Kontrapunkt : Deutschland tanzt, auf dem Vulkan

Deutschland geht es gut, während der Euro ums Überleben kämpft. Dieses Nebeneinander kann nur aushalten, wer sich bereit erklärt zu glauben, dass es um Nachrichten aus Welten geht, die nichts miteinander zu tun haben.

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Deutschland geht es besser als dem Euro.
Deutschland geht es besser als dem Euro.Foto: dapd

Uns geht's ja Gold, Krise vorbei, Export boomt, Arbeitslosigkeit sinkt. Auch der Ami, der das Wirtschaftswunder-Deutschland einstmals möglich gemacht hat, kann uns auch nichts wollen mit seinen Wünschen nach Exportgrenzen. Können wir doch nichts dafür, dass die Chinesen unsere Produkte besser finden.

Den USA geht's schlecht und dem Euro auch. Nach Griechenland wackelt nun das kleine Irland, auf dessen Staatshaushalt die Last der Bankenhilfen aus dem Jahr 2008 drückt. Irland würde sich am liebsten nicht helfen lassen müssen, denn die Hilfe kostet Souveränität. Die europäischen Finanzminister hingegen winken, die einen mehr, die anderen weniger, mit dem EU-Rettungsschirm. Im Hintergrund steht Portugal schon als nächstes Land in der Reihe, vielleicht auch Spanien; beide fürchten, in den Sog der irischen Krise zu geraten. Und im Vordergrund sagt EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, der Kampf ums Überleben des Euro sei noch nicht vorbei.

Griechenland, das war nicht einst, sondern erst im Mai. Die "Ultima Ratio" musste bemüht werden, um das helle Entsetzen zu überdecken, dass doch möglich, wovon einmal das Gegenteil versprochen war. Eine Meldung vom Februar 2010: "Die Bundesregierung plant nach Angaben aus Regierungskreisen keine Hilfsmaßnahmen für Griechenland und will sich damit an das europäische Bailout-Verbot halten, wonach einzelnen Staaten keine Hilfen zur Überwindung von Budgetproblemen gegeben werden dürfen." Das Bailout-Verbot war das Euro-Stabilitätsversprechen. Es kam bekanntlich anders, die Hilfe für Griechenland war unvermeidlich nötig. Es gab einfach keine Alternative. Wieder einmal.

Dass es Deutschland gut geht, während der Euro ums Überleben kämpft, dieses Nebeneinander kann nur aushalten, wer bereit ist zu vergessen oder sich bereit erklärt zu glauben, dass es um Nachrichten aus Welten geht, die nichts miteinander zu tun haben. Wer die öffentliche Debatte in Deutschland um Krisenbewältigung und Euroland ansieht, stellt fest: Das klappt. Politik und Medien verbreiten die frohe Botschaft von deutscher Stärke mit voller Lautstärke und verhandeln Irland, Portugal, Euro oder die weitgehend ergebnislosen G-20-Treffen in den nachrangigen Meldungen. Und das gern so überaus expertisch, dass der durchschnittlich neugierige und interessierte Leser schnell aufgeben muss. Der Ehrgeiz, die tausend Verästelungen und Folgen möglicher Hilfspakete darzustellen, steht in deutlichem Missverhältnis zu den Anstrengungen, den Strukturen und Interessen auf die Spur zu kommen, die dem großen Bankenkrach, dem Griechenland-Drama oder der Irland-Krise zugrunde liegen. Es ist erstaunlich schnell zur Gewohnheit geworden, dass ganze Staaten unter Rettungsschirme müssen und nur noch die dazu nötigen Prozeduren, nicht aber die Ursachen ein öffentlicher Gegenstand sind.

Nach dem 15. September 2008, als die Lehman-Manager mit Pappkartons in den Händen ihr Gebäude verlassen mussten, da wussten auf einmal alle, dass es nicht hatte gut gehen können. Die Selbstkritik der Bannerträger der gänzlichen freien Märkte hielt sich jedoch in Grenzen. Nicht aber die Energie, sich jenseits aller Marktregeln von Staaten retten zu lassen. "Der Regierung in Dublin ginge es heute gar nicht so schlecht, wenn sie eine oder zwei Bankinsolvenzen zugelassen hätte", schreibt heute das "Handelsblatt". Doch dann hätten andere, nämlich deutsche, britische oder französische Banken, dreistellige Milliardenausfälle riskiert. Sie sind davongekommen. Die demokratischen Staaten sind wieder dran. Jetzt kommt auch die Rechnung dafür, die Marktregeln nach der großen Finanzkrise wieder irgendwie zur Geltung zu bringen bei den Steuerzahlern an, auch den deutschen. Nicht nur deshalb ist es ein fragwürdiger Trost, dass es Deutschland relativ gut geht. Jedenfalls, wenn wir nicht ganz vergessen und verdrängen, was im September 2008 plötzlich alle wussten. Zum Beispiel, dass Ungleichgewichte für eine vernetzte Weltwirtschaft ein riesiges Problem werden können. Oder der Fall von Banken "systemische" Risiken birgt, wenn sie zu groß sind, um sie marktgerecht scheitern zu lassen.

Vielleicht ist die einzige Gewissheit dieser Tage, dass die Banken es geschafft haben, so groß zu bleiben. Was umgekehrt heißt: Das Primat der Politik ist nicht zurückerobert worden. Das ist alternativlos, wird es darum in den nächsten Tagen und Wochen, wenn Rettungsschirme über Irland oder Portugal gespannt werden müssen, wieder heißen. Europa, die Demokratien ohne Alternativen? Ein Trauerspiel.

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