Kontrapunkt : Die andere Seite der Medaille

Kanzlerin Angela Merkel hat die Freiheitsmedaille verdient? So sieht es Theologe Richard Schröder. Nur passen Merkel und die amerikanische Auszeichnung überhaupt nicht zusammen.

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Freiheitskämpferin oder Nutznießerin? Bundeskanzlerin Angela Merkel und die amerikanische Freiheitsmedaille
Freiheitskämpferin oder Nutznießerin? Bundeskanzlerin Angela Merkel und die amerikanische FreiheitsmedailleFoto: Reuters

Richard Schröder urteilt, Angela Merkel habe die Freiheitsmedaille verdient. Die amerikanische Freiheitsmedaille? Da hilft ein Blick ins virtuelle Lexikon: „Die Medaille kann vom Präsidenten wie in dieser Verordnung bestimmt an jede Person vergeben werden, die einen besonders verdienstvollen Beitrag geleistet hat, (1) zur Sicherheit oder nationalen Interessen der Vereinigten Staaten, oder (2) den Weltfrieden, oder (3) kulturelle oder andere wichtige öffentliche oder private Unternehmungen.“ Ja, und wer das liest, der fragt sich dann doch, ob und wie das mit Merkel zusammenpasst.

Zur Sicherheit der USA beigetragen: Dass sich Deutschland in Afghanistan engagiert, ist nicht Merkels Verdienst, sondern Folge der Politik ihres Vorgängers, der den USA nach dem Anschlag vom 11. September 2001uneingeschränkte Solidarität zusagte. Was Merkel geleistet hat, ist, dass diese Solidarität nicht eingeschränkt worden ist. Allerdings sollen die deutschen Soldaten bald schrittweise abgezogen werden, was nicht im nationalen Interesse der Amerikaner liegen wird.

Zum Weltfrieden einen Beitrag geleistet: Substanzieller als der anderer Kanzler ist ihr Beitrag nicht ausgefallen. Im Irak oder anderswo, gerade in Libyen, müssen die USA weiter sehen, wie sie zurechtkommen. Wer argumentiert, dass die Weigerung der Deutschen, sich in Libyen an der Seite der USA militärisch zu engagieren, im aktuellen Fall und darüber hinaus richtig ist und eher dem Frieden dient, der hat die US-Position gegen sich und auch noch die der wichtigen europäischen Partner in EU und Nato. Die Türken, zum Beispiel, die auch gegen die Flugverbotszone waren, tun dennoch andererseits erheblich viel mehr, um der Nato beim Fall Libyen und beim Fall Gaddafis zu helfen. Hinzu kommt, dass die Bürgerbewegungen in Nah- und Mittelost laut übereinstimmenden internationalen Berichten vom Freiheitsgedanken beseelt sind, der seinerseits ebenfalls international immer wieder mit dem der Ostdeutschen 1989 verglichen wird. Den zu schützen ist die Allianz angetreten. Deutschland, geführt von einer Ostdeutschen, enthält sich.

Kulturelle oder andere wichtige öffentliche oder private Unternehmungen: Die Kanzlerin war schon einige Male in den USA, das Land ist erklärtermaßen für sie eine Art Sehnsuchtsort. Sie hat jetzt Jürgen Klinsmann und Thomas Gottschalk zum Ehrendinner dazugebeten; das ist ihr kultureller Tribut. Englisch spricht sie auch, ihre Mutter war Englischlehrerin, wenngleich sie das in der DDR nicht unterrichten durfte. Da halfen die Kontakte ihres Vaters nicht, eines evangelischen Pfarrers, der vom Westen in den Osten der Republik gegangen war und in Kirchenkreisen der „rote Kasner“ genannt wurde.

In der DDR ist Angela Merkel, die anders als viele Physik studieren konnte, nicht für Freiheitsbestrebungen bekannt geworden. Bis heute unwidersprochen ist, dass sie als Studentin FDJ-Sekretärin mit der Zuständigkeit für Kultur und damit für Agitation und Propaganda war. Sie sagt, sie habe Feiern mitorganisiert. Das klingt nicht nach Demonstrationen, außer denen der Lebensfreude.

Mit der Wende kam Merkel zum Demokratischen Aufbruch, einer Splitterpartei, geführt von einem später enttarnten Stasi-Spitzel. Sie war dessen Pressesprecherin. Über die Allianz für Deutschland, zusammengebracht von Volker Rühe, wurde sie mit einer größeren Menge gewissermaßen in die CDU gespült und dank Lothar de Maiziere und Günther Krause Ministerin unter Helmut Kohl. Unter ihrem Förderer Wolfgang Schäuble, nach 1998 kurz CDU-Chef, nahm sie sich als seine Generalsekretärin die Freiheit, in einem Zeitungsartikel den bereits abgewählten und ins Abseits geratenen Kohl zu kritisieren.

Ja, und dann nennt Richard Schröder Bärbel Bohley. Wer ihre Jahre in der DDR und ihren Freiheitswillen mit dem von Merkel vergleicht, der wird sehen, dass der unvergleichlich ist. Allerdings ist Bohley nicht Kanzlerin geworden und damit nicht das Symbol für den geglückten Aufstieg einer Ostdeutschen in die höchste deutsche Machtposition nach der Wende. Nur dass sich Angela Merkel selbst nicht als ein solches Symbol verstehen will.

Das tut dafür Schröder. Aber hier hat er recht: Wo Frank Sinatra die Freiheitsmedaille bekommen hat, der über den Sommerwind sang und mit der Mafia spielte, ist Angela Merkel allemal die bessere Wahl. Und das von einem Präsidenten, dem sie es verwehrte, als Kandidat für das heutige Amt vor dem Brandenburger Tor zu sprechen, dem deutschen Symbol der Freiheit.

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