Kontrapunkt : Der lange Schatten der Finanzkrise

Die Finanzkrise ist menschengemacht – einer von US-Präsident Obama eingesetzten Kommission zufolge war sie vermeidbar. Carsten Kloth beschreibt im Kontrapunkt, wie Schattenbanken und unbewegliche Denkmuster erneut das Weltfinanzsystem bedrohen.

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Diese Bank und der Schatten bedrohen das Weltfinanzsystem nicht - das Schattenbanksystem jedoch schon. Foto: dpa
Diese Bank und der Schatten bedrohen das Weltfinanzsystem nicht - das Schattenbanksystem jedoch schon.Foto: dpa

Der Bericht der US-Kommission ist ein Schlag ins Gesicht der verantwortlichen Politiker und Banker: Gerne hatten sie in der Vergangenheit die Finanzkrise als Naturkatastrophe dargestellt, als eine Art Finanz-Tsunami, der sich über alle ergoss und nicht vorherseh- oder vermeidbar war. So wurde dann lauthals nach staatlicher Rettung gerufen. Alle müssten zusammenstehen um der Katastrophe zu begegnen. Gemeint war: Die Allgemeinheit habe die Verluste einiger weniger zu tragen. Darüber hinaus könne man maximal über ein Frühwarnsystem reden. Weitreichende Regulierungen oder Änderungen im System – unerwünscht.

Die US-Kommission spricht nun jedoch von massivem Versagen und meint damit insbesondere den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und Notenbankchef Ben Bernanke. Doch schon Ex-Präsident Bill Clinton habe mit seinen Lockerungen im Finanzwesen den Grundstein für die Krise gelegt, ebenso wie Deregulierungs-Papst Alan Greenspan. „Gier“ und schlechtes Management auf Seiten der Banken kamen hinzu.

Neu oder überraschend sind die Erkenntnisse dieser Kommission nicht – wer hat schon das Märchen vom „Finanz-Tsunami“ geglaubt. Spannender ist die Frage, ob derartige Krisen in Zukunft verhindert werden können.

Die nächste Krise wirft ihre Schatten voraus

Laut einer aktuellen Studie der Managementberatung Oliver Wyman, die nun auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellt wird, ist die nächste Finanzkrise bereits in Sicht. Neben Spekulationsblasen auf den Rohstoffmärkten und der Gefahr, die von der enormen Staatsverschuldung ausgehe, sei es vor allem der Schattenbanksektor, der Probleme bereiten könnte.

Unter Schattenbanken versteht man Finanzinstitute, die zwar wie Banken Geld leihen und verleihen oder mit Finanzprodukten handeln, aber vergleichsweise wenig reguliert sind: Geldmarktfonds, Zweckgesellschaften und vor allem Private-Equity-Firmen (Heuschrecken) und die umstrittenen Hedge-Fonds.

Die „Experten“ behaupten nun, das starke Wachstum des Schattenbankensystems könne innerhalb der nächsten fünf Jahre zu einer neuen Krise führen. Und tatsächlich: Wie das Handelsblatt schreibt, belaufen sich in den USA nach Angaben der Notenbank die Verbindlichkeiten der Schattenbanken auf 15,3 Billionen Dollar. Dies entspricht in etwa der gesamten Staatsverschuldung des Landes. Im traditionellen Bankensektor sind es nur 12,9 Billionen Dollar. In Ausgründungen finden die riskanten Teile der Finanzindustrie eine neue Heimat.

Nun könnte man meinen, dass diese Analyse Anlass wäre, die Regulierung des Schattenbanksystems endlich in Angriff zu nehmen. Man könnte meinen, dass sie Anlass wäre, Steueroasen, in denen viele Hedge-Fonds sitzen um sich einer Regulierung zu entziehen, konsequent auszutrocknen. Man könnte meinen, dass es ernsthafte Überlegungen geben müsste, die risikoreichen, gesellschaftlich nutzlosen und schädlichen Geschäftsmodelle von Hedge-Fonds und Private-Equity-Unternehmen  zu verbieten. Man könnte meinen, dass die Einführung einer Finanzmarkt-Transaktionssteuer ernsthaft verfolgt werden könnte, um kurzfristige Spekulation einzudämmen und die durch Bankenrettungen gebeutelten Staatshaushalte zu entlasten.

Doch das alles empfehlen die Autoren der Studie nicht. Ihrer Meinung nach drängt starke staatliche Regulierung risikoreiche Aktivitäten aus dem regulierten Bankensystem in den wachsenden Schattenbankensektor. Aufsichtsbehörden sollten zwar regulieren, aber bitte nicht zu viel, um diese Abwanderung nicht zu forcieren. Die Regulierung ist für sie der Schraubstock auf dem Bankensektor, der die Geschäfte in die Schattenbanken presst. Banken-Lobbyisten beklagen ohnehin „regulatorischen Übereifer“ und fordern Ausnahmeregelungen für Investitionen in Hedge-Fonds und Privat Equity. Hier zeigen sie sich wieder, die unbeweglichen alten Paradigmen: das System als gegeben, die Regulierung als Gefahr. Die US-Kommission hat erkannt, dass diese Einstellung in die Finanzkrise geführt hat. Erschreckend ist, dass viele Akteure nicht aus ihren eingefahrenen Denkmustern ausbrechen können. So wirft die nächste Finanzkrise tatsächlich ihre Schatten voraus.

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