Kontrapunkt : Die einsamen Deutschen

03.06.2011 14:27 UhrVon Sebastian Bickerich
In Athen lassen sich junge Telekom-Arbeitnehmerinnen mit Hakenkreuz-T-Shirts und antideutschen Slogans ablichten. Foto: dpa
In Athen lassen sich junge Telekom-Arbeitnehmerinnen mit Hakenkreuz-T-Shirts und antideutschen Slogans ablichten. - Foto: dpa

Gurken, Griechen, Atom: Deutschland macht eine Politik der Alleingänge, beutet die EU-Schuldenländer aus und spielt den energiepolitischen Oberlehrer, so der Vorwurf. Deutschland merkt nicht, dass es einsam ist in Europa.

Was haben eine spanische Gurke, griechische Telefone und deutsche Atomkraftwerke gemein? Weit mehr, als deutsche Politiker ahnen. Deutschland macht Spanien für Killer- Gurken verantwortlich, später muss sich die deutsche Kanzlerin demütig bei ihrem spanischen Amtskollegen entschuldigen, weil der Verdacht gegen fremdes Gemüse aus Hamburg reichlich unbedarft in die Welt hinausposaunt wurde. In Athen lassen sich junge Telekom-Arbeitnehmerinnen mit Hakenkreuz-T-Shirts und antideutschen Slogans ablichten. Sie fürchten die feindliche Übernahme ihres Unternehmens durch die Deutsche Telekom, an dem der deutsche Staat zu einem knappen Drittel beteiligt ist.

Bei der Atomenergie entscheidet Berlin im europaweiten Alleingang über den Ausstieg. Von einem Vorbild für andere Länder wird vollmundig gesprochen – gefragt hat sie freilich niemand.

Kein Wunder also, dass die Kritik an Berlin in diesen Tagen immer größer wird. Der Vorwurf der EU-Partner ist dabei immer der gleiche: Deutschland macht eine Politik der Alleingänge, beutet die EU-Schuldenländer durch die Übernahme auch des letzten Tafelsilbers wirtschaftlich aus – und spielt dann auch noch den energiepolitischen Oberlehrer.

Natürlich können deutsche Politiker bei allen drei Fällen gute Gründe vorgeben: Den Schutz der Verbraucher, die Freiheit der Märkte, den Schutz der Umwelt, die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz. Und doch müssen sich die Repräsentanten Deutschlands in diesen Tagen stärker bewusst werden, was ihr Handeln im Ausland eigentlich bewirkt und wie ihr Land nach außen wahrgenommen wird. Deutschland ist die mit Abstand größte Wirtschaftsmacht der EU mit der mit Abstand größten Einwohnerzahl. Seine Politik spielt sich nicht im luftleeren Raum ab. „Gurken der Zwietracht“ titelte jüngst eine große französische Zeitung – man mag den Begriff lustig finden, doch hinter harmlosen Gemüse lauert eine tückische Mischung aus nationalen Erwartungen, Ängsten und Stereotypen. Dass eine gefühlte Mehrheit der Menschen in Europa vor Deutschland noch immer Angst hat, zeigen die teils hysterischen Reaktionen der spanischen, griechischen oder französischen Öffentlichkeit ganz deutlich.

Nicht alle Reaktionen sind dabei logisch nachvollziehbar, nicht alle wohl begründet. Doch muss sich die Kanzlerin fragen lassen, ob sie ihre Politik im Ausland noch hinreichend erklärt. So richtig der Atomausstieg ist: Es reicht eben nicht, im Inland aus purem Machterhalt einen 180-Grad-Schwenk zu vollziehen, den aber europaweit nicht zu kommunizieren. Auch die Vorstellung, die Bekämpfung eines gefährlichen Erregers wie Ehec der kleinen Gesundheitsbehörde eines Stadtstaates wie Hamburg zu überlassen, ist für Kenner des deutschen Föderalismus vielleicht nachvollziehbar. Für unsere Nachbarn ist sie es nicht – sie erwarten eine nationale Koordinierung, die Einschaltung der Europäischen Union – und, dass die Kanzlerin vielleicht mal vorher dort anruft, wo Hunderttausende Landwirte durch einen falschen Verdacht nun um ihre Existenz bangen müssen.

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