine eigene Grausamkeit." Mit anderen Worten: Wie sich Menschen vor Atomstrahlen und Dioxinen ängstigen, befürchten sie gewissermaßen, dass ihr "Volkskörper" durch fremde Menschen oder Kulturen verunreinigt wird. Die Vergiftungsangstlust wäre dann eine Art Vorstufe zur Putativnotwehr. Vielleicht ist es kein Zufall, dass am Ende der Sarrazin-Debatte nun die Dioxin-Debatte steht.

Gehen Dioxin-Angst und Xenophobie Hand in Hand? Ganz so monokausal ist der Zusammenhang gewiss nicht. Aber historisch betrachtet war deutsche Aggression in ihrem Selbstverständnis immer Abwehr, Verteidigung, Selbstbehauptung. Die Deutschen schafften es, sich von Nachbarn, die nichts als Frieden wollten, umzingelt zu fühlen. Vielleicht ist ihre gegenwärtige Vergiftungslustangst tatsächlich nur ein harmloser nationaler Tick. Aber ganz sicher soll man sich da nicht sein.

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